Dreizehn Menschen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz wollen einen neuen Anlauf für bessere Innenraumluft versuchen. Sie kommen aus unterschiedlichen Zusammenhängen und haben nicht in allen Fragen dieselben Vorstellungen. Einig sind sie sich in einem Punkt: Bei der Luftqualität in Schulen, Kitas, Gesundheitseinrichtungen und anderen öffentlichen Innenräumen könnte mehr erreicht werden.
Es gab eine Zeit, da gehörte das Lüften zum Alltag. In Klassenzimmern wurden Fenster geöffnet, CO₂-Messgeräte aufgestellt und mobile Luftreiniger angeschafft. Die Frage, wie sich die Luft in Innenräumen verbessern lässt, war während der Corona-Pandemie plötzlich ein Thema für die breite Öffentlichkeit.
Heute ist davon im Alltag deutlich weniger zu spüren.
Das Problem allerdings ist geblieben. Menschen verbringen einen großen Teil ihres Lebens in Innenräumen – in Schulen und Kitas, Büros und Werkstätten, Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, Behörden, öffentlichen Verkehrsmitteln und anderen öffentlichen Räumen. Wie gut die Luft dort ist, hängt unter anderem von der Bauweise, der Nutzung und den Möglichkeiten zur Lüftung ab.
Dass die Situation vielerorts nicht optimal ist, zeigen Untersuchungen. In Deutschland werden nach Angaben des Umweltbundesamtes rund 90 Prozent der Schulen überwiegend über Fenster gelüftet. Das kann theoretisch funktionieren, setzt aber regelmäßiges und ausreichendes Lüften sowie geeignete Raumverhältnisse voraus. Gerade bei voller Belegung der Räume und kühlen Außentemperaturen stößt diese Form der Lüftung besonders in den Wintermonaten an ihre Grenzen – dicke Luft in Klassenzimmern ist so eher die Regel als die Ausnahme.
Auch in der Schweiz gibt es entsprechende Befunde. Das Bundesamt für Gesundheit hat bei Untersuchungen in Schulen in rund zwei Dritteln der untersuchten Räume eine ungenügende Luftqualität festgestellt. Ein wichtiger Indikator ist dabei die CO₂-Konzentration. Sie zeigt nicht an, ob sich ein bestimmter Krankheitserreger in einem Raum befindet. Ein hoher Wert weist aber darauf hin, dass zu wenig Frischluft zugeführt wird. Damit können sich ausgeatmete Aerosole stärker im Raum anreichern. Forschungen, unter anderem des Bristoler Forschers Haddrell, zeigen zudem, dass die Überlebensfähigkeit bestimmter Viren in Innenräumen von den Bedingungen der Raumluft beeinflusst wird.
In Österreich gibt es inzwischen eine eigene Richtlinie zur Bewertung der Innenraumluft, die unter anderem Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser und andere öffentliche Gebäude berücksichtigt.
Die Erkenntnisse sind also vorhanden. Was weniger klar ist: Welche Konsequenzen werden daraus dauerhaft gezogen?
Was bleibt von den Erfahrungen der Pandemie?
Während der Pandemie wurden in kurzer Zeit in einigen Regionen in Deutschland für einen Teil der Schulen Luftreiniger angeschafft, Lüftungskonzepte entwickelt und CO₂-Messgeräte eingesetzt. Ein Teil dieser Maßnahmen war als Reaktion auf eine akute Ausnahmesituation gedacht. Die weitergehende Frage lautet deshalb, was davon unabhängig von einer Pandemie sinnvoll und dauerhaft sein könnte.
Denn gute Innenraumluft ist nicht nur eine Frage des Infektionsschutzes. Eine ausreichende Frischluftzufuhr senkt die CO₂-Konzentration und kann die Übertragung von Atemwegsinfektionen reduzieren. Sie betrifft auch Gerüche, bestimmte Schadstoffe und das Raumklima. Gerade in Schulen wird zudem über mögliche Auswirkungen schlechter Luft auf Konzentration und Wohlbefinden gesprochen.
Trotzdem spielt die Qualität der Innenraumluft in der öffentlichen Debatte heute eine wesentlich geringere Rolle als während der Pandemie.
Das hat auch mit den unterschiedlichen Zuständigkeiten zu tun. Schulen, öffentliche Gebäude und Arbeitsplätze unterliegen unterschiedlichen Regelungen. Hinzu kommen Fragen der Finanzierung, des Gebäudebestands und der technischen Möglichkeiten. Eine einheitliche Lösung für alle Gebäude kann es ohnehin nicht geben.
Umso wichtiger wäre die Frage, welche Mindestanforderungen sinnvoll sind und wie sie im Alltag überprüft werden können.
Ein gemeinsames Thema trotz bestehender Unterschiede
Hier setzt die Initiative von dreizehn Personen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz an, die ihren Aufruf unter der Überschrift „Gemeinsam für saubere Innenraumluft“ unter anderem auf Bluesky veröffentlicht hat.
