KOMMENTAR
Aufgrund meiner KI-Beiträge, bei denen ich kritisch mit dem Begriff der „Blase“ umging und vor allem die Position formulierte, dass Europa es sehr teuer bezahlen wird, weder bei der KI-Infrastruktur, noch bei einem eigenen Frontier-Modell mehr als Schwellenland-Niveau zu unternehmen, gab es den erwartbaren und willkommenen (!) Widerspruch.
Die „Blase“-Meinung ist sehr breit etabliert, wahlweise durch „zu teuer“ bis zu „leistet nichts“ hinterlegt. Weitere Thesen sind die Egalisierung des Sektors beispielsweise durch chinesische Modelle, eine „Open Weight“-Welt wird erwartet. Die Geschäftsmodelle werden bezweifelt, der „ROI“ hinterfragt. Ein durchaus breiterer Konsens besteht für die Idee, mit Spezialisierung (“Agentic”, “Physical”) mal auf kleiner Flamme mitzuschwimmen.
Spezialisierung kann toll sein, es kann aber auch die Zwillingsschwester der angstbasierten sein, die sich nicht traut, mitzuspielen.
Mich erinnert die Debatte an meine technologische Sozialisierung in der Zeit der damals „Microcomputer“ genannten Technologie. Der Name „PC“ war noch nicht erfunden. Die ersten Systeme hatten einen so kleinen Speicher, dass man mit Akustikkopplern den digitalen Inhalt auf ein analoges Tonband aufzeichnen musste. Beim „Zurückspielen“ wurden die analogen Signale, ein kryptisches Rauschen, wieder in digitale Informationen transformiert. Immer mit Fehlern, jede kleine Software musste man anschließend überarbeiten.
Das war die Zeit, als IBM es versemmelte, die Sache mit Patenten abzudichten, das Betriebssystem überließ man Microsoft, die kleine CPU durfte Intel zuliefern. Apple war eine Garage, die ein paar Platinen mit etwas Plastik darum herum bastelte. Es gab mehrere Dutzend weiter Hersteller, ich habe sie alle programmieren gelernt und die „Experten“ um mich herum lachten, mit was für einem Mist ich meine Zeit verschwende. Die großen Bosse behaupteten, diese Technologie sei zu teuer, leiste nichts, brauche niemand. Wer eine gute Ausbildung als Informatiker hatte, ging bei denen zur Arbeit. Gut bezahlte Jobs. Spätestens 20 Jahre später, die meisten weit früher: Weg.
Schon klar, ein alter Mann erzählt von der Vergangenheit. Nein, ich rede von der Gegenwart! Hier zur Einordnung die Übersetzung der damaligen Entwicklung auf die heutige:
– Fehlende Nachfrage? Die Nachfrage nach KI-Leistungen ist weitaus höher als das Angebot. Es ist falsch, zu behaupten, die „Hyperscaler“ seien so dumm, mehr zu bauen, als nachgefragt wird. Alle bekannten Daten belegen das Gegenteil. Das ist derselbe Fehler wie damals bei der Vision, dass IT zum dezentralen Massenprodukt werden kann oder bei der behaupteten „Dotcom-Blase“, wo alle Nachfrage- und Nutzungsdaten einfach ungebremst steil weiter stiegen. Erneut wird zwischen „Nachfrage“ und „Bezahlung“ nicht unterschieden. Grob falsch! Es ist für so eine Entwicklung komplett normal, dass so eine gigantische Nachfrage erst mal in entlang der Zahlungsbereitschaft passende Angebote übersetzt werden muss.
Zur Klarstellung liebe Sparschweinchen: Dazu müssen zuerst die Angebote entstehen, wer das anders versucht, ist schon raus, bevor er überhaupt erst hätte drin sein können!
