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  • 13. August 2026 1:48

Long Covid im Gehirn: Was die Forschung über anhaltende Entzündungsprozesse weiß

ByDavid Aebischer

Juli 28, 2026

Viele Menschen erholen sich nach einer Infektion mit SARS-CoV-2 vollständig. Andere kämpfen Monate oder Jahre später noch mit Erschöpfung, Konzentrationsproblemen oder Gedächtnisstörungen. Besonders die neurologischen Beschwerden von Long Covid gehören zu den schwierigsten Rätseln der aktuellen Medizin. Eine aktuelle Übersichtsarbeit fasst zusammen, welche biologischen Mechanismen derzeit diskutiert werden – und warum eine endgültige Erklärung noch aussteht.

Im Mittelpunkt der Forschung steht zunehmend das Zusammenspiel zwischen Immunsystem und Nervensystem. Zahlreiche Studien liefern Hinweise darauf, dass bei einem Teil der Betroffenen die Immunaktivität nach der akuten Infektion nicht vollständig in den Ausgangszustand zurückkehrt. Eine anhaltende Neuroentzündung wird dabei als ein möglicher Mechanismus untersucht. Sie ist jedoch bislang nicht als alleinige Ursache aller Long-Covid-Symptome bewiesen.

Wenn die Immunantwort nicht zur Ruhe kommt

Nach heutigem Kenntnisstand beruht Long Covid in den meisten Fällen nicht darauf, dass SARS-CoV-2 dauerhaft im Gehirn aktiv ist. Stattdessen richtet sich der Blick auf die Folgen einer fehlgesteuerten Immunreaktion.

Eine besondere Rolle spielen dabei Mikroglia und Astrozyten. Diese Zellen sind für die Funktionsfähigkeit des Gehirns von zentraler Bedeutung: Sie kontrollieren die Umgebung von Nervenzellen, reagieren auf Verletzungen und helfen dabei, das empfindliche Gleichgewicht im Gehirngewebe aufrechtzuerhalten.

Werden diese Zellen über längere Zeit aktiviert, könnten sie entzündungsfördernde Signalstoffe freisetzen und dadurch die Kommunikation zwischen Nervenzellen beeinflussen. Genau solche Prozesse werden derzeit bei Long Covid untersucht. Ob sie allerdings der Auslöser der Beschwerden sind oder eine Reaktion auf andere Veränderungen im Körper darstellen, ist noch offen.

Auch die Blut-Hirn-Schranke, die das Gehirn normalerweise vor schädlichen Einflüssen schützt, gerät in den Fokus der Forschung. Einige Untersuchungen deuten darauf hin, dass ihre Schutzfunktion bei bestimmten Patientengruppen verändert sein könnte. Die Bedeutung dieser Beobachtung muss jedoch noch genauer geklärt werden.

Warum gute und schlechte Tage wechseln

Viele Menschen mit Long Covid beschreiben einen schwankenden Verlauf: Phasen relativer Stabilität wechseln sich mit Tagen ab, an denen selbst geringe körperliche oder geistige Belastungen zu einer deutlichen Verschlechterung führen können.

Dieses sogenannte Belastungs-Crash-Phänomen gehört zu den auffälligsten Merkmalen der Erkrankung. Forschende untersuchen verschiedene Erklärungen dafür. Eine Hypothese ist, dass veränderte Immunprozesse die Belastbarkeit neuronaler Netzwerke beeinflussen. Auch Störungen der Kommunikation zwischen Gliazellen und Nervenzellen sowie Veränderungen von Stoffwechsel- und Schlafprozessen werden diskutiert.

Diese Erklärungsmodelle passen zu vielen Beobachtungen aus der Klinik. Sie müssen jedoch noch durch größere und langfristige Studien bestätigt werden.

Die Suche nach einem messbaren Zeichen

Eine der größten Herausforderungen besteht darin, Long Covid objektiver erfassen zu können. Bis heute basiert die Diagnose vor allem auf den Beschwerden der Betroffenen und dem Ausschluss anderer Erkrankungen.

Deshalb suchen Wissenschaftler nach biologischen Merkmalen, die typische Veränderungen sichtbar machen könnten. Untersucht werden unter anderem das Gliafaserprotein GFAP, das Hinweise auf Veränderungen von Astrozyten geben kann, sowie lösliches TREM2 als möglicher Marker für Mikroglia-Aktivität. Auch Entzündungsbotenstoffe wie Interleukin-6 oder Tumornekrosefaktor α werden analysiert.

