Die Diskussionen über eine „KI-Blase“ und vor allem die dahinter liegenden Denkmuster sind aus meiner Sicht das dümmste, was Europa sich jemals in seiner Geschichte geleistet hat. Dagegen ist der Stuss, man müsse am hirntoten Verbrenner festhalten, eine ökonomische Marginalie, obwohl an dem fast 13 Millionen Jobs in ganz Europa unmittelbar hängen. Ich vermute sogar, dass die selbstzerstörerischen beiden Weltkriege irgendwann dagegen verblassen könnten.
Nun werden viele diese Sätze lesen und denken: Jetzt spinnt er endgültig. Dass es eine KI-Blase gibt, wird doch täglich diskutiert, den Verbrenner muss er in dem Zusammenhang nicht schon wieder bringen, gar die Weltkriege? Was hat das denn miteinander zu tun.
Viel, zu viel.
Lese ich von „KI-Blase“, so erkenne ich Denkmuster, die von „zu teuer“, „nutzlos“, „überbewertet“, „weiß man alles noch nicht“ über „zu gefährlich“, „Risiken unklar“, „müsste man zuerst mal regulieren“ bis zu „will ich nicht“ in allen möglichen Formen reichen. Wie beim Verbrenner. Die Weltkriege kommen später, die geopolitische Bedeutung wird nämlich gleich mit übersehen.
Das alles wäre unwichtig, wenn ich nicht seit fast einer Dekade auf Entscheidungsträger in Wirtschaft und Politik träfe, ebenso auf IT-Experten bis zu hervorragenden Software-Entwicklern, bei denen ich tiefe Spuren dieser absurden „KI-Blase“-Denkweise finden würde. Die Blase ist diese Denke und die hat Folgen: Europa ist nämlich dabei, sich von KI zu verabschieden und das auch noch, ohne es bewusst so zu entscheiden. Die Unternehmen investieren viel zu wenig und oft ist das, was sie tun, auch noch falsch. Die Politik hat überwiegend nicht näherungsweise verstanden, was KI für deren Verantwortungsbereich bedeutet. Da fehlt jeder Transfer aus der tiefen technologischen Fachlichkeit auf das eigene Wirkungsfeld. Das gilt auch für viele Geschäftsführer, Vorstände, Aufsichtsräte und die dahinter liegenden Strukturen bei Gesellschaftern und Großaktionären.
Das wiederum erinnert sehr an die Digitalisierung seit 25 Jahren. Zuerst war auch das ein Hype, der wieder verschwindet. Als der das nicht tat, lernte jeder CEO brav seine drei Sprüche über die Bedeutung der Digitalisierung und alle Spitzenpolitiker konnten fünf Minuten fehlerfrei darüber referieren. Wirkliche Ahnung hatten und haben die bis heute nicht. Von der Digitalisierung nota bene, bis heute! Und jetzt KI? Es ist dunkel in Europa!
Hier ein wenig aktuelles Licht:
- In den letzten Tagen haben einige Hundert namhafte und in der Sache hoch kompetente Wissenschaftler sowie auch führende KI-Unternehmen die Initiative „wir müssen jetzt handeln“ gestartet. Darunter sind Nobelpreisträger, die vor wenigen Monaten teilweise selbst noch eine ganz andere Position hatten, nämlich auch irgendwas von „KI-Blase“. Das solle man mal nicht überbewerten und diese unfassbaren Investments seien eher in der Größenordnung gefährlich für die Finanzstabilität – was sie übrigens sind!

- In China gibt es ähnliches, eine namhafte Denkstube hat dazu ein Paper über „KI-Sicherheit in China“ verfasst und – das hat in China tiefe Bedeutung! – der Staatspräsident Xi hat eine Grundsatzrede dazu gehalten, in der er dieses Paper explizit stützt. Es gibt sogar eine erste bilaterale Kommission zwischen den USA und China, die beim Trump-Besuch ins Leben gerufen wurde.

Ohne Europa. Natürlich. Warum denn auch.
