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  • 8. September 2026 21:20

KOMMENTAR

Bayern hat Hunderttausende Euro für eine Homöopathie-Studie ausgegeben. Das Ergebnis ist wissenschaftlich wenig ergiebig. Interessanter ist die Frage, weshalb die Politik einer Methode, deren Wirksamkeit nicht überzeugend belegt ist, überhaupt eine eigene Forschungsinitiative widmete.

Man muss nicht über Homöopathie spotten, um sie wissenschaftlich abzulehnen. Es genügt, die Maßstäbe anzulegen, die in der Medizin sonst selbstverständlich sind. Für eine Therapie braucht es einen Nachweis, dass sie mehr bewirkt als ein Placebo. Für eine medizinische Behauptung braucht es belastbare Evidenz. Und je weniger plausibel der behauptete Wirkmechanismus ist, desto überzeugender muss der empirische Nachweis ausfallen.

Bei der Homöopathie ist die Bilanz ernüchternd. Seit mehr als zweihundert Jahren werden homöopathische Präparate als Heilmittel angeboten. Einen belastbaren Nachweis, dass sie Krankheiten über Placeboeffekte hinaus behandeln, gibt es nicht. Auch für das zentrale Prinzip der Homöopathie – die Annahme, dass eine Substanz durch extreme Verdünnung ihre Wirkung behalten oder sogar verstärken könne – existiert keine überzeugende naturwissenschaftliche Grundlage.

Das ist kein persönliches Urteil über Menschen, die Globuli kaufen. Es ist eine Aussage über den Stand der medizinischen Evidenz. Umso bemerkenswerter ist, was sich Bayern geleistet hat.

Ein politischer Forschungsauftrag

Der Bayerische Landtag beschloss, untersuchen zu lassen, ob individualisierte Homöopathie Frauen mit wiederkehrenden Harnwegsinfektionen dabei helfen könne, Antibiotika zu vermeiden. Die Studie wurde an der Technischen Universität München durchgeführt. Das Design war randomisiert, verblindet und placebo-kontrolliert – also grundsätzlich geeignet, eine solche Behauptung seriös zu prüfen.

Vorgesehen waren zunächst 220 Teilnehmerinnen, später 240. Eingeschlossen wurden 40. Die Studie wurde wegen der mangelnden Rekrutierung beendet. (ClinicalTrials.gov)

Das ist kein Vorwurf an die Wissenschaftler. Klinische Studien scheitern aus den verschiedensten Gründen. Nur sollte man deshalb nicht die falsche Frage stellen. Die interessante Frage ist nicht, weshalb die Studie gescheitert ist. Die interessante Frage ist, weshalb der bayerische Staat sie überhaupt in Auftrag gab.

Denn im Jahr 2019 war die Homöopathie keineswegs ein unbeschriebenes Forschungsfeld. Es gab bereits eine lange Reihe klinischer Untersuchungen und systematischer Bewertungen. Die entscheidende Frage – ob homöopathische Präparate einen spezifischen Nutzen über den Placeboeffekt hinaus haben – war keineswegs neu.

Auch der bayerischen Gesundheitsverwaltung waren die wissenschaftlichen Zweifel bekannt. Trotzdem wurde daraus ein staatlich gefördertes Forschungsprojekt. Man kann das „ergebnisoffen“ nennen. Man kann aber auch fragen, ob staatliche Forschungspolitik wirklich jede populäre medizinische Behauptung mit derselben Aufmerksamkeit behandeln sollte wie eine wissenschaftlich plausible und gesundheitspolitisch aussichtsreiche Hypothese.

Ergebnisoffen heißt nicht voraussetzungslos

Das Wort „ergebnisoffen“ klingt in politischen Debatten gerne wie ein Totschlagargument. Schließlich, so die Logik, könne man doch nicht vorher wissen, was eine Studie ergeben werde. Das stimmt. Nur ist das nicht der Punkt. Natürlich weiß man vor einem Experiment nicht sicher, wie es ausgehen wird. Wissenschaft wäre überflüssig, wenn man es immer schon wüsste. Aber Wissenschaft beginnt auch nicht mit der Annahme, jede denkbare Behauptung sei gleich wahrscheinlich.

