Ein Essay über William Shakespeare
Es gibt einen Moment in jeder Beschäftigung mit Shakespeare, an dem sich ein leises Unbehagen einstellt. Man liest die Fakten seines Lebens – ein Geburtsjahr, einige Kirchenregistereinträge, eine Heirat, drei Kinder, Immobiliengeschäfte, ein Testament, in dem er seiner Frau das „zweitbeste Bett“ vermacht – und begreift, dass zwischen diesem Leben und diesem Werk ein Abgrund klafft, den keine Biographie je wird schließen können. Kein Mensch, dessen Alltag sich in Grundbucheinträgen, Steuerlisten und Rechtsdokumenten abbildet, sollte scheinbar aus dem Nichts Lear auf der Heide schreien lassen. Und doch war er es.
Vielleicht liegt in dieser Kluft zwischen dem unscheinbaren Mann aus Stratford und dem Kosmos, den er erschaffen hat, bereits ein erster Hinweis darauf, warum Shakespeare uns bis heute nicht loslässt.
Stratford, oder: Die Unsichtbarkeit des Anfangs
William Shakespeare wurde vermutlich am 23. April 1564 in Stratford-upon-Avon geboren, einem Marktflecken in Warwickshire, der weder besonders arm noch besonders bedeutend war. Sein Vater John war Handschuhmacher und Händler und bekleidete zeitweise sogar das Amt des Bürgermeisters. Später geriet die Familie jedoch in wirtschaftliche Schwierigkeiten.
Über Williams Schulzeit wissen wir nichts Sicheres. Wahrscheinlich besuchte er die King’s New School in Stratford, wo ein für die damalige Zeit anspruchsvoller Lateinunterricht auf dem Lehrplan stand: Ovid, Seneca, Plautus und andere klassische Autoren. Vieles von dem, was Shakespeare dort gelernt haben dürfte, lässt sich später in seinen Dramen wiederfinden – in den Metamorphosen seiner Bilder ebenso wie in der Gewalt und Rhetorik der Rachetragödien. Mit achtzehn heiratete Shakespeare Anne Hathaway, die acht Jahre älter war als er. Ihre Tochter Susanna wurde sechs Monate nach der Hochzeit geboren; zwei Jahre später kamen die Zwillinge Hamnet und Judith zur Welt. Dann verliert sich seine Spur für mehrere Jahre.
Die Shakespeare-Forschung spricht von den „lost years“, den verlorenen Jahren. Erst 1592 taucht sein Name wieder auf – und zwar nicht in einem Dokument über seinen Erfolg, sondern in einer Schmähschrift. Der Dramatiker Robert Greene verspottete ihn als „upstart crow“, als aufgeblasene Krähe, die sich mit fremden Federn schmücke. Es ist eine kleine, hässliche Notiz. Und gerade deshalb ist sie für uns so wertvoll. Sie zeigt, dass Shakespeare zu diesem Zeitpunkt bereits eine Größe des Londoner Theaters war – groß genug jedenfalls, um den Ehrgeiz und die Abneigung eines etablierten Dramatikers zu wecken.
Die Leerstelle zwischen Stratford und London hat seit Jahrhunderten die Phantasie beschäftigt. Sie hat Verschwörungstheorien über Bacon, Oxford, Marlowe und andere Autoren Nahrung gegeben. Doch hinter diesen Theorien steckt häufig weniger ein historisches Argument als ein soziales Unbehagen: die Vorstellung, ein Mann ohne Universitätsabschluss, Sohn eines Handwerkers und Geschäftsmanns, könne unmöglich ein Werk von solcher sprachlicher und geistiger Reichweite geschaffen haben.
Gerade darin liegt die Ironie. Weil wir Shakespeare biographisch so wenig greifen können, ist er zu einer Projektionsfläche geworden. Wo die feste Kontur eines Menschen fehlt, beginnt die Nachwelt, sie selbst zu zeichnen.
Vielleicht ist Shakespeare gerade deshalb der universellste unserer großen Autoren geworden.
Vom Schauspieler zum Teilhaber
Als Shakespeare in London Fuß fasste, befand sich das englische Theater in einer außergewöhnlichen Blütezeit. Christopher Marlowe, Robert Greene und Thomas Kyd hatten das Drama der Zeit mit einer neuen sprachlichen Energie geprägt. Besonders Marlowe machte den Blankvers zu einem mächtigen Instrument der Bühne. Shakespeare übernahm dieses Instrument – und entwickelte es weiter, bis es beinahe jede Nuance menschlicher Rede tragen konnte. Marlowes früher Tod im Jahr 1593 veränderte die Landschaft des englischen Theaters. Shakespeare war zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Weg zu einer eigenen Stellung innerhalb der Londoner Bühnenwelt. Er sollte nicht einfach der Nachfolger Marlowes werden. Er wurde etwas anderes.