- Die BIZ („Zentralbank der Zentralbanken“) hat bereits 2024 Modelle für die Folgen von KI entwickelt und diese im 2026er Bericht noch mal aufgegriffen. Korrekt, die BIZ spricht ebenfalls von einer möglichen Blase, in dem Fall aber fachlich adäquat, das ist der große Unterschied. Die BIZ sieht etwas verkürzt vor allem das Risiko einer Finanzblase, die sich hinter diesen gewaltigen Investments gebildet hat. Dass diese existiert, darf man nicht nur vermuten, das dürfte aufgrund des Schattenbankensystems und des unveränderten Hungers unseres Finanzsystems, irgendwelche derivativen Hebelprodukte aufzupumpen, als gegeben festzustellen sein.
- Kleiner Service-Hinweis: In Südkorea „crasht“ der Markt gerade wegen massenhafter Margin Calls von Millionen Privatanlegern, die nun von Profis hübsch ausgezogen werden. Wer da zufällig und durchaus klugerweise investiert ist, sollte bitte einfach die Füße stillhalten. Dergleichen wird sich sehr wahrscheinlich wiederholen, der Finanzmarkt ist mal wieder voller ungedeckter Wetten auf ein singuläres Thema. Dieses Mal nicht kalifornische Risikokredite auf Schrottimmobilien sondern KI. Hat aber mit KI nichts zu tun und deshalb gibt es auch immer noch keine „KI-Blase“.
- Was die BIZ aber in dem Zusammenhang vor allem modellierte, sind die möglichen Szenarien aus der KI-Entwicklung. Kurzfristig könnten die KI-Investments enttäuscht werden, weil man die Leistung physikalisch gar nicht so wie geplant ausbauen kann oder die daraus erwarteten ökonomischen Vorteile nicht eintreten. Dieses „bottleneck“-Szenario würde besagte Finanzstabilität bedrohen und das Angebotswachstum sogar bremsen (siehe Chart3). Passiert durch KI ein Produktivitätsschub („productivity boost“), so wird das System insgesamt in einer guten Balance verbleiben. Gelingt aber die m.E. sogar klar erwartbare umfassende Transformation durch KI, sehen wir ein Szenario, das aus meiner Sicht vermutlich nach Starproblemen das leider wahrscheinlichste ist: Die Wertschöpfung unseres heutigen ökonomischen Modells geht radikal vom Faktor Arbeit zum Faktor Kapital!

Abschließend ein paar Thesen und ich wünsche mir, dass ich selbst hier im Juli 2026 Stuss aufschreibe.
Zur „Blase“:
- Es gibt keine „KI-Blase“ in der Form, wie sie von >95% aller dies Behauptenden behauptet wird.
- Es wird definitiv Finanzblasen geben, deren Platzen irgendwelche Schäden und Verluste erzeugt. Das ist ein ungelöstes Thema des Finanzsystems. KI wird das kaum betreffen und gewiss nicht stoppen.
- Es wird viele Projekte, Investments und Geschäftsmodelle im KI-Bereich geben, die scheitern. Ein Ausleseprozess. Normal, mehr noch: Notwendig. Im Unterschied zur sogenannten Dotcom-Blase, die auch keine war, selektieren die Kapitalmärkte übrigens heute viel schneller und logischer. Alles einmal rauf, dann wieder runter und Jahrzehnte nur noch rauf – könnte dieses Mal anders laufen.
- Wahrscheinlicher ist daher weiter die heftige Volatilität an den Aktienbörsen. Sowohl die Sektoren, mal die Chips, mal die Hyperscaler, mal die durch KI disruptierten Sektoren, werden in sich gegenseitig beeinflussenden Wellen weiter schwanken. Mit KI selbst hat das aber viel weniger zu tun, als dann ständig behauptet wird.
Zur Technologie:
- KI wird sich definitiv und zwar exponentiell weiterentwickeln. 10 Jahre muss darauf niemand warten, nicht mal 10 Monate. Und auch in 10 Monaten wird die dann laufende KI die ab da dümmste KI sein, die noch eingesetzt wird.
- Die heute so viel beachteten und durchaus zurecht als Investitionsrisiko bewerteten physischen Hürden bei den Rechenkapazitäten, von den Chips bis zum Strom, werden in der Zukunft milde belächelt werden. Genauso wie wir heute ein Smartphone in jeder Hosentasche tragen, das mehr Rechen- und Speicherleistung als jeder Großrechner vor 40 Jahren hat, wird Rechen- und Speicherleistung für KI in Zukunft eine auskömmlich verfügbare und ökonomisch attraktive Ressource.