Ein Medikamentenkandidat wird nicht deshalb untersucht, weil irgendjemand behauptet, er könne wirken. Es gibt Vorarbeiten, biologische Plausibilität, Laborergebnisse, pharmakologische Daten, frühere Studien. Das alles bestimmt, wie sinnvoll eine weitere Untersuchung ist.

Bei der Homöopathie ist die Ausgangslage eine andere. Die Methode steht nicht am Anfang eines vielversprechenden Forschungsprogramms. Sie hat eine sehr lange Forschungsgeschichte hinter sich – ohne den Nachweis, den sie für den Rang einer wirksamen medizinischen Behandlung benötigen würde. Das macht eine neue Studie nicht verboten. Es macht sie begründungspflichtig.

Die Studie hat die Homöopathie nicht widerlegt. Das musste sie auch nicht.

Wer den bayerischen Versuch nun als endgültigen Beweis gegen die Homöopathie verkauft, würde selbst gegen die Regeln sauberer Wissenschaft verstoßen. Dafür war die Studie zu klein.

Mit 40 eingeschlossenen Patientinnen lässt sich die ursprünglich geplante Wirksamkeitsfrage nicht mit der vorgesehenen statistischen Sicherheit beantworten. Das Ergebnis ist deshalb vor allem eines: nicht belastbar genug, um aus dieser Studie allein eine abschließende Aussage über die Wirksamkeit zu treffen. Das ist etwas anderes als ein positiver Befund.

Und es ist schon gar kein Grund, die Homöopathie wieder in den Status einer wissenschaftlich offenen Therapie zu versetzen. Ihre Bewertung erfolgt nicht anhand dieser einen Untersuchung. Sie erfolgt anhand der Gesamtheit der verfügbaren Evidenz. Und dort ist die Lage klar genug: Ein spezifischer therapeutischer Effekt homöopathischer Präparate über Placebo hinaus ist nicht überzeugend nachgewiesen. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen kommt zu keinem anderen grundsätzlichen Befund. Auch internationale Evidenzbewertungen liefern keinen belastbaren Nachweis einer Wirksamkeit bei konkreten Erkrankungen. (IQWiG)

Man muss daraus keine Weltanschauung machen. Es reicht, den Stand der Forschung zur Kenntnis zu nehmen.

Was der Staat dafür bezahlt hat

Nach Angaben des Bayerischen Landtags wurden für das Projekt mehr als 635.000 Euro staatliche Mittel eingesetzt. Hinzu kamen Kosten für die Herstellung der Prüfpräparate. (Bayerischer Landtag)

Für einen Landeshaushalt ist das kein dramatischer Betrag. Der politische Wert einer Ausgabe bemisst sich aber nicht allein daran, ob sie einen Haushalt gefährdet. Die Frage ist, welche Priorität sich darin ausdrückt. Forschungsgeld ist nicht unendlich verfügbar. Wer eine bestimmte Frage finanziert, entscheidet sich zumindest ein Stück weit gegen andere. Das gilt auch dann, wenn die Summe im Verhältnis zum Gesamthaushalt klein erscheint.

Warum also Homöopathie? Warum diese Methode, deren spezifischer Nutzen nicht belegt ist? Warum diese politische Aufmerksamkeit?

Die Antwort kann nicht sein, dass die Homöopathie beliebt ist. Popularität ist in einer Demokratie ein Argument dafür, dass Politiker sich mit einem Thema beschäftigen. Sie ist kein Argument dafür, dass eine medizinische Methode wirksam ist. Der Staat sollte diese beiden Ebenen auseinanderhalten.

Der Placeboeffekt macht aus einer Behandlung keine wirksame Behandlung

Das wird in der Homöopathiedebatte immer wieder vermischt. Ein Patient kann sich nach der Einnahme von Globuli besser fühlen. Das ist möglich und muss nicht einmal eingebildet sein. Beschwerden verändern sich. Krankheiten können von selbst abklingen. Erwartungen beeinflussen die Wahrnehmung. Ein ausführliches Gespräch mit einem Therapeuten kann einen Menschen beruhigen. All das sind reale Effekte.

Nur sind sie kein Beweis dafür, dass die Globuli eine pharmakologische Wirkung entfalten. Genau dafür gibt es kontrollierte Studien. Sie sollen unterscheiden, was nach einer Behandlung passiert, von dem, was durch diese Behandlung verursacht wird. Der Unterschied klingt banal. In der Medizin ist er fundamental.

