Nachdem ich oft über China berichte, heute mal ein nicht weniger lehrreicher Blick auf einen Nachbarn: Südkorea.
KOMMENTAR
Das Lernen fängt mit der Historie an: In den 50ern zählte das Land nach dem Koreakrieg zu den ärmsten Regionen der Welt: BIP pro Kopf unter 100 US-Dollar, ökonomische Quellen Agrarwirtschaft und US-Entwicklungshilfe. In zwei Generationen vollzog Südkorea das vielleicht sogar größte Wirtschaftswunder der Moderne:
- 1960er–1980er: Aufbau der Schwerindustrie (Stahl, Schiffbau, Auto) durch staatlich gelenkte Industrieallianzen (die Chaebols).
- 1990er–2010er: Konsequente Umschichtung auf High-Tech, Speicherchips (DRAM/NAND) und Elektronik.
- Heute: Weltweiter Automatisierungs-Spitzenreiter (>1.000 Roboter pro 10.000 Beschäftigte) und F&E-Investitionen von knapp 5 % des BIP.
Nun gab die Regierung mit den führenden Unternehmen die KI-Strategie bekannt, die kein geringeres Ziel verfolgt, als hinter den USA und China Nummer 3 in der KI-Welt zu werden. Mit übrigens sehr klar getrennten Rollen zwischen Staat und Wirtschaft.
1. Die privaten Industrie-Allianzen (~950 Mrd. USD)
Der Großteil des gigantischen 950-Milliarden-Dollar-Pakets entfällt auf langfristige Lieferverträge, Foundry-Garantien und Infrastruktur-Investitionen heimischer Großkonzerne mit US-Tech-Giganten:
- SK Group & Nvidia (~750 Mrd. USD): SK Hynix sichert sich die weltweite Marktführerschaft bei High-Bandwidth-Memory (HBM4). Parallel baut SK Telecom mit Nvidia, AWS und Anthropic KI-Rechenzentren mit einer Kapazität von mehreren Gigawatt.
- Samsung Electronics & Broadcom (~200 Mrd. USD): Großangelegte Allianz für fortschrittliche 2-Nanometer-Auftragsfertigung (Foundry) und Speicherkomponenten.
- Naver & Brookfield (~10 Mrd. USD): Aufbau globaler „KI-Fabriken“ und Rechenzentrums-Infrastruktur.
- Hyundai Motor & Nvidia: Entwicklung einer KI-Referenzplattform für Industrie-Robotik und autonomes Fahren.
2. Der Staat: Infrastruktur & Kostenlose KI für 52 Mio. Bürger
Südkoreas Regierung investiert nicht nur in die Wirtschaft, sondern etabliert Künstliche Intelligenz als öffentliche Grundversorgung.
- „AI for Everyone“ (Kostenlose KI für alle): Als erstes G20-Land stellt Südkorea allen 52 Millionen Bürgern einen unbegrenzten, staatlich geförderten KI-Zugang zur Verfügung.
- Der Dienst umfasst einen Allzweck-Chatbot sowie einen persönlichen Verwaltungs-Assistenten (z. B. für Anträge, Sozialleistungen und Bildung).
- Souveräne KI: Mindestens 50 % des Systems müssen zwingend auf in Südkorea entwickelten KI-Modellen basieren, um digitale Souveränität zu sichern.
- Staatliche Infrastruktur-Förderung: Der Staat stellt Unternehmen Hochleistungs-GPUs (u. a. Nvidia B200) zur Verfügung. Finanziert wird die Initiative unter anderem aus den massiven Steuereinnahmen der heimischen Halbleiter-Exporte.
- Quanten- & Medizin-KI: Parallel finanziert das Wissenschaftsministerium (MSIT) nationale Quantencomputer-Projekte sowie spezialisierte Modelle (z. B. Onkologie-KI für das Gesundheitswesen).
Das Land verfolgt also seit Dekaden eine strategische Industriepolitik, die nun KI entdeckt hat. Sehr schön kann man erkennen, wie wichtig es ist, Statistiken richtig zu lesen. In Chart 1 finden sich die wichtigsten makroökonomischen Daten seit 2000 im Benchmark Deutschland und EU. Man sieht nur ungenau einen Aufholprozess eines der ehemals ärmsten Länder auf EU-Niveau. In Chart 2 ist aber die Geschwindigkeit dargestellt und zwar seit 2000 durchaus zurecht verglichen. Da kann man nicht mehr bagatellisieren, ein Schwellenland wachse natürlich schneller als ein Industrieland.


Es ist absehbar, dass diese Volkswirtschaft sehr bald auch in absoluten Daten auf den oberen Rängen auftauchen wird. Weitere aus Asien werden folgen. Ein strategisches Vorgehen ist dort typisch. Staat und Wirtschaft agieren auf einem vollständig anderen, höheren Niveau miteinander. Dazu zählt auch eine andere Rolle der staatlichen Aufgaben, die Personell hinterlegt wird. Wer sich in Asien mit staatlichen Institutionen auskennt, weiß um deren fachliche Expertise in allen Bereichen. Ebenso um die enormen Anstrengungen im Bildungssektor, der die Ressource für alles ist.
Wir dürfen es mal lassen, das wahlweise als Autokratie abzutun, gar als Staats- oder Planwirtschaft, Defizite in demokratischen Strukturen hervorzuheben und vieles mehr. Das sind häufig sehr oberflächliche Bilder, die vor allem keine Antwort auf die Herausforderungen liefern. Vor allem: Vieles, was dort operativ umgesetzt wird, ist mehr als lehrreich und mindestens das darf man sich so langsam mal ansehen.
Der Vergleich zur aktuellen Agenda in Deutschland:
Das dominierende Geschehen in unserer demokratisch agierenden marktwirtschaftlich ausgereiften Gesellschaft sieht derzeit wie folgt aus: Was die Daten betrifft, so finden sich der deutschen KI-Strategie seit 2018 (!!) knapp 7,4 Mrd. Spaßfaktor am Rande: Von dem größten Posten, den 5 Mrd. sind in den letzten sechs (!!) Jahren nur 1,5 Mrd. abgeflossen. Die Bürokratie konnte nicht mehr vergeben.

Was das Personal betrifft: Immerhin ist das sogenannte Digitalministerium den Staatssekretär Amthor los. Der wird ersetzt durch die fachlich für was genau (?) stehende Mittelstandslobbyistin Connemann. Die wiederum wird im Wirtschaftsministerium ersetzt durch einen Quoten-Pfälzer, damit die etwas befriedet werden, weil der über allem schwebende Kanzler deren Verkehrsminister so hart angefasst hat. Die selbsternannte und dies täglich wiederholende Anwältin von Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum, Ministerin Reiche, arbeitet sich derweil daran ab, durch Senkung von Ökostandards irgendwo noch etwas mehr LNG-Drogen erschnüffeln zu können. Damit will sie die teuersten hoch subventionierten Gaskraftwerke der Menschheitsgeschichte befeuern. Zu einer Ökobilanz, die mit dem Stöffchen betrieben kein Jota besser als die von Kohlekraftwerken ist.
Aber was soll’s, die Öffentlichkeit muss zuerst die Sache mit einem Mietauto bewältigen und über den Pass des Fahrers befinden. Vorher geht politisch gar nichts weiter.
Keine Pointe! Gar keine!!

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