Hitze ist an Schulen längst mehr als eine Frage des Komforts. Sie kann die körperliche Belastung erhöhen, die Konzentration beeinträchtigen und die Bedingungen für gute Innenraumluft verschlechtern. Trotzdem fehlt vielen Schulgebäuden noch immer ein Konzept für den Sommer.
Es gibt diesen Moment an heißen Schultagen, an dem sich die Atmosphäre im Klassenzimmer verändert. Die Fenster stehen weit offen, obwohl draußen die heißeste Luft des Tages steht. Auf den Tischen stehen Wasserflaschen. Die Jalousien sind heruntergelassen. Die Kinder werden unruhiger, manche legen den Kopf auf die Arme. Der Lehrer versucht, den Unterricht fortzusetzen. Was genau in diesem Moment noch als normaler Unterricht gelten kann, ist keine ganz triviale Frage.
Denn Hitze macht nicht nur müde. Der Körper muss mehr leisten, um seine Temperatur zu regulieren. Bei starker oder anhaltender Wärme können Erschöpfung, Kreislaufprobleme und andere gesundheitliche Belastungen auftreten. Die Weltgesundheitsorganisation zählt Hitze inzwischen ausdrücklich zu den wichtigen Gesundheitsrisiken und weist darauf hin, dass sehr heißes Wetter auch das Lernen erschweren kann.
Auch für die schulische Leistung gibt es inzwischen eine wachsende wissenschaftliche Evidenz. Eine im Sommer 2026 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit wertete die bisherige Forschung zum Einfluss der Temperatur auf die akademische Leistung von Kindern aus. Über die untersuchten Arbeiten hinweg zeigte sich ein allgemeiner Zusammenhang zwischen höheren Temperaturen und schlechteren schulischen Leistungen.
Das ist keine Überraschung. Interessant ist vielmehr, dass die Forschung inzwischen versucht, aus dem alltäglichen Eindruck eine messbare Größe zu machen. Wie viel schlechter wird eine Aufgabe gelöst, wenn der Raum nicht mehr angenehm kühl, sondern deutlich zu warm ist? Und welche Kinder sind davon besonders betroffen?
Die Antwort ist nicht für alle gleich. Alter, körperliche Verfassung, Bewegung, Flüssigkeitszufuhr und Gewöhnung an Wärme spielen eine Rolle. Ein gesunder Schüler kann einen warmen Klassenraum durchaus verkraften. Daraus folgt aber nicht, dass Wärme für das Lernen folgenlos bleibt.
Das Problem beginnt dort, wo aus Wärme eine dauerhafte Belastung wird.
Nicht nur eine Frage der Temperatur
Hinzu kommt ein Problem, das bei der Diskussion über Hitzeschutz leicht übersehen wird: die Luft. Wenn es draußen heiß wird, ist Lüften plötzlich nicht mehr selbstverständlich. Am Morgen kann ein weit geöffnetes Fenster den Raum noch angenehm abkühlen. Am frühen Nachmittag dagegen kann dadurch genau die Wärme hereinkommen, die man eigentlich loswerden möchte. Also bleiben die Fenster geschlossen. Die Luft wird schlechter.
Bei Viren ist dabei eine Unterscheidung wichtig. Es wäre falsch zu behaupten, Hitze lasse die „Virenlast“ in einem Klassenzimmer grundsätzlich steigen. Für Schulen ist ein anderer Zusammenhang entscheidender: Menschen geben beim Atmen und Sprechen Aerosole ab. Befinden sich darunter infektiöse Partikel, können sie sich in schlecht gelüfteten Innenräumen anreichern. Das Umweltbundesamt weist deshalb auf die Bedeutung eines ausreichenden Luftaustauschs in Klassenräumen hin. CO₂ kann dabei als Indikator für die Lüftung dienen – es misst allerdings nicht die Konzentration von Viren.
Das sommerliche Klassenzimmer bekommt damit ein Dilemma: Man muss Wärme hinausbekommen, ohne die Luftqualität aus dem Blick zu verlieren. Auch die Vorstellung, Wärme führe einfach zu „mehr Bakterien“, wäre zu grob. Für das Wachstum vieler Mikroorganismen in Gebäuden ist vor allem Feuchtigkeit entscheidend. Die Weltgesundheitsorganisation kommt in ihren Leitlinien zu Innenraumluft und Feuchtigkeit zu dem Schluss, dass anhaltende Feuchtigkeit und damit verbundenes mikrobielles Wachstum mit einem erhöhten Auftreten von Atemwegssymptomen, Allergien und Asthma verbunden sind.