Sie haben sich in unterschiedlichen Zusammenhängen für besseren Infektionsschutz beziehungsweise bessere Innenraumluft eingesetzt. Es gibt unterschiedliche Erfahrungen, Schwerpunkte und Einschätzungen – und, wie die Initiatoren selbst schreiben, auch Vorbehalte, Meinungsverschiedenheiten und Konflikte.
Diese Unterschiede sollen nicht einfach verschwinden.
Die Idee ist vielmehr, dass sie für ein begrenztes gemeinsames Ziel auch nicht verschwinden müssen.
Die Gruppe will deshalb zunächst keine neue Organisation gründen und auch keine bestehenden Initiativen unter einem gemeinsamen Dach zusammenführen. Stattdessen soll ausgelotet werden, ob eine lose Zusammenarbeit möglich ist. Im Mittelpunkt stehen dabei praktische Fragen: bessere Lüftung, Luftfilterung, CO₂-Monitoring, moderne Raumlufttechnik und klare Standards für öffentliche Innenräume.
Das klingt zunächst nach einem kleinen Schritt. Gerade angesichts der teilweise verhärteten Debatten der vergangenen Jahre könnte darin aber ein interessanter Ansatz liegen.
Denn man muss nicht in allen Fragen des Infektionsschutzes derselben Meinung sein, um sich darüber zu verständigen, dass die Luft in einem Klassenzimmer, einem Pflegeheim oder einem Wartezimmer möglichst gut sein sollte.
Deutschland, Österreich und die Schweiz
Der Blick über die Landesgrenzen ist dabei nicht nur geografisch interessant. Deutschland, Österreich und die Schweiz haben unterschiedliche politische Zuständigkeiten, Regelungen und Erfahrungen. Gleichzeitig stehen sie vor ähnlichen Herausforderungen: ältere Gebäude, hohe Anforderungen an Energieeffizienz, sommerliche Hitze und die Frage, wie Räume gleichzeitig komfortabel, energieeffizient und hygienisch betrieben werden können.
Gerade deshalb könnten Erfahrungen aus den drei Ländern voneinander profitieren. Welche Standards gelten bereits? Wo wird die Luftqualität regelmäßig gemessen? Wo werden bei Neubauten und Sanierungen moderne Lüftungskonzepte eingesetzt? Und warum verlässt man sich weiterhin vor allem darauf, dass auch in kalten Wintermonaten immer jemand im richtigen Moment ein Fenster öffnet?
Die Initiatoren wollen zunächst miteinander ins Gespräch kommen, Gemeinsamkeiten suchen und mögliche nächste Schritte sammeln. Eingeladen sind weitere Menschen aus unterschiedlichen Zusammenhängen, die sich an einer solchen Zusammenarbeit beteiligen möchten. Ob daraus ein dauerhaftes Netzwerk bestehender Gruppen und Vereine sowie neuer Aktivistinnen und Aktivisten entsteht, ist offen. Ebenso offen ist, ob es gelingt, aus dem gemeinsamen Thema konkrete politische oder praktische Veränderungen abzuleiten.
Denn die Pandemie hat eine Tatsache sichtbar gemacht, die auch nach ihr gilt: Die Qualität der Luft in Innenräumen ist keine vorübergehende Frage. Wer in einer Schule unterrichtet, in einem Büro arbeitet, in einem Pflegeheim lebt oder in einem Krankenhaus behandelt wird, ist auf Räume angewiesen, deren Luftqualität nicht erst dann Aufmerksamkeit bekommt, wenn die nächste Krise beginnt.
Die dreizehn Initiatoren wollen deshalb zunächst etwas versuchen, das in den vergangenen Jahren nicht immer selbstverständlich war: trotz unterschiedlicher Positionen bei einer konkreten Frage miteinander ins Gespräch zu kommen. Interessentinnen und Interessenten können unter folgender Mailadresse mit der Initiatorengruppe in Kontakt treten: saubereinnenraumluft@gmail.com
Weiterführende Informationen
- Umweltbundesamt: Lüftungssituation und Raumluftqualität in deutschen Schulen – zur Lüftungssituation und CO₂-Belastung in deutschen Schulen.
- Bundesamt für Gesundheit (Schweiz): Luftwechsel in Schweizer Schulen – Bericht zu Projekt und Datenerhebung – Ergebnisse der Untersuchung zur Luftqualität in Schweizer Schulzimmern.
- Österreichisches Bundesministerium: Richtlinie zur Bewertung der Luftqualität von Innenräumen – Richtlinien und Empfehlungen zur Innenraumluft, darunter auch CO₂ als Lüftungsparameter.
- Haddrell et al., Nature Communications: Ambient carbon dioxide concentration correlates with SARS-CoV-2 aerostability and infection risk – wissenschaftliche Originalstudie zum Zusammenhang zwischen CO₂-Konzentration und der Stabilität von SARS-CoV-2 in Aerosolen.
- WHO/Europe: Methods for monitoring indoor air quality in schools – Grundlagen und Methoden zur Messung und Bewertung der Innenraumluft in Schulen, einschließlich CO₂-Monitoring.
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