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  • 8. September 2026 20:14

Rente und Entwicklung: Zwei Formen des autoritären Kapitalismus in Russland und China

ByMatthias Walter

Aug. 12, 2026

Eine politische Ökonomie jenseits der alten Kategorien

Politische Systeme werden häufig anhand vertrauter Gegensätze beschrieben: Kapitalismus oder Sozialismus, Markt oder Plan, Demokratie oder Autokratie. Solche Kategorien haben historische Bedeutung, reichen aber oft nicht aus, um die tatsächliche Funktionsweise moderner Staaten zu erklären. Gerade Russland und China zeigen, dass Märkte, Privateigentum und staatliche Steuerung in sehr unterschiedlichen politischen Zusammenhängen miteinander verbunden werden können.

Beide Länder haben sich vom klassischen Modell der zentralen Planwirtschaft entfernt und verfügen heute über marktwirtschaftliche Elemente: private Unternehmen, Wettbewerb, internationale Handelsbeziehungen und Preismechanismen. Gleichzeitig unterscheiden sie sich erheblich darin, welche Rolle der Staat spielt, wie Eigentumsrechte geschützt werden und welche wirtschaftlichen Ziele die politische Führung verfolgt.

Eine hilfreiche Unterscheidung liegt daher nicht allein zwischen Markt und Staat, sondern zwischen unterschiedlichen Formen staatlich geprägter Kapitalismen. Russland lässt sich in weiten Teilen als ein rohstoffgestützter Rentierkapitalismus beschreiben, während China Elemente eines entwicklungsorientierten Staatskapitalismus aufweist. Beide Modelle besitzen eigene Stärken und eigene strukturelle Grenzen.

Der Vergleich zeigt damit weniger zwei Varianten desselben Systems als zwei unterschiedliche Antworten auf eine zentrale politische Frage: Wie organisiert ein Staat wirtschaftliche Macht – und welche langfristigen Anreize entstehen daraus?

I. Russland: Die politische Ökonomie der Rohstoffrente

Der Begriff der Rente bezeichnet in der politischen Ökonomie Einkommen, das aus der Verfügung über knappe Ressourcen oder privilegierte Zugänge entsteht. Eine Rohstoffrente entsteht beispielsweise dann, wenn der Marktpreis eines Rohstoffs deutlich über den Kosten seiner Förderung liegt. Die Differenz bildet eine Einnahmequelle, die nicht unmittelbar aus Innovation oder produktiver Effizienz entsteht, sondern aus dem Besitz oder der Kontrolle einer Ressource.

Russlands Wirtschaftsstruktur ist seit Jahrzehnten stark von solchen Rohstofferlösen geprägt. Öl und Gas spielen eine zentrale Rolle für Exporte, Staatseinnahmen und die außenwirtschaftliche Position des Landes. Diese Abhängigkeit ist kein ausschließlich russisches Phänomen; zahlreiche rohstoffreiche Staaten stehen vor ähnlichen Herausforderungen. Entscheidend ist dabei nicht die Existenz von Rohstoffen allein, sondern die Qualität der Institutionen, die über deren Nutzung entscheiden.

Die russische Entwicklung nach dem Ende der Sowjetunion prägte diese institutionelle Frage besonders stark. Die Privatisierungsprozesse der 1990er Jahre führten zur Entstehung großer privater Vermögen, wobei der Zugang zu ehemaligen Staatsunternehmen häufig eng mit politischen Beziehungen verbunden war. In dieser Phase entstanden die Netzwerke, die später als Oligarchenstrukturen bekannt wurden.

Unter Wladimir Putin wurde diese Ordnung nicht vollständig aufgelöst, sondern neu organisiert. Der Staat gewann die Kontrolle über strategisch wichtige Bereiche zurück, insbesondere im Energie- und Rohstoffsektor. Gleichzeitig blieb privates Eigentum möglich, solange es mit den politischen Rahmenbedingungen vereinbar war. Der Fall des ehemaligen Yukos-Managers Michail Chodorkowski wurde international als Beispiel dafür interpretiert, dass Eigentumsrechte in Russland stärker von politischen Faktoren abhängig sein können als in liberalen Marktwirtschaften.

Diese Struktur hat wirtschaftliche Folgen. Wo politische Beziehungen einen entscheidenden Einfluss auf wirtschaftlichen Erfolg haben, können Anreize für Innovation, Wettbewerb und langfristige Investitionen geschwächt werden. Rohstoffreiche Staaten stehen häufig vor dem Problem, dass hohe Einnahmen aus natürlichen Ressourcen den Druck reduzieren können, andere Wirtschaftsbereiche auszubauen. Dieses Phänomen wird in der Forschung häufig als „Ressourcenfluch“ oder „resource curse“ diskutiert.

Russland hat wiederholt versucht, seine Wirtschaft stärker zu diversifizieren und technologische Fähigkeiten auszubauen. Die Ergebnisse blieben jedoch begrenzt. Die starke Bedeutung des Energie- und Rohstoffsektors sowie die politische Konzentration wirtschaftlicher Macht haben eine umfassende institutionelle Modernisierung erschwert.

Die entscheidende Eigenschaft des russischen Modells liegt daher weniger darin, dass der Staat wirtschaftlich präsent ist – das trifft auch auf viele andere Länder zu –, sondern darin, dass wirtschaftliche Chancen stark mit politischer Nähe verbunden bleiben. Dadurch entsteht eine Wirtschaftsordnung, in der die Kontrolle über bestehende Ressourcen häufig wichtiger ist als die Entwicklung neuer Produktionskapazitäten.

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By Matthias Walter

Matthias Walter ist Fachinformatiker, Autor und Kolumnist bei DMZ-News. Er schreibt zu Fußball und Sportkultur, Politik, politischer Philosophie, Gesellschaft, Lyrik und Essays. Seine Texte verbinden journalistische Recherche mit philosophischen und literarischen Perspektiven und zeichnen sich durch analytische Tiefe, kritische Reflexion und klare Argumentation aus.

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