1594 wurde Shakespeare Mitglied und Teilhaber der Lord Chamberlain’s Men, einer der führenden Theatertruppen Londons, die unter Jakob I. später zu den King’s Men wurden. Das war entscheidend. Shakespeare war nicht bloß ein Autor, der Stücke ablieferte. Er war an der Truppe und später am Globe Theatre wirtschaftlich beteiligt.
Er schrieb also nicht für eine abstrakte Nachwelt. Er schrieb für eine Bühne, für Schauspieler, für Investoren und für ein Publikum, das von Aristokraten bis zu Handwerkern reichte. Seine Stücke mussten zugleich unmittelbar und vieldeutig sein, grob und fein, komisch und philosophisch. Das ist vielleicht einer der Gründe für ihre außergewöhnliche Spannweite. Hamlet konnte als Rachegeschichte funktionieren und zugleich als Stück über Bewusstsein, Zweifel und Selbstbeobachtung. Falstaff konnte das Publikum zum Lachen bringen und zugleich eine der komplexesten Figuren des Stückeschreibers sein. Shakespeare musste nicht zwischen hoher und niedriger Kunst wählen. Er konnte beides gleichzeitig bedienen.
Um 1613 zog er sich weitgehend nach Stratford zurück. Zu diesem Zeitpunkt war er ein wohlhabender Mann und Besitzer von New Place, eines der größten Häuser der Stadt. 1616 starb er. Das oft genannte Datum seines Todes, der 23. April, entspricht seinem Taufdatum und wird traditionell auch als sein Geburtstag bezeichnet; ob Shakespeare tatsächlich an seinem 52. Geburtstag starb, lässt sich nicht sicher sagen. Sieben Jahre später veröffentlichten seine Schauspielerkollegen John Heminges und Henry Condell das First Folio. Ohne diese Ausgabe wären zahlreiche seiner Stücke wahrscheinlich nicht in der Form überliefert worden, in der wir sie heute kennen. Damit wäre die äußere Geschichte im Wesentlichen erzählt. Aber sie erklärt noch nicht, warum Shakespeare geblieben ist.
Warum er nicht verblasst
Warum lesen und spielen wir einen Autor weiter, dessen politische, gesellschaftliche und sprachliche Welt mehr als vier Jahrhunderte entfernt ist? Warum funktionieren seine Stücke in Kulturen, die mit dem elisabethanischen England kaum etwas gemeinsam haben? Eine Antwort liegt in seiner auffälligen Zurückhaltung als Autor.
Shakespeare sagt uns nur selten eindeutig, was wir von seinen Figuren halten sollen. Er liefert keine sichtbare moralische Instanz, die das Geschehen zuverlässig kommentiert. Shylock ist zugleich Täter und Opfer, Falstaff zugleich Verführer und lächerliche Gestalt, Lady Macbeth zugleich Verbrecherin und ein Mensch, der an seinen eigenen Ansprüchen zerbricht. Das bedeutet nicht, dass Shakespeare keine moralischen Fragen stellt. Im Gegenteil: Er stellt sie so hart, dass er uns die Entscheidung darüber oft selbst überlässt.
John Keats nannte diese Fähigkeit später „negative capability“: die Fähigkeit, in Unsicherheit und Widerspruch auszuhalten, ohne sofort nach einer eindeutigen Erklärung zu verlangen. Der Begriff stammt nicht aus der Shakespeare-Forschung, beschreibt aber etwas, das Shakespeares Figuren außergewöhnlich macht. Sie lassen sich nicht vollständig auf eine Botschaft reduzieren. Hamlet ist der Zauderer, der Philosoph, der Sohn, der Rächer, der Schauspieler und der Mann, der sich selbst beim Denken beobachtet. Je länger er spricht, desto weniger selbstverständlich wird seine eigene Position.
Hier liegt eine der großen Leistungen Shakespeares. Seine Figuren sprechen nicht nur, um etwas zu sagen. Sie verändern sich durch das Sprechen. Der Gedanke entsteht auf der Bühne und wird im selben Augenblick wieder infrage gestellt. Harold Bloom hat daraus die provokante These von der „Erfindung des Menschlichen“ entwickelt. Man muss diese Formulierung nicht wörtlich nehmen, um ihre Bedeutung zu verstehen. Shakespeare hat den Menschen nicht erfunden. Aber er hat wie kaum ein anderer vor ihm eine literarische Form gefunden, in der Menschen sich selbst beim Denken, Zweifeln und Verändern beobachten können.
Vielleicht erkennen wir uns deshalb in Hamlet wieder. Nicht weil wir dänische Prinzen wären, sondern weil seine Widersprüche uns vertraut sind: das Aufschieben, das Überdenken, die Selbstbeobachtung, der Versuch, sich selbst durch Sprache zu verstehen.
