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  • 13. August 2026 2:24

Das Konzert des Sommers – Warum Zikaden und Grillen nicht einfach nur zirpen

BySarah Koller

Juli 24, 2026

Wer an einem heißen Julitag durch einen Weinberg in Südfrankreich spaziert oder an einem Sommerabend unter Pinien in Italien sitzt, nimmt oft zuerst den Klang wahr. Ein gleichmäßiges Sirren erfüllt die Luft, mal kaum hörbar, mal so laut, dass Gespräche daneben fast verstummen. Was wie ein einziges Naturgeräusch wirkt, stammt jedoch von ganz unterschiedlichen Insekten. Zikaden, Grillen und Laubheuschrecken spielen nicht dasselbe Instrument – und sie gehören nicht einmal derselben Insektengruppe an.

Trotzdem verfolgen sie ein gemeinsames Ziel: Sie werben um einen Partner. Das vermeintliche Sommerkonzert ist in Wirklichkeit eine vielstimmige Balz.

Dass Zikaden und Grillen häufig in einem Atemzug genannt werden, liegt an ihrer auffälligen Lautstärke, nicht an ihrer Verwandtschaft. Zikaden zählen zu den Schnabelkerfen (Hemiptera), zu denen auch Blattläuse und Wanzen gehören. Sie ernähren sich, indem sie Pflanzensaft aussaugen. Grillen, Laubheuschrecken und Grashüpfer dagegen gehören zu den Geradflüglern (Orthoptera). Sie besitzen kräftige Mundwerkzeuge zum Beißen und leben – je nach Art – von Pflanzen oder einer gemischten Kost.

Die Ähnlichkeit ihrer Gesänge täuscht also über große evolutionäre Unterschiede hinweg. Gerade deshalb ist ihr Vergleich so faszinierend: Zwei weit voneinander entfernte Insektengruppen haben unabhängig voneinander Wege gefunden, weithin hörbare Signale zu erzeugen. Die Evolution brachte für dieselbe Aufgabe zwei völlig verschiedene Lösungen hervor.

Bei Grillen und Laubheuschrecken entsteht der Ton durch Reibung. Auf einem Vorderflügel sitzt eine feine Leiste mit winzigen Zähnchen, auf dem anderen ein harter Schaber. Bewegt das Männchen seine Flügel, streicht der Schaber über diese Leiste – ähnlich wie ein Bogen über eine Saite. Die Flügel selbst wirken dabei als Resonanzkörper und verstärken den Schall. Biologen bezeichnen dieses Verfahren als Stridulation.

Der Gesang folgt dabei einem erstaunlich präzisen Muster. Jede Art besitzt ihren eigenen Rhythmus und ihre charakteristische Tonfolge. Weibchen erkennen daran zuverlässig einen passenden Partner. Außerdem unterscheiden die Männchen verschiedene „Programme“: einen weithin hörbaren Lockruf, leisere Balzlaute aus nächster Nähe und aggressive Signale gegenüber Rivalen. Weil die Flügelmuskulatur bei Wärme schneller arbeitet, nimmt auch das Zirptempo mit steigenden Temperaturen zu – ein Zusammenhang, den Naturforscher schon vor mehr als einem Jahrhundert beschrieben.

Zikaden dagegen verzichten vollständig auf dieses „Geigenspiel“. Ihr Instrument gleicht eher einer Trommel. Seitlich am Hinterleib sitzen sogenannte Tymbalorgane – gerippte Membranen, die durch kräftige Muskeln in rascher Folge verformt werden. Jeder einzelne Impuls erzeugt nur ein leises Klickgeräusch. Erst Hunderte solcher Bewegungen pro Sekunde verschmelzen zu jenem durchdringenden Sirren, das mediterrane Sommerlandschaften prägt. Luftgefüllte Hohlräume im Hinterleib verstärken den Klang zusätzlich. Manche tropischen Arten erreichen dabei Lautstärken, die für ein nur wenige Zentimeter großes Tier erstaunlich sind.

Gesungen wird fast ausschließlich von den Männchen. Das hat seinen Preis. Wer laut ruft, macht nicht nur auf Weibchen aufmerksam, sondern auch auf Vögel, Fledermäuse oder Spinnen. Dennoch überwiegt der Nutzen das Risiko: Ein auffälliger Gesang erhöht die Chancen, einen Partner zu finden und die eigenen Gene weiterzugeben. Bei manchen Zikadenarten stimmen Tausende Männchen ihre Rufe sogar aufeinander ab. Aus vielen Einzelstimmen entsteht dann ein nahezu überwältigender Chor, der Weibchen anlockt und Fressfeinden die Orientierung erschweren kann.

Ob ein Sommertag laut oder überraschend still erscheint, entscheidet nicht zuletzt das Wetter. Viele Arten werden erst bei ausreichend hohen Temperaturen aktiv. Kühlt die Luft am Abend deutlich ab oder wird die Mittagshitze extrem, verstummen auch die Sänger. Das scheinbar gleichförmige Zirpen folgt also einem empfindlichen biologischen Takt.

Dabei erfüllen diese Insekten weit mehr als eine akustische Rolle. Sie sind Beute für zahlreiche Vogel-, Reptilien- und Säugetierarten und tragen als Pflanzenfresser oder Allesfresser zum ökologischen Gleichgewicht bei. Einige Zikadenarten können Nutzpflanzen schädigen oder Krankheitserreger zwischen Pflanzen übertragen. Berühmt sind die nordamerikanischen Periodischen Zikaden, deren Massenauftreten im Abstand von 13 oder 17 Jahren zu den spektakulärsten Naturereignissen überhaupt zählt. Millionen Tiere schlüpfen nahezu gleichzeitig – so viele, dass Fressfeinde nur einen Bruchteil erbeuten können.

Seit Jahrhunderten inspirieren Zikaden und Grillen auch Dichter, Maler und Musiker. In der antiken Mittelmeerwelt galten sie als Sinnbild des Sommers, in Japan steht ihr Gesang bis heute für die Vergänglichkeit der Jahreszeiten. Zugleich erzählen ihre Stimmen etwas über den Zustand der Natur. Wo das sommerliche Konzert verstummt, verschwinden häufig auch andere Tierarten. Das Schweigen der Insekten wäre daher weit mehr als der Verlust einer vertrauten Geräuschkulisse – es wäre ein Hinweis darauf, dass ganze Lebensgemeinschaften aus dem Gleichgewicht geraten.

Wer an einem warmen Abend innehält und genauer hinhört, lauscht deshalb keinem zufälligen Hintergrundgeräusch. Hinter jedem Zirpen und jedem Sirren steckt eine über Millionen Jahre entwickelte Form der Kommunikation. Das Konzert des Sommers ist nicht bloß Naturromantik. Es ist Evolution, hörbar gemacht.

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By Sarah Koller

Sarah Koller schreibt vor allem zu Gesundheits- und Wissenschaftsthemen, behandelt aber auch soziale und historische Fragestellungen. Ihre Texte zeichnen sich durch Vielseitigkeit und die Fähigkeit aus, komplexe Inhalte verständlich aufzubereiten.

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