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  • 13. August 2026 1:11

Es gab keinen «China Shock 1.0» und der «2.0» wird falsch eingeschätzt

ByDirk Specht

Aug. 3, 2026

KOMMENTAR

Ein lesenswerter Bericht von Sander Tordoir und Brad Setser macht weiter die Runde. Ob die Autoren den Begriff des “China Shock 2.0” prägten, sei dahin gestellt. Ich hatte den Bericht vor einigen Wochen diskutiert und empfohlen.

Die großen geoökonomischen Erfolge basieren auf strategisch orchestrierten Technologien

Die Situation der deutschen Industrie, die so ganz nebenbei nicht die deutsche Wirtschaft ist, wird emotionalisiert und politisiert diskutiert. Zurecht dominiert Krisenstimmung, was es aber leider nicht sachlicher macht, obwohl genau das so dringend erforderlich wäre.

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Heute ein paar kritischere Anmerkungen dazu, vor allem aber zu den gängigen Berichten sowie Einschätzungen. Es wird zu viel aus Handels- und Leistungsbilanzen gezogen sowie mit eher aus der Zeit gefallenen ökonomischen Grundmodellen bewertet. Wenn man die Kausalität der Daten berücksichtigt, sind m.E. die typischen VWL-Basisthesen nicht mehr verwendbar. Diese Entwicklung ist weder durch Dysbalancen im Handel, durch Subventionen, Verschuldungsgrade, Überkapazitäten oder Ungleichgewichte von Binnen- versus Exportnachfrage erklärbar. Vollkommen hilflos sind irgendwelche Ansätze der “Saldenmechanik” oder deren diverse Nachfolger. Auch Geld- und Währungspolitik sowie Protektionismus, was Tordoir und Setser hervorheben, erklären das nicht.

Ich möchte zum angeblichen “China-Shock 1.0” vor allem folgenden Gedanken empfehlen: Der ist nicht “passiert”, sondern mit großer Energie von den westlichen Ökonomien herbei geführt worden. Aus guten Gründen und mit bester Rendite. Es gab damals bekanntlich einen Outsourcing-Wettlauf, bei dem es bis zu Mittelständlern nicht schnell genug ging, vor allem in China Produktion aufzubauen oder als Lieferkette zu erschließen. Da alle das machten, wurde es sogar tatsächlich zum Wettbewerbsfaktor, denn wer es nicht tat, hatte schnell Kosten- und Preissetzungsprobleme.

Das war ein tolles Geschäft, für alle und vor allem für die deutsche Industrie, die als Ausrüster für die Chinesen sowie als Lieferant der ersten hochwertigen Güter der dort steigenden Kaufkraft doppelt profitierte: Billige Vorprodukte von dort, hochwertige Endprodukt zurück. Ein Doppeldeal.

Den gab es aber zumindest auf der Vorproduktseite weltweit. Wenn die Amerikaner jetzt am lautesten schimpfen, sollten sie zugeben, diese Karawane besonders energisch in Gang gesetzt zu haben. Das war alles so gewollt und ein Bigdeal!

Auf der Ebene der Gesamtökonomie profitierten alle, aber nicht jeder einzelne. Ein Preis war die Deindustrialisierung in vielen Regionen sowie die damit verbundenen wachsenden sozioökonomischen Ungleichgewichte, deren politische Folgen und damit die “Schlussrechnung” noch ausstehen. Trotz dieser Outsourcing-Welle und der logischerweise parallel einsetzenden Automatisierung ist der befürchtete Effekt auf die Arbeitsmärkte aber ausgeblieben, die volkswirtschaftliche Gesamtbilanz ist fast überall positiv.

Nebenbemerkung: Das hat die Ungleichgewichte nicht verhindert und nun kommt KI. Es ist also notwendig, über den “China-Shock 2.0” besonders genau nachzudenken, denn KI hat da schon einen kleinen Einfluss, der alles andere als klein bleiben wird.