Hitze, Feuchtigkeit und schlechte Lüftung sind also nicht dasselbe Problem. In einem Schulgebäude können sie aber zusammenkommen.
Die Architektur entscheidet mit
Viele Schulen versuchen, dieses Problem mit den Mitteln des Augenblicks zu lösen: Ventilator, Wasserflasche, geöffnete Fenster, vielleicht früherer Unterrichtsschluss. Das kann für einen einzelnen heißen Tag funktionieren. Als Strategie für die kommenden Jahrzehnte reicht es nicht.
Der beste sommerliche Wärmeschutz beginnt nämlich dort, wo die Wärme entsteht: außerhalb des Klassenzimmers. Außenliegender Sonnenschutz verhindert, dass die Sonneneinstrahlung überhaupt in den Raum gelangt. Gute Dämmung, geeignete Fenster, begrünte Außenflächen und Möglichkeiten zur nächtlichen Auskühlung können ebenfalls dazu beitragen, dass ein Gebäude sich weniger stark aufheizt. Das klingt banal. In vielen Schulgebäuden ist es das offenbar nicht.
Gerade ältere Gebäude sind häufig nicht für eine Situation geplant worden, in der sommerliche Überhitzung regelmäßig zum Problem wird. Große Fensterflächen, fehlende Verschattung und schwere, sich tagsüber aufheizende Bauteile können dazu führen, dass ein Raum auch dann noch warm ist, wenn draußen die Temperatur längst wieder fällt. Die Klimaanlage kann dann zum scheinbar einfachen Ausweg werden. Sie ist aber nicht immer der beste erste Schritt. Wer ein schlecht verschattetes Gebäude kühlen will, muss zunächst gegen die Wärme arbeiten, die man zuvor ungehindert hineingelassen hat.
Und es gibt noch einen zweiten Zielkonflikt: Ein Gebäude muss im Sommer kühl genug und zugleich ausreichend mit Frischluft versorgt sein. Das lässt sich technisch lösen, aber nicht mit einem einzigen Knopf.
Hitzefrei reicht nicht
Deshalb greift auch die alte Frage zu kurz, ab welcher Temperatur es „Hitzefrei“ geben sollte. Natürlich kann es Situationen geben, in denen Unterricht bei extremer Hitze nicht mehr sinnvoll oder gesundheitlich vertretbar ist. Aber eine einzelne Temperaturgrenze kann die tatsächliche Belastung eines Raumes nur unvollkommen abbilden. Sonneneinstrahlung, Luftfeuchtigkeit, Luftbewegung, Aufenthaltsdauer und körperliche Aktivität verändern die Situation erheblich.
Auch die OECD kommt in einer aktuellen Analyse zu dem Schluss, dass steigende Temperaturen die Lernbedingungen unmittelbar beeinträchtigen und zugleich zu Unterrichtsausfällen führen können. Als Reaktion nennt sie sowohl bauliche Anpassungen als auch Veränderungen von Stundenplänen und Schulkalendern. Keine dieser Maßnahmen allein dürfte das Problem lösen.
Ein überhitzter Klassenraum ist außerdem nicht nur eine Frage des Wohlbefindens. Wenn Schülerinnen und Schüler an heißen Tagen schlechter lernen, Prüfungen unter ungünstigeren Bedingungen schreiben oder Unterricht ausfällt, berührt das irgendwann auch die Frage der Bildungsgerechtigkeit.
Denn die Schule kann sich ihre räumlichen Bedingungen nicht aussuchen. Ein Kind in einem sanierten, verschatteten Gebäude hat bei einer Hitzewelle andere Voraussetzungen als eines in einem schlecht gedämmten Altbau mit großen Fenstern nach Süden.
Das ist einer der Gründe, warum Hitzeschutz nicht als zusätzliche Komfortausstattung betrachtet werden sollte. Er gehört zur Infrastruktur einer Schule – so wie Heizung, Beleuchtung und funktionierende Sanitäranlagen.