- Die heutigen Beruhigungspillen über „dumme“ LLMs, ineffiziente Modelle, nette Nahrungsketten mit „Frontier“ versus „Foundation“, Spezialmodelle, Industriemodell, Agentic-AI als Gewinner – das ist nur nettes Geschwätz. Alles, aber auch wirklich alles spricht für die Entwicklung in eine Richtung, die ich Deep-AI nenne: Wir werden sehr große, sehr tiefe und sehr umfassende KI-Modelle sehen, unter denen für „Spezialisierung“ immer weniger Platz bleibt.
- Exkurs für die nicht Experten, die hier mitlesen: Mein Lieblingsbeispiel ist das „dumme LLM“, das nicht mal 2+3 korrekt rechnen kann. Das war noch nie ein kluger Einwand, denn so wie ein LLM das machte, war das Ergebnis schon immer ein Nachweis für das Leistungspotenzial der Technologie. Inzwischen „versteht“ aber jedes “LLM”, das schon deshalb gar kein LLM mehr ist, die Aufgabe und löst die mit einer App, die addieren kann. Nun sagen viele, das könne jedes Schulkind. Der „kleine“ Unterschied ist aber, dass man heute jedem LLM genauso sagen kann, es möge eine rekursive Korrelationsanalyse über zwei beliebig große Datenreihen machen. Das kann natürlich jeder Statistiker mit entsprechender Software auch, Faktor 100 aufwendiger. Wenn ein nicht-Statistiker einem LLM heute aber sagt, es solle Zusammenhänge zwischen zwei Datenreihen untersuchen, machen die kleinen Teufelchen dasselbe. Das heißt nicht, jeder nicht-Statistiker könne nun jeden Statistiker mit LLMs überflüssig machen, denn da kann immer noch jeder Blödsinn resultieren, aber kein Statistiker sollte noch ohne KI arbeiten. Und leider können nicht-Statistiker damit heute Statistiken erzeugen, deren Blödsinn immer schwerer auflösbar ist. Das wiederum kann KI sehr gut, denn jedes bessere LLM kann in jeder Statistik forensisch zurück analysieren, wie die methodisch gemacht ist und was daran falsch ist. Wenn man als Statistiker weiß, wie man das LLM dazu beauftragt. Noch – denn auch das lernen die Dinger immer besser. Schauen wir also mal, was alleine aus diesem 2+3-Beispiel so wird und wie Statistiken in nur fünf Jahren ab jetzt überwiegend gemacht werden.
- Exkurs für Experten: Das unerträgliche Berater-Geschwätz über irgendwelche „Agentic/Industrial/Physical-AI“, „Datenschätze in der deutschen Industrie“, „effiziente AI“, die weniger „Tokens“ verbraucht – bitte weghören, bitte weiter gehen. Gerne mal genauer schauen, was Google-DeepMind, Nvidia, Microsoft, Amazon, die vielen größeren Labore in den USA sowie deren Pendants in China längst in genau dem Spielfeld tun. Dabei auch gerne beobachten, wo die das tun. Es lohnt auch mal, in typisch deutschen Unternehmen so ganz genau hinzusehen, wie es denn um die „Datenschätze“ real bestellt ist. Das Dingsda mit der KI wird ja nicht einfacher, weil das Dingsda mit der Digitalisierung so besonders schlecht umgesetzt wurde.
- Spezialexkurs für Software-Experten: Wer glaubt, Software-Entwicklung sei auch zukünftig eine Sache von Spezialisten, die mit Spezialisten über die Spezifikationen von Spezialalgorithmen reden, der sollte vielleicht nicht so ganz übersehen, dass momentan Hunderttausende Programmierer mit Claude&Co Spezialalgorithmen bauen und damit nichts anderes als eine Deepcode-AI täglich weiter trainieren, wie diese vielen Spezialalgorithmen funktionieren und was die so ganz genau tun. Die Sache mit dem Daten- und Knowhowschutz ist nämlich nontrivial, sobald man irgendein großes KI-Modell nutzt, um irgendeine garantiert von diesem niemals angreifbare „Spezial-AI“ zu entwickeln und vor allem zu betreiben. Nee, liebe Experten, Mutti kriegt alles mit und die lernt anders als beim Menschen viel schneller, weil sie so viele Kinder zugleich versorgt.