Aufgrund dieser Kausalitäten halte ich übrigens die Daten, mit denen hier argumentiert wird, nicht für so nutzbar, wie das passiert. Wenn beispielsweise US-Konzerne in China produzieren, von dort an EU-Töchter liefern, in der Bilanz dann alles nach Irland konsolidieren, um nach Jahrzehnten von dort in der Konzernzentrale die Gewinne zu akkumulieren, so ist das aus meiner Sicht kausal ein Export der USA in die EU, bei dem in China ein paar Arbeitseinkommen und Steuern als kleiner Nebenbefund anfallen. Davon ist in den Daten rein gar nichts zu sehen. Auf der Handelsseite sind das Exporte von China, diverse Binnenmarktgeschäfte in der EU und massenweise Transaktionen innerhalb von Konzernbilanzen, die nirgendwo auftauchen. Vor allem nicht in den US-Daten, wobei das letztlich bei allen global agierenden Konzernen so ist – und welcher ist das heute denn nicht mehr?

Auch die dahinter stehenden Finanz- und Kapitaltransfers sind in keinen Daten mehr auflösbar. So führen diese Outsourcing-Wellen vor allem zur Ertrags- und Wertsteigerung an den Kapitalmärkten, die daraus globale Kapitalzuflüsse in gigantischer Größenordnung generieren. Bekanntlich vor allem in die USA, aber auch in die EU. Alleine deshalb, aber natürlich auch wegen Geldschöpfung, Wertschöpfungsketten, Assetschöpfung etc. sind viele Theorien zur Interpretation dieser Daten aus der Zeit gefallen. Ich denke, wir sollten uns von dem Bild geschlossener Volkswirtschaften, die durch Handelsbeziehungen miteinander agieren und sich dafür Rechnungen stellen, beerdigen. Da werden, um die Saldenmechanik, das simpelste dieser Modellchen zu nennen, Konten und Salden modelliert, die schlicht nicht existieren.

Ich habe kein besseres Modell, aber es sollte eher in die Richtung global agierender Konzerne sowie nun zunehmend strategisch agierender Ökosysteme entwickelt werden. So etwas war beispielsweise die europäische Autoindustrie, es ist die US-Techindustrie und seit einigen Dekaden sind es ganz sicher die chinesischen Schlüsselindustrien.

Diese lösen nun in der Tat den “China-Shock 2.0” aus und der fängt gerade erst an. Auch das wird oft unterschätzt, weil wieder mit bilateralen Handelsbeziehungen Nebeldaten genutzt werden. Es hilft nicht, den direkten Handel beispielsweise mit China zu bewerten, wenn man zugleich kausal erkennen muss, dass die ihre angekündigte und global angestrebten Dominanzfelder nun systematisch in immer mehr Regionen ausrollen. Wer also beispielsweise die Autoindustrie bewertet, muss die schnell wachsenden chinesischen Marktanteile in allen Absatzmärkten aggregieren, um den Trend korrekt zu bewerten.

Der ist viel wuchtiger, als es in diesen Daten mit angeblich geschlossenen Volkswirtschaften ersichtlich ist. Wie im letzten Beitrag beschrieben, ist der wesentliche Treiber die strategisch orchestrierte Spitzentechnologie. Das ist zweifellos hinterlegt durch Subventionen, Protektionismus, Geld- und Währungspolitik. Das alles wäre aber wirkungslos, wenn es nicht diese überlegenen Technologien entlang der kompletten, selbst besetzten Wertschöpfungskette gäbe.

Die haben auch keine “Überkapazitäten” und die weichen auch nicht wegen schwacher Inlandsnachfrage in den Export aus. Auch das können nur Ökonomen so sagen, die sich Technologien nicht tief genug anschauen. Ich will keineswegs negieren, dass der Binnenmarkt in China seine eigenen Probleme hat, dass es dort viele Kapazitäten gibt, die dadurch in den Export drängen, aber auch das geht am wesentlichen Treiber vorbei. Die meisten Hightech-Produkte sind insbesondere gar nicht beliebig für Binnen- und Exportmärkte transferierbar. Ich lese dazu teilweise naive Bewertungen, die sich weder mit simplen Normunterschieden, noch mit den divergenten Verbraucherpräferenzen auseinandersetzen.