– Zu teuer? Dass so ein – sogar eklatanter! – Nachfrageüberhang in der weiteren Kette Knappheiten sowie Knappheitspreise auslöst, ist nur folgendes: Normal, hilfreich, notwendig. Da dieses Thema aufgrund seiner fundamentalen Bedeutung so viele Ressourcen und zwar global in Gang setzt, ist es vollkommen logisch, dass diese Knappheiten endlich sind. Rechenleistung, Speicherleistung und natürlich als Folge auch die Preise dafür werden wie im PC-Sektor in Zukunft vom heutigen Megaproblem zur Belanglosigkeit werden. Beim PC hat es ca. 30 Jahre gedauert, bis der Grenznutzen erreicht war und noch mehr Rechen- und Speicherleistung gar keine Nachfrage mehr fand. Ab da sind die Preise dann frei gefallen. Bei KI wird das schneller gehen, wie alles schneller geht, aus Gründen.
– Leistet zu wenig? Diese Technologie wächst exponentiell und erstmals macht sie das überwiegend selbst. Das ist übrigens nicht verhandelbare Mathematik, die daraus resultiert, was mit einem Informationsnetz an neuen Verknüpfungen entsteht, wenn man neue Informationen hinzufügt. Ob der Nutzwert ebenfalls exponentiell wächst, wird von Experten heiß diskutiert. Einige erwarten irgendwann Grenznutzen dieser exponentiell wachsenden Informationsstruktur. Bisher ist das aber nicht der Fall und ich folge der sehr gut formulierten These von Prof. Bauckhage: „Wir haben noch gar nichts gesehen!“. Dringende Empfehlung für ein ohne Fachwissen verständliches YouTube-Video.
– Wir machen mal lieber brav “Agentic”? Das beifügte Chart mit irgendwelchen „Claims“ von Aktivitäten ist aus meiner Sicht einfach nur naiv. Das ist die Grundlage für diejenigen, die es ganz toll finden, mal etwas risikoavers kleinklein ein paar „Agentic-Modellchen“ zu bauen. Nichts gegen Agenten, es spricht auch nichts gegen Apps. Da können sogar tolle Geschäftsmodell hinter stehen, aber der Unterschied zwischen einer App und Apple ist hoffentlich schon noch klar? Nur zur Klarstellung: Es gibt keine LLMs mehr. Die Frontier-Modelle entwickeln sich vertikal, die überrollen von Monat zu Monat alles, was hier hübsch mit nicht existierenden Grenzlinien abgetrennt ist. Wer die Technologie versteht, sollte erkennen, dass es technologisch sogar gar keinen Sinn macht, diese Modellwelten getrennt zu sehen. Alles spricht für eine Konvergenz, die nur bei Machbarkeiten (Daten, Knowhow, Anwendungsbezug) Grenzen finden wird. Ich nenne es Deep-AI, andere reden längst von Meta-Modellen, Super-AI, Weltmodell.
– Open Weight, der feuchte Sparschweinchentraum? Was „Open Weight“ betrifft, so ist das vom Konzept nichts neues und es wird dieselben Ergebnisse bringen. Wie Open Source wird das seinen Platz finden, es wird seinerseits interessante Geschäftsmodelle erzeugen und für viele Aufgaben nutzbar sein. Kostenlos war und ist daran natürlich genau gar nichts. Vor allem wird es „geschlossene“ Spitzentechnologie nicht verdrängen. Seit es Open Source gibt, wurde den Microsofts und SAPs das Ende vorausgesagt. Das sind aber einfach Welten, die sich arrangiert und ihre Bedeutung haben, sogar sehr viele Überschneidungen. Ich sage das übrigens ohne Freude, denn es ist sehr zu befürchten, dass es bei Deep-AI erneut zu sehr wenigen marktbeherrschenden Akteuren kommt. Das ist schon in der Digitalisierung kritisch, bei KI ist das nochmals weit problematischer.