Wer ihn verwischt, kann fast jede Behandlung als erfolgreich darstellen. Die Homöopathie profitiert davon besonders.

Politisch bequem, wissenschaftlich nicht überzeugend

Man kann verstehen, warum die Homöopathie politisch attraktiv ist. Sie verspricht eine einfache Antwort auf ein reales Problem: weniger Medikamente, weniger Antibiotika, weniger Nebenwirkungen, eine sanfte Behandlung. Nur lässt sich aus einem sympathischen Versprechen keine Wirksamkeit ableiten. Gerade beim Thema Antibiotika ist das relevant. Wenn eine alternative Behandlung tatsächlich verhindern könnte, dass Patientinnen Antibiotika benötigen, wäre das gesundheitspolitisch hochinteressant. Antibiotikaresistenzen sind ein ernstes Problem. Eine wirksame Prävention wiederkehrender Harnwegsinfektionen wäre wertvoll.

Aber dann muss die Behandlung eben wirken. Das ist der Moment, in dem die Homöopathie an den eigenen Anspruch zurückverwiesen werden muss. Sie kann nicht gleichzeitig medizinische Wirkung beanspruchen und sich bei der Begründung dieser Wirkung auf die Tatsache berufen, dass Patienten sich besser fühlen. Die Medizin hat für solche Behauptungen einen strengeren Maßstab entwickelt. Das ist ihr Fortschritt.

Die CSU hat hier vor allem eine wissenschaftspolitische Frage zu beantworten

Die damalige Initiative wurde von CSU und Freien Wählern getragen; auch Abgeordnete anderer Fraktionen unterstützten sie. Deshalb wäre es falsch, den Vorgang als ausschließliches CSU-Projekt darzustellen. Die politische Verantwortung der damaligen Regierungsmehrheit bleibt dennoch bestehen. (Bayerischer Rundfunk)

Der Vorwurf sollte deshalb auch nicht lauten, die CSU sei „gegen Wissenschaft“. Dafür gibt es keinen Beleg. Der Vorwurf ist präziser: Sie hat einer wissenschaftlich nicht überzeugend belegten Heilmethode eine politische Forschungspriorität eingeräumt, obwohl die vorhandene Evidenz diese Sonderstellung nicht nahelegte.

Das ist ein Unterschied. Und gerade deshalb ist er schwerer wegzudiskutieren. Denn wenn die Politik sich auf wissenschaftliche Evidenz beruft, muss sie das auch dann tun, wenn die Evidenz unbequem ist. Sie kann nicht einerseits bei Impfstoffen, Medikamenten oder anderen Gesundheitsthemen höchste wissenschaftliche Standards verlangen und andererseits bei der Homöopathie die gesellschaftliche Popularität als Grund für eine Sonderbehandlung akzeptieren.

Das wäre kein Prinzip. Das wäre Beliebigkeit.

Eine Frage, die längst beantwortet ist

Die bayerische Studie hat also nicht gezeigt, dass Globuli wirken.

Sie hat vor allem gezeigt, wie schwierig es ist, eine klinische Studie zu einem Thema zu rekrutieren, dessen wissenschaftlicher Status längst weitgehend geklärt ist. Das ist eine ziemlich teure Art, eine politische Frage zu stellen.

Der Staat darf Menschen ihre Homöopathie lassen. Er darf auch Forschung zu ungewöhnlichen medizinischen Hypothesen ermöglichen, wenn dafür eine überzeugende wissenschaftliche Begründung existiert. Aber er sollte nicht aus gesellschaftlicher Beliebtheit wissenschaftliche Relevanz machen.

Die Homöopathie ist keine Therapie. Sie ist eine Methode mit langer Tradition, großer Anhängerschaft und fehlendem Nachweis eines spezifischen therapeutischen Nutzens. Für eine wissenschaftsbasierte Gesundheitspolitik sollte das genügen.

Und für eine Partei, die gern vom gesunden Menschenverstand spricht, eigentlich auch.

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By Lena Wallner

Lena Wallner ist Journalistin und behandelt vor allem politische und gesellschaftliche Themen. Sie schreibt über aktuelle Entwicklungen und gesellschaftliche Zusammenhänge. Ihre Texte zeichnen sich durch ein ausgezeichnetes Netzwerk und die Einbindung relevanter Quellen aus.

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