China hat in den Schlüsselindustrien hoch automatisierte, agil skalierbare und auch ökonomisch sehr elastische Kapazitäten geschaffen, die sich genau so gewollt und geplant am gesamten Weltmarktbedarf orientieren. Wenn heute Ökonomen im Westen teilweise mit erhobenem Zeigefinder darauf hinweisen, dass die chinesische Autoindustrie (wie bei Batterien, PV etc.) die ganze Welt versorgen könnte (Konjunktiv), so muss ich freundlich darauf hinweisen: Korrekt, genau so gewollt und geplant, weil (Realitas) eben diese Weltmarktversorgung beabsichtigt ist! Mit Produktionsanlagen, die teilweise auch mit 10-20% Auslastung profitabel sind und binnen kürzester Zeit auf 100% hoch fahren können.

Außerdem planen Chinesen Transformationen und entsprechend wachsenden Bedarf. Ich empfehle an der Stelle die vielen festgestellten “Überkapazitäten” im PV-Segment aus den letzten Jahren. Genau dieselben Argumente, die eine komplette Fehleinschätzung sind. Der Bedarf ist nämlich eher sogar stärker als von den Chinesen erwartet gestiegen und man sollte sich gerne mal anschauen, wie deren PV-Exporte gerade parabolisch steigen. Diese Lieferfähigkeit hat kein anderer!

Weil sie es so wollten und weil sie sich technologisch so aufgestellt haben, dass sie es können. Zudem mit jedem Preiswettbewerb, der notwendig ist.

Das wird sehr schwierig und dem zu begegnen, sollte damit beginnen, es zu erkennen. Das mit Holzökonomie über lächerlich nebulöse Handelsdaten und irgendeinem Gemecker über Protektionismus oder Subventionen zu betreiben, wird keine angemessenen Antworten liefern. Erkennbar insistieren viele, eben das seitens der EU nun zu versuchen. Das halte ich sogar für richtig, aber das ist nicht die Lösung, sondern bestenfalls etwas teuer erkaufte Zeit, die wahren Themen anzugehen: Diesem Technologiewettbewerb durch Technologie zu begegnen. Wir waren mal stolz darauf, genau das zu können und ich habe keinen Zweifel, dass es immer noch so ist. Aber können wir es auch strategisch orchestrieren?

Der Kern ist die strategisch orchestrierte führende Technologie entlang der kompletten Wertschöpfungskette. Mit diesem Schwert gewinnt man, ohne sehe ich wenig Chancen in diesem Wettbewerb.

Schlussbemerkung: Wer die Metriken dieser technologischen Überlegenheit erkennt, sollte schnell sehen: KI ist der Schlüssel, um das nochmals leistungsfähiger zu machen. Zur Erkenntnis gehört nämlich auch, dem Wettbewerb zu begegnen, der zukünftig zu erwarten ist und sich nicht zu lange mit der Gegenwart zu befassen.

Auf der intellektuellen Ebene sind wir sogar in der Vergangenheit. Diese 180-Grad Drehung in den Köpfen ist daher die erste “Schlüsselindustrie” für Europa: Schaut endlich hin und von dort nach vorne!

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By Dirk Specht

Dirk Specht ist deutscher Autor und Kommentator mit den Schwerpunkten Wirtschafts-, Energie- und Gesellschaftspolitik. Er veröffentlicht Analysen und Kommentare zu aktuellen Entwicklungen in Politik, Wirtschaft und Technologie. Zuvor war er Digitalchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) und ist als Dozent und Gesprächspartner in Fachveranstaltungen aktiv. Seine Texte in der DMZ-News zeichnen sich durch analytische Tiefe und die klare Einbindung wirtschaftlicher und technischer Zusammenhänge aus.

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