- Unangenehmer Nebenexkurs für alle: Selbst der größte Softwarekonzern Europas, dessen Namen ich nicht nennen muss, programmiert mit Claude Code. Das sind Algorithmen für Geschäftsprozesse eines Großteils unserer europäischen Wirtschaft. Keine Pointe.
Zur Metaebene für Unternehmen, insbesondere Vorstände, Aufsichtsräte, Gesellschafter, Aktionäre:
- Wer nicht in KI investiert und auf allen Ebenen prüft, welche Vorteile und vor allem Innovationen durch diese Technologie möglich werden, wird absteigen bis verschwinden.
- Wer dabei bereits vorgibt und intellektuell auch mehr nicht leistet, als KI mit einer Kostensenkungstechnologie gleich zu setzen, sollte diese Entscheidungen anderen überlassen.
- Das Bonmot, „wer einen Scheißprozess digitalisiert, wird einen scheiß digitalen Prozess ernten“, wird bei KI ganz andere Dimensionen erreichen.
- Insofern: Wer schon bei der Digitalisierung nicht den Ansprüchen gerecht wurde, sollte bei KI andere machen lassen. Das Niveau wechselt von fachlich anspruchsvoll auf hyperkomplex.
- Es geht nicht darum, dasselbe billiger zu machen, sondern alles auf den Prüfstand zu setzen, dabei beim Geschäftsmodell selbst anzusetzen und daraus abzuleiten, was man komplett anders, komplett neu, viel besser und schneller machen kann.
- KI darf auf der Prozessebene als Digitalisierung des bisher noch Physischen verstanden werden. Während die bisherige Digitalisierung insbesondere durch Intermediäre vor allem Wertschöpfungsketten disruptierte und – gerne übersehen – ganz neue Geschäftsmodelle erzeugte, wird das mit KI die bisherigen physischen Barrieren überwinden.
- Wer sein Geschäftsmodell dabei auf die besondere Kompetenz von besonders gutem physischen Material oder “Gerät” beschränkt, sollte sich sehr tief in die „Spaltmaßkompetenz“ der deutschen Automobilindustrie einarbeiten. Die Wertschöpfung wird nicht mehr durch die Ingenieurskunst dominiert und nebenbei darf der zurecht stolze deutsche Ingenieur dann doch mal anerkennen, dass auch asiatische Ingenieure zurecht stolz sind.
Zur Metaebene für Politik und Gesellschaft:
- Die geoökonomische, militärische und geopolitische Macht wird in Zukunft entlang der Leistungsfähigkeit und Verfügbarkeit (nicht dasselbe!) von KI entschieden.
- Die maßgebliche Wertschöpfung der Zukunft wird in der KI liegen.
- Es wird (muss!!!) Fehlinvestments in KI geben, deshalb ist KI aber kein Fehlinvestment und die Gefahr, zu wenig zu investieren, ist weitaus bedeutender als die von Überinvestments.
- Bei unverändertem ökonomisch/gesellschaftlichem System muss, wie die BIZ korrekt modelliert, der Faktor Arbeit massiv verlieren und der Faktor Kapital gewinnen.
- Das Kapital hat das längst verstanden, die Interessenvertreter von Arbeit, Gesellschaft, Staat als Gesamtgebilde zeigen nur, dass sie davon beliebig wenig Ahnung haben.
Die dokumentierten Initiativen und Analysen finden weitgehend ohne Europa statt. Dabei wird Europa fast nur von den Gefahren betroffen sein, der Nutzen ist kaum ersichtlich. Für einen Kontinent, dessen Gesellschaften vor allem auf Gefahren und viel weniger auf Chancen reagieren, eine erstaunliche Diagnose. Die klarste systemische Initiative in Europa ist die Regulierung von KI. Man reguliert hier also etwas, bei dem man global keine Rolle spielt. Eine leider nicht mehr erstaunliche Diagnose.
Wer zurück liegt, muss schneller rennen als alle anderen. Europa tut das Gegenteil.
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