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  • 8. September 2026 21:05

Eine Temperaturmessung in Sibirien sorgt für Schlagzeilen. Sie ist bemerkenswert – aber nicht deshalb, weil die Arktis nun zum Mittelmeer geworden wäre. Interessanter ist, was die Messung in einem größeren Zusammenhang erzählt.

33,9 Grad Celsius. Eine solche Temperatur erwartet man nicht unbedingt dort, wo auf Landkarten der Polarkreis verläuft. Anfang August wurde dieser Wert nach Angaben des Wetterportals Ogimet an der Station Selagoncy in der russischen Republik Sacha gemessen. Die Station liegt südlich des Polarkreises. An der Station Olenjok, rund 68,5 Grad nördlicher Breite und damit nördlich des Polarkreises, wurden demnach 32,7 Grad registriert.

Das sind ungewöhnlich hohe Werte. Aber sie verlangen zunächst eine nüchterne Einordnung. Eine einzelne Wetterstation ist nicht die Arktis. Und ein einzelner heißer Tag ist noch kein Beleg für eine Klimaveränderung. Wetter kann von Jahr zu Jahr und von Ort zu Ort erheblich schwanken. Gerade in einer riesigen Region wie der Arktis können gleichzeitig sehr unterschiedliche Temperaturen herrschen. Die wissenschaftlich interessante Frage lautet deshalb nicht: Wie heiß war es an diesem Tag? Sie lautet: Verändert sich der klimatische Hintergrund, vor dem solche Extremwerte auftreten? Darauf gibt es eine wesentlich eindeutigere Antwort.

Die Arktis erwärmt sich überdurchschnittlich stark

Die Arktis erwärmt sich seit Jahrzehnten deutlich schneller als der globale Durchschnitt. Eine Auswertung des Arctic Monitoring and Assessment Programme, die von der Weltorganisation für Meteorologie aufgegriffen wurde, kommt für 1979 bis 2019 auf eine etwa dreimal stärkere Erwärmung der arktischen Mitteltemperatur als im globalen Mittel. Neuere Arbeiten kommen je nach Definition des arktischen Gebiets und betrachteter Jahreszeit zu unterschiedlichen Verstärkungsfaktoren; von einem überall und zu jeder Zeit gleichen „Dreifachen“ kann deshalb nicht die Rede sein.

Der IPCC bezeichnet diese überproportionale Erwärmung als Arctic Amplification, arktische Verstärkung. Sie ist nicht auf einen einzelnen Mechanismus zurückzuführen. Eine wichtige Rolle spielt der Verlust von Schnee und Meereis: Helle Oberflächen reflektieren einen großen Teil der Sonnenstrahlung, während dunkles Meerwasser wesentlich mehr Energie aufnimmt. Hinzu kommen Veränderungen der Wärmestrahlung, der Bewölkung sowie der Transporte von Wärme und Feuchtigkeit aus niedrigeren Breiten. Auch der Ozean trägt zur Erwärmung der hohen Breiten bei.

Bemerkenswert ist dabei die jahreszeitliche Verteilung. Die arktische Verstärkung ist nicht im Sommer am stärksten. Ihr Maximum liegt im frühen Winter. Wenn im Sommer Meereis schmilzt, wird ein Teil der zusätzlich aufgenommenen Energie zunächst im Ozean gespeichert beziehungsweise für das Schmelzen des Eises verwendet. Im Herbst und Winter kann das vergleichsweise warme Meer dann Wärme an die Atmosphäre abgeben. Das ist ein wichtiger Punkt, wenn über ungewöhnliche Sommertemperaturen gesprochen wird: Die spektakulärste einzelne Zahl ist nicht unbedingt das aussagekräftigste Maß für den Klimawandel.