– China macht alles billiger? Was „China“ betrifft: Ich gehöre ja nun nicht zu den China-Skeptikern und es gibt für mich keinen Zweifel, dass die Chinesen in allen Segmenten den Rückstand aufholen. Das dürfte sich gerade wegen der sehr stumpfen US-Sanktionen eher beschleunigen. KI-Modelle, auch Deep-AI, Chips, deren komplette Lieferkette, Rechenzentren – steht alles im Fünfjahresplan und wenn das da steht, wissen sie bereits, wie sie es erreichen. Umgekehrt ist es aber nicht zu erwarten, dass China nun die US-Techindustrie verdrängt. Was man auch vergessen sollte, ist die Idee, China würde irgendwas verschenken und deren „kostenlose“ Angebote seien vielversprechend.
– Wo ist der ROI? Was die Gewinner und Verlierer, also die Börsenbewertungen betrifft: Diese Disruption ist komplexer als alle zuvor. Es ist vollkommen unklar, wen das außerhalb der KI-Sektors durch komplett neue Geschäftsmodelle oder Automatisierungsmöglichkeiten wegspült. Grundsätzlich ist noch viel tiefer als bisher in der Digitalisierung die Gesamtökonomie herausgefordert. Das Thema darf nicht auch noch ausgesessen werden. Statt über Gefahren bzw. Risiken zu lamentieren, sind die Chancen zu suchen. Genauso ist es im KI-Sektor. Es ist schwierig zu antizipieren, welche Geschäftsmodelle und welche Unternehmen sich durchsetzen. Keinesfalls alle werden überleben, aber eines sei dazu gesagt: Wer gar nichts unternimmt, hat jetzt schon verloren. Die angeblich risikoaversen Strategien sind Hochrisikostrategien, konsequent gemacht sogar Garantiestrategien: Auf ein Scheitern.
– Aber die Spekulationsblase? Die Kapitalmärkte reagieren ganz anders als vor 25 Jahren. Damals wurde gewiss sehr vieles recht monokausal überbewertet, was anschließend im weit größeren Fehler mündete, alles zu niedrig zu bewerten. Ich wiederhole: Die sogenannte „Dotcom-Blase“ war eine der Unterbewertungen! Heute rotieren die Märkte im Wochenrhythmus und passen mit teilweise niemals zuvor bekannten Kursausschlägen bei Einzelwerten die jeweilige Sichtweise an. Das spricht bereits gegen eine Bewertungs- oder Spekulationsblase. Was aber nicht auszuschließen, möglicherweise sogar als wahrscheinlich zu bezeichnen ist: Eine Finanzblase. Ob die Finanzierungen dieser Investments, vor allem aber die vielen Aktieninvestments auf Kredit seriös abgesichert sind, ob gar mit diversen derivativen Hebeln hinter diesen Summen mal wieder Zehnerpotenzen an virtuellen Risiken stecken, weiß niemand.
Sollte jedenfalls irgendein größerer Player in dem Sektor umkippen, was absolut möglich ist, könnte ein Dominoeffekt eintreten. Davor wird zurecht gewarnt!
KI wird wie vor 25 Jahren das Internet und vor 45 Jahren den PC nichts mehr aufhalten. Ich wiederhole daher meine wichtigste Kernthese: Es geht um die ökonomische, militärische und geopolitische Macht, die anhand der Leistungsfähigkeit und Verfügbarkeit von KI entschieden wird.
Momentan wird die zwischen den USA und China verteilt. Europa spielt keinerlei Rolle, egal, welche kleineren Zutaten auch immer gerne zitiert werden. Ohne das, was Europa kann und beiträgt zu missachten, ohne die Leistung der damit befassten Experten und Unternehmen zu missachten: Das ist zu wenig, das ist dramatisch zu wenig. Europa wird mit der risikoaversen Kleinkleinstrategie Risiken ernten, die noch gar nicht absehbar sind – und unfassbare Chancen versäumen.
Das wird mal so richtig teuer!

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