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  • 13. August 2026 2:13

Der Anschlag in Berlin und die Auffälligkeiten unserer Aufmerksamkeitsökonomie

ByDirk Specht

Juli 26, 2026

KOMMENTAR

Der Anschlag in Berlin dominiert mit der erwartbaren Tonalität und Dramatik die Medien. Der Kanzler hat sich umgehend geäußert, jeder Spitzenpolitiker wird das zeitnah tun. Die typische „Auswertungsmaschine“ von politischen Profiteuren und Trittbrettfahrern wird ihre nutzbringende Arbeit noch Wochen ernten.

Erneut geht die Frage um, ob das vor wichtigen Wahlen gesteuert ist. Niemand kann sich wohl diesem Eindruck entziehen. Dennoch sagt die Forschung etwas anders: Demnach gibt es keine statistische Evidenz von niederschwelligen Messer- und Fahrzeugattacken und dem Datum von Bundes- oder Landtagswahlen. Aber: Umgekehrt gibt es eine Evidenz des Wahleinflusses solcher kurz vor den Wahlen erfolgter Anschläge. Das wiederum liegt an der großen Aufmerksamkeit, die das vor Wahlen wie vorliegend erneut dokumentiert erlangt. Die Studien weisen zugleich nach, dass solche Anschläge außerhalb von Wahlterminen deutlich geringere Aufmerksamkeit erzielen.

Die internationale Studienlage bestätigt das. Terrorismusforschung ist global ein wichtiges und lange erforschtes Thema. Studien können nachweisen, dass in politischen Systemen mit Mehrheitswahlrecht vor wichtigen Wahlen organisierte Anschläge stattfinden. Oft wurden diese Hintergründe in den Ermittlungen kausal nachgewiesen. Die Autoren erklären das mit der hohen Motivation der zu einer entsprechenden Logistik fähigen Organisationen, wichtige Wahlen zu beeinflussen. Es handelt sich hier also um zentral gesteuerte Großorganisationen wie Al-Qaida, IRA etc., die Gewalt gezielt als Instrument einsetzen, um Wahlen bis zu Regierungswechseln zu beeinflussen (z. B. Madrid 2004).

Die kriminaltechnische Ermittlung von Anschlägen mit geringerer Logistik, wie vorliegend und typisch in Deutschland, ergeben jedoch meist Motivationen im Umfeld der Täter, auch bezüglich des Zeitpunkts. Bei islamistischen Taten sind dabei oft globale Ereignisse der zeitgebende Anlass, Nähe zu Wahlterminen demnach Zufall. Nachgewiesen wird aber oft als Trigger die Kommunikation beispielsweise islamistischer Quellen in Social Media oder in entsprechenden Echokammern. Insofern ist so etwas wie eine externe Einflussnahme teilweise durchaus nachweisbar.

Soweit die Studienlage, die sich mit den Aussagen der Sicherdienste (Verfassungsschutz, BKA etc.) deckt. Quellen siehe Anhang und zur Klarstellung: Ich bin kein Experte in diesem Gebiet, sondern gebe hier nur die Kernaussagen der relevanten Ergebnisse auf Basis einer eigenen methodisch ordentliche Recherche in wissenschaftlichen Quellen wieder. Mir geht es eher um die medial/politische Seite und da kenne ich mich ganz gut aus.

Als Statistiker möchte ich darauf hinweisen, dass einige dieser Ergebnisse eine m.E. schwache Evidenz haben. Aufgrund der häufigen Wahltermine in Deutschland ist die Datenverteilung extrem ungünstig und die Datenmenge zugleich klein. Letztlich kann man daher immer vor Wahlen etwas finden, zugleich auch jenseits. Das Setup, was als vor den Wahlen definiert wird, ist schwierig. Damit kann ich den Ergebnissen nicht widersprechen, mein Einwand hat nämlich eine noch schwächere, genauer gar keine Evidenz.

Ich tue mich auch schwer, der Einstufung als Einzeltäter zu folgen. Auf der kriminaltechnischen/terroristischen Ebene mag das zutreffen, aber statistisch sind die Häufungspunkte der soziodemografischen Daten der Täter unübersehbar. Ich will hier übrigens bewusst nicht diskutieren, welche das sind. Geschlechter, Alter, Kulturkreise, Herkunft, Religion, Rechte, Linke – es geht mir hier nur um die sachliche Differenzierung von zunächst mal unpolitischer Statistik. Da kann man nun mal klar sagen: Es gibt Häufungspunkte, die Täter sind keineswegs normalverteilt in der Bevölkerung.

Dazu gibt es reichlich Forschung, die aber leider schnell politisiert wird. Die Diskussionen sind voller Whataboutism und Aussagen werden sofort in irgendwelche politischen Lager geschoben, um sie zu diskreditieren. Das sollte offener diskutierbar sein. Ob es die Frage einer Orchestrierung im Hintergrund besser beantwortet (was durchaus weiter die Verneinung sein mag), sei dahingestellt. Aber es könnte zu einer Versachlichung der Fragen führen, die vermutlich ohnehin jeder hat.

Die für mich wichtigste Erkenntnis ist aber eine andere: Erneut erhält dieser Anschlag eine fast dominierende Aufmerksamkeit, während andere das nicht erreichen. Hier finde ich die Frage mal wieder anstehender Wahlen durchaus relevant. Denn die zitierte Erkenntnis, dass vor Wahlen eine höhere Aufmerksamkeit nachweisbar ist, bedarf dringend einer tieferen Analyse.

Warum ist das so, was triggert unser mediales System, wie funktionieren diese Auswertungsmaschinen, gibt es dazwischen einen Zusammenhang?

Möglicherweise sind das in kriminaltechnischer Definition korrekt bewertet Einzeltäter, die aus soziologisch/psychologisch vergleichbaren Gründen ähnlich handeln, was sich genau deshalb möglicherweise auch zumindest teil-orchestrieren lässt. Aber vor allem liegt es nahe, dass es eine sehr wirksame mediale Orchestrierung gibt.

Letzteres finde ich persönlich besonders relevant. Denn es geht um nichts Geringeres als die Frage, ob unsere Demokratie wenn vielleicht auch indirekt logistisch mit Messern oder Mietfahrzeugen signifikant beschädigt werden kann.

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By Dirk Specht

Dirk Specht ist deutscher Autor und Kommentator mit den Schwerpunkten Wirtschafts-, Energie- und Gesellschaftspolitik. Er veröffentlicht Analysen und Kommentare zu aktuellen Entwicklungen in Politik, Wirtschaft und Technologie. Zuvor war er Digitalchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) und ist als Dozent und Gesprächspartner in Fachveranstaltungen aktiv. Seine Texte in der DMZ-News zeichnen sich durch analytische Tiefe und die klare Einbindung wirtschaftlicher und technischer Zusammenhänge aus.

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