Das Eis erzählt die Geschichte besser als das Thermometer

Wer verstehen will, wie stark sich die Arktis verändert, sollte deshalb nicht nur auf Lufttemperaturen schauen. Das arktische Meereis folgt einem ausgeprägten Jahresrhythmus. Im Winter wächst es, im Sommer schrumpft es. Entscheidend für die langfristige Entwicklung ist, wie viel Eis den Sommer übersteht und im folgenden Winter wieder weiterwachsen kann. Genau hier hat sich das System verändert.

Nach Angaben der NASA ist die Ausdehnung des arktischen Meereises im September – also zum Ende der sommerlichen Schmelzsaison – seit Beginn der Satellitenmessungen stark zurückgegangen. Die NASA gibt für die September-Minima einen langfristigen Rückgang von 12,2 Prozent pro Jahrzehnt gegenüber dem Bezugszeitraum 1981 bis 2010 an. Noch auffälliger ist die Veränderung des Alters des Eises.

Das älteste und dickste Meereis, das mindestens vier Jahre überstanden hat, ist heute fast verschwunden. Im September 2025 wurden nach Angaben der NOAA noch rund 95.000 Quadratkilometer dieses sehr alten Eises erfasst. Verglichen mit dem Mittelwert für 1985 bis 2004 entspricht das einem Rückgang um etwa 95 Prozent.

Das bedeutet nicht, dass 95 Prozent der gesamten arktischen Eisfläche verschwunden wären. Die Zahl bezieht sich ausdrücklich auf das sehr alte, mindestens vier Jahre alte Meereis. Diese Unterscheidung ist wichtig. Denn junges Eis kann sich jeden Winter neu bilden. Es ist jedoch dünner und übersteht warme Sommer schlechter. Die Arktis besitzt damit heute wesentlich weniger von jener dicken, langlebigen Eisreserve, die früher einen größeren Teil des Meereises über mehrere Jahre hinweg erhalten konnte. NASA-Forschungen haben diesen Wandel bereits anhand von Satelliten- und U-Boot-Daten dokumentiert.

Der menschliche Einfluss ist keine offene Frage

Bei der Frage, ob diese langfristige Entwicklung mit dem vom Menschen verursachten Klimawandel zusammenhängt, ist die wissenschaftliche Lage ebenfalls klar. Der IPCC kommt zu dem Schluss, dass es sehr wahrscheinlich ist, dass anthropogene Einflüsse – vor allem der Anstieg der Treibhausgaskonzentrationen – der Haupttreiber des arktischen Meereisverlustes seit Ende der 1970er Jahre sind. Der beobachtete Rückgang von Ausdehnung und Dicke des Meereises wird in Klimamodellen reproduziert.

Damit ist zugleich eine häufige Verwechslung ausgeräumt: Dass es in der Arktis von Jahr zu Jahr natürliche Schwankungen gibt, bedeutet nicht, dass der langfristige Trend deshalb „natürlich“ wäre. Beides kann gleichzeitig stimmen. Wetter und natürliche Klimaschwankungen beeinflussen den Verlauf einzelner Jahre. Der langfristige Rückgang des Meereises ist dagegen wesentlich durch die anthropogene Erwärmung geprägt.

Auch der Ozean wird wärmer

Die Veränderungen beschränken sich nicht auf das Eis.

Die NOAA registriert seit 1982 in nahezu allen im August eisfreien Regionen des Arktischen Ozeans einen Anstieg der Meeresoberflächentemperaturen. Nördlich von 65 Grad Nord beträgt der langfristige Trend etwa 0,3 Grad Celsius pro Jahrzehnt. Gleichzeitig zeigen die Messungen erhebliche regionale Unterschiede. Im August 2025 war insbesondere der atlantische Sektor ungewöhnlich warm; dort lagen die Meeresoberflächentemperaturen regional bis zu etwa sieben Grad über dem Mittel der Jahre 1991 bis 2020.

Auch hier gilt: Eine regionale Abweichung von sieben Grad bedeutet nicht, dass sich der gesamte Arktische Ozean um sieben Grad erwärmt hätte. Es handelt sich um eine lokale beziehungsweise regionale Abweichung vom klimatologischen Mittel. Gerade solche Unterschiede machen die Arktis wissenschaftlich interessant. Das System ist keineswegs überall gleich warm und entwickelt sich auch nicht überall gleich.

