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  • 13. August 2026 2:15

Wenn schon ein Spaziergang zu viel ist

ByLena Wallner

Juli 30, 2026

Eine niederländische Studie liefert neue Hinweise darauf, warum sich Menschen mit Long Covid nach körperlicher Belastung oft erst mit erheblicher Verzögerung erholen. Im Mittelpunkt steht die Herzfrequenzvariabilität – und die Frage, ob sich Überlastung künftig objektiv messen lässt.

Für viele Menschen mit Long Covid beginnt das eigentliche Problem nicht während einer Anstrengung, sondern erst danach. Ein kurzer Spaziergang, ein Einkauf oder ein konzentriertes Gespräch können Stunden später zu einer massiven Verschlechterung der Beschwerden führen. Die Erschöpfung nimmt zu, kognitive Störungen verstärken sich, nicht selten kommen Schmerzen oder Kreislaufprobleme hinzu. Diese verzögert einsetzende Belastungsverschlechterung, in der Fachsprache Post-Exertional Malaise (PEM), gilt inzwischen als eines der charakteristischen Merkmale der Erkrankung. Warum sie entsteht, ist allerdings bis heute nicht vollständig verstanden.

Eine jetzt in der Fachzeitschrift Sports Medicine veröffentlichte Studie rückt das vegetative Nervensystem in den Mittelpunkt. Forschende aus den Niederlanden haben untersucht, wie sich die Herzfrequenzvariabilität – also die feinen zeitlichen Schwankungen zwischen zwei Herzschlägen – im Alltag von Long-Covid-Patienten verhält. Die Ergebnisse legen nahe, dass sich die gestörte Erholung nach körperlicher Belastung nicht nur subjektiv beschreiben lässt, sondern auch objektiv messbar sein könnte.

Die Herzfrequenzvariabilität, kurz HRV, gehört zu den etablierten Parametern der Leistungs- und Sportmedizin. Entgegen einer verbreiteten Vorstellung schlägt ein gesundes Herz nicht im exakt gleichen Rhythmus. Die Abstände zwischen zwei Herzschlägen verändern sich fortlaufend. Gerade diese Variabilität gilt als Ausdruck eines anpassungsfähigen vegetativen Nervensystems. Nimmt sie dauerhaft ab, kann dies auf eine erhöhte körperliche Belastung oder eine gestörte autonome Regulation hindeuten.

Für ihre Untersuchung begleiteten die Wissenschaftler 121 Menschen mit Long Covid sowie 21 gesunde Kontrollpersonen. Alle Teilnehmer trugen über drei bis sieben Tage ein EKG-basiertes Messgerät, das Herzfrequenz und Herzfrequenzvariabilität kontinuierlich aufzeichnete. Gleichzeitig dokumentierten sie ihre täglichen Aktivitäten. Ergänzend wurde ihre körperliche Leistungsfähigkeit mittels Spiroergometrie bestimmt.

Schon im Alltag unterschieden sich beide Gruppen deutlich. Bei den Long-Covid-Patienten war die Herzfrequenzvariabilität während verschiedener Tätigkeiten – etwa im Schlaf, bei Mahlzeiten oder außerhalb der Wohnung – niedriger als bei den gesunden Teilnehmern. Zugleich verliefen die natürlichen Schwankungen im Tagesverlauf weniger ausgeprägt. Nach Einschätzung der Autoren spricht dieses Muster für eine eingeschränkte Regulationsfähigkeit des vegetativen Nervensystems.

Besonders deutlich wurden die Unterschiede nach körperlicher Aktivität. Während sich die Herzfrequenzvariabilität bei gesunden Teilnehmern vergleichsweise rasch normalisierte, blieb sie bei den Long-Covid-Patienten über Stunden hinweg vermindert. Selbst in der folgenden Nacht ließ sich dieser Effekt noch nachweisen. Je höher die körperliche Belastung ausgefallen war, desto ausgeprägter fiel die nächtliche Abnahme der HRV aus. Der Organismus schien gewissermaßen länger im Erholungsmodus festzustecken.

Dabei spielte die sogenannte erste ventilatorische Schwelle (VT1) eine wichtige Rolle. Sie markiert den Bereich, in dem der Körper beginnt, den Energiebedarf zunehmend anaerob zu decken und Belastung physiologisch deutlich anspruchsvoller wird. Überschritten die Teilnehmer diese individuell bestimmte Schwelle, war die Verringerung der Herzfrequenzvariabilität besonders ausgeprägt. Die Autoren sehen darin einen möglichen Hinweis darauf, dass das Risiko einer Post-Exertional Malaise jenseits dieser Grenze steigt. Mehr als einen Zusammenhang zeigt die Studie allerdings nicht; Aussagen über Ursache und Wirkung lassen sich daraus nicht ableiten.

Gerade diese Zurückhaltung macht die Arbeit bemerkenswert. Die Autoren verzichten auf weitreichende therapeutische Schlussfolgerungen. Stattdessen verweisen sie auf eine praktische Möglichkeit: Sollte sich der Zusammenhang in weiteren Untersuchungen bestätigen, könnten Wearables mit HRV-Messung künftig helfen, Belastung und Erholung individueller zu steuern. Für Menschen mit Long Covid wäre das vor allem im Rahmen des sogenannten Pacings von Interesse – also einer Strategie, bei der Aktivitäten bewusst so dosiert werden, dass symptomverschlechternde Überlastungen möglichst vermieden werden.

Ob sich dadurch tatsächlich Rückfälle verhindern oder Beschwerden lindern lassen, bleibt offen. Die Untersuchung ist eine Beobachtungsstudie; sie zeigt Zusammenhänge, beweist aber keine Kausalität. Hinzu kommt, dass die Teilnehmer an einem spezialisierten Zentrum untersucht wurden und die Kontrollgruppe vergleichsweise klein war. Für klinische Empfehlungen reicht die Evidenz daher noch nicht aus.

Dennoch dürfte die Studie über die Long-Covid-Forschung hinaus Beachtung finden. Seit Jahren suchen Wissenschaftler nach objektiven Messgrößen für eine Erkrankung, deren Leitsymptome bislang vor allem auf den Schilderungen der Betroffenen beruhen. Die Herzfrequenzvariabilität wird dieses Problem nicht allein lösen. Sie könnte sich jedoch als ein Baustein erweisen, um besser zu verstehen, warum sich der Körper mancher Patienten nach Belastung nicht mehr so erholt, wie es eigentlich selbstverständlich sein sollte.

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By Lena Wallner

Lena Wallner ist Journalistin und behandelt vor allem politische und gesellschaftliche Themen. Sie schreibt über aktuelle Entwicklungen und gesellschaftliche Zusammenhänge. Ihre Texte zeichnen sich durch ein ausgezeichnetes Netzwerk und die Einbindung relevanter Quellen aus.

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