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  • 13. August 2026 2:01

Wenn das Immunsystem nach COVID-19 nicht zur Ruhe kommt

BySarah Koller

Juli 28, 2026

Neue Forschung untersucht, warum manche Menschen nach einer Infektion langfristig Beschwerden entwickeln

Für viele Menschen ist eine COVID-19-Erkrankung nach einigen Tagen oder Wochen vorbei. Das Fieber verschwindet, die Atemwege erholen sich und der Alltag kehrt zurück. Doch bei einem Teil der Betroffenen beginnt danach eine andere Phase: Sie fühlen sich weiterhin erschöpft, können sich schlechter konzentrieren oder vertragen körperliche Belastung nicht mehr wie zuvor.

Warum manche Menschen diese anhaltenden Beschwerden entwickeln, beschäftigt die medizinische Forschung intensiv. Eine aktuelle Übersichtsarbeit im Fachjournal Annals of Medicine & Surgery fasst neue Erkenntnisse darüber zusammen, welche Rolle Veränderungen des Immunsystems bei Long COVID spielen könnten.

Die zentrale Erkenntnis: Bei einigen Betroffenen scheint die Immunantwort nach einer SARS-CoV-2-Infektion nicht vollständig in den normalen Zustand zurückzukehren. Stattdessen können bestimmte Prozesse länger aktiv bleiben oder aus dem Gleichgewicht geraten.

Long COVID hat wahrscheinlich mehrere Ursachen

Lange Zeit wurde nach einer einzigen Erklärung für Long COVID gesucht. Die Forschung zeigt inzwischen jedoch ein komplexeres Bild: Wahrscheinlich gibt es nicht den einen Mechanismus, der alle Beschwerden verursacht.

Menschen mit Long COVID berichten über sehr unterschiedliche Symptome. Dazu gehören unter anderem:

  • anhaltende Erschöpfung und eingeschränkte Belastbarkeit,
  • Konzentrations- und Gedächtnisprobleme („Brain Fog“),
  • Atembeschwerden,
  • Herz-Kreislauf-Symptome,
  • Schlafstörungen sowie
  • verschiedene neurologische Beschwerden.

Diese Vielfalt deutet darauf hin, dass mehrere biologische Prozesse beteiligt sein können.

Das Immunsystem bleibt bei manchen Menschen länger aktiviert

Normalerweise reagiert das Immunsystem auf eine Virusinfektion, bekämpft den Erreger und fährt die Aktivität anschließend wieder herunter. Bei einigen Menschen mit Long COVID finden Forscher jedoch Hinweise darauf, dass bestimmte Teile des Immunsystems länger aktiviert bleiben.

Untersucht wurden unter anderem Veränderungen bei:

  • T-Zellen, die für die Steuerung der Immunantwort wichtig sind,
  • B-Zellen, die Antikörper bilden,
  • Entzündungsbotenstoffen, die Signale zwischen Immunzellen vermitteln.

Die Forschung spricht in diesem Zusammenhang häufig von einer Immun-Dysregulation. Gemeint ist damit nicht, dass das Immunsystem grundsätzlich „kaputt“ ist, sondern dass die Balance zwischen Aktivierung und Beruhigung gestört sein könnte.

Könnten Autoantikörper eine Rolle spielen?

Ein weiterer Forschungsansatz beschäftigt sich mit sogenannten Autoantikörpern. Das sind Antikörper, die sich nicht nur gegen Viren richten, sondern möglicherweise auch körpereigene Strukturen beeinflussen können.

Bei einem Teil der Long-COVID-Betroffenen wurden solche Autoantikörper nachgewiesen. Sie könnten theoretisch bestimmte Beschwerden erklären – etwa wenn körpereigene Abläufe beeinflusst werden.

Allerdings ist noch nicht abschließend geklärt, welche Bedeutung diese Befunde haben. Es ist möglich, dass Autoantikörper an der Entstehung der Beschwerden beteiligt sind. Ebenso könnten sie aber auch eine Begleiterscheinung einer länger anhaltenden Immunaktivierung sein.

Bleiben Virusbestandteile im Körper zurück?

Wissenschaftler untersuchen außerdem die Frage, ob bei manchen Menschen Bestandteile des Virus länger im Körper vorhanden sein könnten.

Einige Studien fanden Hinweise auf virale Bestandteile in bestimmten Geweben. Ob solche Befunde tatsächlich die Ursache von Long COVID sind oder nur einen Teil der komplexen Immunreaktion widerspiegeln, ist derzeit noch Gegenstand der Forschung.

Entzündungen könnten auch die Blutgefäße betreffen

Neben Immunzellen stehen auch die Blutgefäße im Fokus der Wissenschaft.

Eine mögliche Erklärung für bestimmte Beschwerden ist, dass Entzündungsprozesse die Funktion der Gefäßinnenwände beeinflussen könnten. Veränderungen in diesem Bereich könnten möglicherweise zu Problemen bei der Durchblutung oder zu einer verminderten Belastbarkeit beitragen.

Auch hier gilt: Die Forschung liefert Hinweise, aber noch keine endgültige Erklärung für alle Betroffenen.

Warum ein einfacher Bluttest bisher nicht existiert

Viele Betroffene hoffen auf einen eindeutigen Laborwert, der Long COVID sicher nachweisen kann. Einen solchen einzelnen Marker gibt es bisher jedoch nicht.

Ein wichtiger Schwerpunkt der aktuellen Forschung ist deshalb die Suche nach sogenannten Biomarkern. Diese könnten in Zukunft helfen, verschiedene Formen von Long COVID besser zu unterscheiden und gezieltere Therapien zu entwickeln.

Die Forschung steht noch vor offenen Fragen

Obwohl inzwischen viele Studien zu Long COVID veröffentlicht wurden, gibt es weiterhin wichtige Einschränkungen. Die Untersuchungen unterscheiden sich teilweise deutlich in ihrer Größe, Methodik und Definition der Erkrankung.

Deshalb müssen viele Ergebnisse noch durch größere und langfristig angelegte Studien bestätigt werden.

Fazit: Ein fehlgeleitetes Gleichgewicht statt ein „geschädigtes“ Immunsystem

Die bisherigen Erkenntnisse zeigen: Bei einem Teil der Menschen mit Long COVID lassen sich Veränderungen des Immunsystems feststellen. Dazu gehören unter anderem anhaltende Entzündungsprozesse, Veränderungen bestimmter Immunzellen und möglicherweise Autoimmunreaktionen.

Die Vorstellung, COVID-19 würde das Immunsystem bei allen Betroffenen dauerhaft zerstören, entspricht jedoch nicht dem aktuellen Stand der Forschung. Wahrscheinlicher ist ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Faktoren, das bei manchen Menschen dazu führt, dass die körpereigene Regulation nach der Infektion länger gestört bleibt.

Die kommenden Jahre werden entscheidend sein, um diese Mechanismen besser zu verstehen – und daraus wirksamere Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten für Betroffene zu entwickeln.

Quelle: Eigene Darstellung nach: Eyob Girma Abera et al., „Emerging trends in post-COVID immune dysregulation: a narrative review“, Annals of Medicine & Surgery, 2026, DOI: 10.1097/MS9.0000000000005261.

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By Sarah Koller

Sarah Koller schreibt vor allem zu Gesundheits- und Wissenschaftsthemen, behandelt aber auch soziale und historische Fragestellungen. Ihre Texte zeichnen sich durch Vielseitigkeit und die Fähigkeit aus, komplexe Inhalte verständlich aufzubereiten.

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