Noch ist jedoch kein einzelner Marker zuverlässig genug für die medizinische Routine. Die Ergebnisse unterscheiden sich zwischen Studien teilweise erheblich. Möglich ist, dass Long Covid nicht durch einen einzigen biologischen Prozess entsteht, sondern verschiedene Krankheitsmechanismen umfasst.

Bilder des Gehirns zeigen Veränderungen – aber keine Diagnose

Auch bildgebende Verfahren liefern neue Hinweise. PET-Untersuchungen haben bei einigen Betroffenen Veränderungen in Stoffwechsel- und Immunaktivitätsmustern bestimmter Hirnregionen gezeigt. Magnetresonanztomographie und MR-Spektroskopie weisen teilweise auf Veränderungen der Durchblutung, des Stoffwechsels oder der Gewebestruktur hin.

Solche Befunde sind wissenschaftlich bedeutsam, weil sie zeigen, dass die Beschwerden nicht allein auf subjektiver Wahrnehmung beruhen. Gleichzeitig können sie bislang nicht erklären, warum manche Menschen erkranken und andere nicht – und sie erlauben keine sichere Diagnose für den einzelnen Patienten.

Zwischen Hoffnung und wissenschaftlicher Geduld

Die neuen Erkenntnisse eröffnen Perspektiven für zukünftige Therapien. Sollten sich bestimmte neuroimmunologische Prozesse als entscheidend erweisen, könnten Medikamente entwickelt werden, die gezielt in diese Mechanismen eingreifen.

Derzeit gibt es dafür jedoch noch keine ausreichenden Belege aus großen klinischen Studien. Eine Behandlung, die sich direkt gegen eine nachgewiesene Ursache von Long Covid richtet, existiert bislang nicht.

Die Forschung konzentriert sich deshalb darauf, verschiedene Ebenen zusammenzuführen: Beschwerden, Laborwerte, Bildgebung und langfristige Krankheitsverläufe. Erst dadurch lässt sich unterscheiden, welche Veränderungen tatsächlich an der Entstehung der Symptome beteiligt sind.

Ein wichtiger Schritt – aber kein Durchbruch

Die Forschung hat das Verständnis von Long Covid in den vergangenen Jahren deutlich erweitert. Die Vorstellung, dass anhaltende Veränderungen des Immunsystems und des Nervensystems eine Rolle spielen könnten, wird durch zahlreiche Studien gestützt.

Von einer vollständigen Erklärung ist die Wissenschaft jedoch noch entfernt. Long Covid erscheint zunehmend als komplexes Krankheitsbild mit mehreren möglichen Ursachen und unterschiedlichen biologischen Mustern.

Gerade darin liegt die Bedeutung der aktuellen Forschung: Sie liefert keine einfache Antwort, aber sie macht die offenen Fragen präziser. Der Weg zu verlässlichen Diagnoseverfahren und wirksamen Therapien ist noch nicht abgeschlossen – doch die biologischen Grundlagen der Erkrankung werden zunehmend besser verstanden.


Literatur und weiterführende Quellen

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    Understanding neuroinflammation in post-COVID-19 syndrome: biological mechanisms, diagnostic biomarkers, and therapeutic prospects.
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  2. Matthews R, Alam A, Bullmore E, et al.
    Understanding the long-term neurological effects of SARS-CoV-2 infection.
    Nature Reviews Neurology (2026).
    https://www.nature.com/articles/s41582-026-01205-y
  3. Talkington A, Kolluru A, Gressett TE, et al.
    Neurological sequelae of long COVID: a comprehensive review of diagnostic imaging, underlying mechanisms, and potential therapeutics.
    Frontiers in Neurology (2025).
    https://www.frontiersin.org/journals/neurology/articles/10.3389/fneur.2024.1465787/full
  4. Perlis RH, Santillana M, Ognyanova K, et al.
    Neurological and psychiatric manifestations of long COVID-19 and their [18F]FDG PET findings: A review.
    Frontiers / PMC (2023).
    https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC10378471/
  5. Choudhury A, et al.
    Biomarkers in long COVID-19: A systematic review.
    Frontiers in Medicine (2023).
    https://www.frontiersin.org/journals/medicine/articles/10.3389/fmed.2023.1085988/full
  6. Association between post-COVID-19 neuropsychiatric symptoms and persistent glial activation in the limbic system: a TSPO PET study.
    Journal of Neurology (2026).
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By David Aebischer

David Aebischer ist Journalist und Autor mehrerer Bücher, darunter Romane und literarische Texte. Er schreibt zudem zu gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Themen. Seine Texte zeichnen sich durch Vielseitigkeit, klare Struktur und reflektierte Darstellung aus.

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