Ein sinnvoller Hitzeschutzplan müsste deshalb weit über die Frage hinausgehen, wann der Unterricht endet. Er müsste festlegen, wann verschattet wird, welche Räume genutzt werden können, wie der Sportunterricht angepasst wird, wann gelüftet wird und wie bei besonders belastenden Wetterlagen vorgegangen wird. Vor allem aber sollte ein solcher Plan nicht erst entstehen, wenn die erste Hitzewelle da ist.
Ein anderes Verständnis von Schule
Vielleicht liegt darin die eigentliche Schwierigkeit. Über Schulgebäude wird in Deutschland noch immer vor allem im Zusammenhang mit Sanierungsstau gesprochen: Dächer sind undicht, Heizungen veraltet, Fenster müssen ersetzt werden. Der Sommer zwingt dazu, anders auf diese Gebäude zu schauen.
Ein Klassenzimmer ist kein neutraler Raum, in dem Unterricht unabhängig von seiner Umgebung stattfinden kann. Wärme wirkt auf den Körper und damit auf die Aufmerksamkeit. Lüftung wirkt auf die Luft, die alle im Raum teilen. Feuchtigkeit kann die Bedingungen für mikrobielles Wachstum verändern. Und die Architektur entscheidet wesentlich darüber, wie viel Hitze überhaupt in das Gebäude gelangt.
Das alles gehört zusammen, ohne dass daraus ein einziges „Hitzeproblem“ gemacht werden sollte. Die Schule der Zukunft muss deshalb nicht zwangsläufig klimatisiert sein. Sie muss aber so gebaut und betrieben werden, dass Kinder auch an heißen Tagen dort lernen können.
Die WHO empfiehlt für den Umgang mit zunehmender Hitze ausdrücklich einen systematischen Ansatz: Frühwarnung, die Berücksichtigung besonders gefährdeter Gruppen, Kommunikation, Maßnahmen zur Verringerung der Hitzeexposition sowie Überwachung und Auswertung sollen ineinandergreifen.
Für Schulen bedeutet das vor allem eines: Sie sollten nicht erst dann reagieren, wenn das Klassenzimmer bereits zum Hitzeraum geworden ist. Es geht nicht darum, jeden warmen Tag zum Ausnahmezustand zu erklären. Es geht um eine nüchterne Anpassung an eine veränderte Realität. Ein Schulgebäude muss im Sommer nicht kühl wie ein Kühlschrank sein. Aber es sollte ein Ort bleiben, an dem Kinder gesund bleiben und lernen können.
Daran sollte sich Hitzeschutz messen lassen.
Quellen
- Umerani, A. et al. (2026): Climate, Classrooms, and Children: A Systematic Review of Temperature-Related Impacts on Academic Performance. Journal of School Health, 96(8).
DOI: https://doi.org/10.1111/josh.70197 - World Health Organization (WHO) (2026): Heat and health. Fact sheet (Stand Juli 2026).
https://www.who.int/news-room/fact-sheets/detail/climate-change-heat-and-health - World Health Organization – Regional Office for Europe (2009): WHO guidelines for indoor air quality: dampness and mould. Copenhagen.
https://apps.who.int/iris/handle/10665/164348
(Volltext-PDF oft über diesen Link oder die WHO-IRIS-Seite erreichbar) - Umweltbundesamt (UBA), Kommission Innenraumlufthygiene: Richtig Lüften in Schulen. Empfehlungen zu Luftaustausch, CO₂ und virushaltigen Aerosolen in Klassenräumen.
https://www.umweltbundesamt.de/richtig-lueften-in-schulen - Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD) (2026): What are the likely impacts of rising temperatures on students and how are countries adapting? Education Indicators in Focus, No. 91, 12 March 2026.
DOI: https://doi.org/10.1787/960244d5-en
Direktseite: https://www.oecd.org/en/publications/what-are-the-likely-impacts-of-rising-temperatures-on-students-and-how-are-countries-adapting_960244d5-en.html - World Health Organization – Regional Office for Europe (2026): Heat–health action plans: guidance, second edition. 11 June 2026.
https://www.who.int/europe/publications/i/item/9789289062930
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