Hinzu kommt die Sprache. Shakespeare hat den englischen Wortschatz nicht im Alleingang erfunden, auch wenn ihm traditionell eine erstaunliche Zahl von Wortneuschöpfungen zugeschrieben wird. Bei vielen dieser Zuschreibungen ist die Quellenlage unsicher; manches Wort lässt sich bereits vor Shakespeare nachweisen. Seine eigentliche sprachliche Leistung liegt deshalb weniger darin, Wörter erfunden zu haben, als darin, vorhandene Sprache in einer bis dahin kaum gekannten Dichte und Beweglichkeit einzusetzen.
Er konnte ein Bild finden, das einen psychischen Zustand plötzlich sichtbar machte. Er konnte zwischen Umgangssprache, Wortspiel, philosophischer Abstraktion und körperlicher Direktheit innerhalb weniger Zeilen wechseln. Und vielleicht erklärt genau das auch seine Übersetzbarkeit. Was in einer Übersetzung verloren geht, ist die konkrete englische Klangfarbe. Was häufig erhalten bleibt, ist die Konstruktion des Bildes, der Konflikt, die Bewegung eines Gedankens.
Die vierte und vielleicht entscheidende Eigenschaft ist die Bandbreite seiner Konflikte. Macht und ihr Verfall. Eifersucht. Alter. Rache. Begehren. Schuld. Verlust. Die Angst vor Bedeutungslosigkeit. Die Unmöglichkeit, einen anderen Menschen vollständig zu erkennen. Othello handelt nicht nur vom Venedig des 16. Jahrhunderts, sondern davon, wie ein Mensch seine eigene Unsicherheit in die Zerstörung dessen verwandelt, was er am meisten liebt. Lear handelt nicht nur von einer dynastischen Ordnung, sondern von der Katastrophe eines Menschen, dem die äußeren Grundlagen seiner Identität entzogen werden. Die historischen Kostüme wechseln. Die menschlichen Konflikte bleiben.
Der Handwerker, der zum Mythos wurde
Am Ende bleibt jene Spannung stehen, mit der dieser Essay begonnen hat: ein Mann, dessen dokumentiertes Leben aus Immobiliengeschäften, Rechtsangelegenheiten, Familienereignissen und einem lakonischen Testament besteht, hat ein Werk hinterlassen, das von so viel Innenleben, Abgrund und Zärtlichkeit erfüllt ist, dass Generationen von Lesern sich weigerten, an einen gewöhnlichen Menschen als seinen Urheber zu glauben.
Ich halte diese Weigerung für einen Irrtum – aber für einen aufschlussreichen. Sie verrät ein tiefes Bedürfnis: Hinter einem Werk von solcher Totalität möchten wir eine ebenso totale Persönlichkeit vermuten. Wir glauben, dass ein Mensch, der Lear, Macbeth, Hamlet und Falstaff erschaffen konnte, selbst ein außergewöhnlicher, vielleicht sogar übermenschlicher Mensch gewesen sein müsse. Doch möglicherweise war es gerade umgekehrt.
Shakespeare hat uns so wenig von sich hinterlassen, dass seine Figuren seinen Platz einnehmen konnten. Er hat sich als Autor nicht vollständig aus ihnen erklären lassen. Wir wissen nicht, welche seiner Figuren ihm selbst am nächsten stand. Wir kennen seine politischen Überzeugungen nicht in einer Form, die sich eindeutig rekonstruieren ließe. Wir wissen nicht, was er über die Welt dachte, wenn er nicht für die Bühne schrieb. Und gerade deshalb gehört Shakespeare so vielen Zeiten und Kulturen.
Jede Generation kann ihn neu lesen. Jede Epoche kann in Hamlet etwas anderes erkennen, in Shylock etwas anderes, in Lady Macbeth etwas anderes. Das ist nicht die Schwäche eines unvollständig erklärten Werkes. Es ist seine Stärke. Wir kommen zu Shakespeare deshalb nicht nur, um etwas über das elisabethanische England zu lernen. Wir kommen zu ihm, um etwas über uns selbst herauszufinden.
Der Mann aus Stratford lebte ein vergleichsweise unspektakuläres Leben. Sein Werk dagegen scheint beinahe grenzenlos. Vielleicht liegt genau darin sein größtes Geheimnis: Shakespeare musste nicht alle Menschen gewesen sein. Er musste nur Figuren erschaffen, in denen alle Menschen etwas von sich wiedererkennen konnten.
Und so bleibt von dem Mann, über dessen Leben wir erstaunlich wenig wissen, am Ende ein Werk, in dem wir uns selbst erstaunlich gut zu erkennen glauben. Vierhundert Jahre später stehen wir noch immer vor demselben Spiegel. Und noch immer wissen wir nicht ganz, wer darin eigentlich wen betrachtet.
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