Die NOAA beschreibt inzwischen zudem eine zunehmende Atlantifizierung des Arktischen Ozeans: Eigenschaften wärmerer Wassermassen aus niedrigeren Breiten reichen weiter in das arktische Becken hinein. Das verändert unter anderem die Schichtung des Ozeans und kann den Wärmetransport in Richtung Meereis beeinflussen.

Was das mit Europa zu tun hat

An diesem Punkt wird die öffentliche Debatte schnell ungenau. Immer wieder wird behauptet, die besonders starke Erwärmung der Arktis verändere den Jetstream so, dass Wetterlagen über Europa länger bestehen bleiben. Dahinter steht eine wissenschaftlich interessante Hypothese: Wenn sich der Temperaturunterschied zwischen hohen und mittleren Breiten verändert, kann dies die atmosphärische Zirkulation beeinflussen. Diskutiert werden unter anderem Rossby-Wellen, der Jetstream, Sturmzüge und Wechselwirkungen mit der Stratosphäre.

Doch daraus lässt sich keine einfache Kausalkette ableiten. Der IPCC weist ausdrücklich auf die großen Unsicherheiten und die starke natürliche Variabilität hin. Für einen robusten Zusammenhang zwischen arktischer Erwärmung und Veränderungen der atmosphärischen Blockierung in den mittleren Breiten gibt es bislang nur geringe Sicherheit. Auch für die Rolle der arktischen Erwärmung bei vergangenen oder künftig erwarteten Veränderungen der mittleren Breiten bewertet der IPCC die Evidenz als begrenzt.

Das ist wissenschaftlich weniger spektakulär als die Geschichte vom „eiernden Jetstream“. Aber es ist belastbarer. Eine europäische Hitzewelle sollte deshalb nicht kurzerhand der Erwärmung der Arktis zugeschrieben werden. Dafür sind die Wechselwirkungen zwischen Tropen, Ozeanen, Atmosphäre und hohen Breiten zu komplex.

Der heiße Tag ist nicht die eigentliche Nachricht

Was also bleibt von den 33,9 Grad? Zunächst einmal eine bemerkenswerte Wetterbeobachtung – vorausgesetzt, der Messwert lässt sich anhand der Originaldaten bestätigen. Mehr sollte man aus einer einzelnen Messung nicht machen.

Die größere Geschichte ist eine andere. Sie lässt sich nicht an einem Nachmittag erzählen, sondern nur in Jahrzehnten von Messungen. Die Arktis wird wärmer als der globale Durchschnitt. Das Meereis ist deutlich zurückgegangen. Das Eis ist jünger und dünner geworden. Das älteste Meereis ist nahezu verschwunden. Der Ozean erwärmt sich in weiten Teilen der Region. Grönland verliert weiterhin Eismasse. Und der IPCC sieht den Menschen als wesentlichen Treiber der langfristigen Veränderungen.

Das alles ist wesentlich aussagekräftiger als eine einzelne Temperaturspitze. Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Pointe dieser 33,9 Grad: Sie sind nicht der Beweis dafür, dass die Arktis plötzlich ein heißer Ort geworden ist. Sie sind ein Anlass, auf die Messreihen zu schauen.

Und die erzählen eine Geschichte, die weniger spektakulär klingt als ein Rekordwert – dafür aber wissenschaftlich wesentlich schwerer zu widerlegen ist.

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By Anton Aeberhard

Anton Aeberhard ist Journalist und schreibt zu gesundheitlichen, wissenschaftlichen sowie politischen und gesellschaftlichen Themen. Seine Beiträge befassen sich mit aktuellen Entwicklungen und deren Hintergründen. Seine Texte zeichnen sich durch analytische Tiefe und eine klare Gewichtung der zentralen Argumente aus.

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