Leider muss man für eine sachgerechte Bewertung der Nachrichten um VW&Co wieder mal auf ausländische Quellen zurückgreifen. Die unerträgliche Erregungswelle in unseren Medien, fokussiert auf die jeweiligen singulären Schuldigen, wird durch deren Verlängerung in den Sozialen Medien zur blindwütigen Wutwelle. Das belegt allenfalls, wie sehr die Sache Deutschland politisch und gesellschaftlich nicht nur herausfordert, sondern zumindest bisher sogar überfordert.
Zu Volkswagen findet sich im WSJ ein sehr treffender Bericht, der vor allem die spezifische Situation dieses Konzerns mit seiner Aktionärsstruktur, dem Landesbesitz und dem Arbeitnehmereinfluss aufgreift. Leider zutreffend wird hier als einer von mehreren Aspekten herausgearbeitet, dass insbesondere die deutschen Werke sowie mit Sicherheit auch diverse luxuriöse „Overheads“ im Konzern quersubventioniert wurden. Das ist lange bekannt und dürfte nun enden, da es nicht mehr finanzierbar ist. Die Genese und die Ursachen liegen natürlich viel tiefer und sie wirken schon sehr lange.
Was jetzt „plötzlich“ an Plänen auf dem Tisch liegt und von allen Lagern beliebig verlogen mehr oder weniger empört diskutiert wird, geht auf eine „Geheimstudie“ von BCG zurück, die intern bereits in Q1 dem Vorstand vorgelegt wurde. Nun muss man wissen, dass so etwas weit früher beginnt und typischerweise nur mal das brave Aufschreiben des noch weit länger Bekannten ist. Der Vorstand braucht irgendwann ein Paper, wie immer von „unabhängigen“ Dritten, in denen dann doch mal steht, was man vorher zwar lange wusste, sogar selbst züchtete, aber aus welchen vielen Gründen auch immer nicht sagen wollte.
Besagte „Geheimstudie“ wird seit einigen Wochen an ausgesuchte Medien durchgestochen, weil man die verschiedenen Giftpillen gezielt dosiert verabreichen möchte. Dort stehen die Eckwerte, die wir nun „plötzlich“ zu lesen bekommen und die als weitere Giftsalami folgen werden: Ein existenzielles Sanierungsprogramm mit Werkschließungen, Arbeitsplatzabbau, Streichung kompletter Strukturen und Aktivitäten sowie irgendeiner Fokussierung auf irgendeine neue Strategie. Deren Kern dürfte übrigens sein, dass man den Technologiestandort Deutschland bei den Zukunftsthemen aufgibt und alles, was moderne Automobilprodukte ausmacht in China und den USA entwickelt. Jedoch mit Budgets, die man massiv zusammenstreicht, weshalb man leider selbst für diese neue „Strategie“ keine wirklich an Euphorie grenzende Emotion entwickeln sollte.
Als Aufsichtsrat würde ich persönlich das als Exitstrategie bezeichnen, aber ich bin nicht unglücklich, das Mandat nicht zu besitzen. Ich werde deutlich: Das ist ein Sparschweinchenprogramm ohne jede Wucht, ohne jeden Mut. Es wird gestrichen, was nicht zukunftsfähig ist. Unvermeidlich, aber nur Hausaufgabe. Bei den Zukunftsthemen, also IT, KI, E-Technologien, setzt man auf die bereits aufgebauten „Partnerschaften“ mit zuvor errichteten Beteiligungen an Unternehmen in China und den USA. Das sind die dort im großen Ausleseprozess um solche Technologien übrig gebliebenen, die technologische Resterampe des führenden Wettbewerbs der führenden Automobiltechnologien, der überall, aber nicht in Deutschland stattfand. Zu allem Überfluss streicht man diesen Partnerschaften nun auch noch die Etats zusammen, da man ja sparen muss.
Einmal mehr spart man sich aus der Krise. Oder denkt zumindest, das könne gelingen.
Nur zur Klarstellung: Am Geld liegt das ganz gewiss nicht. In Tabelle 1 habe ich grob recherchiert, teilweise Schätzwerte, was der Konzern in den letzten zehn Jahren mit wie unfassbar viel Geld so gemacht hat. Das ist nicht willkürlich ausgewählt, denn es ist der Zeitpunkt, zu dem China in seinem offiziellen Fünfjahresplan als Staatsstrategie die E-Mobilität mit dem Ziel, dort Weltmarktführer einer weltweiten Transformation zu werden, veröffentlichte. Das war also der wichtigste VW-Kunde, die einzige wirklich relevante Ertragsquelle, die ankündigte, die gesamten Exportmärkte dieses größten Autoherstellers der Welt angreifen zu wollen.

Die Tabelle zeigt, dass VW seit dieser Ankündigung, die für mit China einigermaßen kenntnisreich umgehende übrigens ab 2010 erkennbar war, folgende Finanzdaten aufweist: Man hat unfassbare 2,6 Billionen an Erlösen generiert, knapp 155 Milliarden Gewinn erwirtschaftet, nach Abzug der Quersubventionen und auch der F&E-Etats, die nur geringfügig höher ausfallen. Wie gesagt: Die F&E-Etats und auch der niedersächsische Luxus mindern ja den Gewinn, weshalb man zur Gesamtsteuerung sagen darf: Gewinn vor Forschung. Auch die Gewinnverwendung ist bezeichnend, denn es wurden kaum Rücklagen gebildet, fast 40 Milliarden gingen als Ausschüttung an die Familien Porsche/Piech sowie das Land Niedersachsen nebst den weiteren Aktionären. Wenn man sich steuerrechtlich auskennt, weiß man, dass die Differenz des Gewinns zu der Ausschüttung überwiegend ebenfalls dem Staat zufloss.
Das war also schon immer eine gigantische Gewinn- und Ausschüttungsmaschine. Wenn man die Quersubventionen und vieles mehr zu berechnen versucht, kann man die immense Ertragskraft des Konzerns vielleicht ahnen. Das wurde leider vollkommen verantwortungslos verschwendet. Statt wie jeder Technologiekonzern zuerst mal die Technologieführerschaft auszubauen, wurden hier die Aktionäre zuerst intern bedient und was übrig blieb, wurde direkt ausgeschüttet. Mit der Ertragskraft wäre es ein leichtes gewesen, vom autonomen Fahren bis zur E-Mobilität dieselbe technologische Position zu erreichen, wie man sie bei der ökonomisch und strategisch komplett sinnlosen Grenzoptimierung des Verbrenners beweisen konnte. Die Zahlen dazu machen fassungslos, denn in besagte Grenzoptimierung wurde bei dieser Ausschüttungsparty auch noch weitaus mehr investiert, als in die Zukunftsthemen!
Bonmot am Rande: Die grandiose Managementleistung über diese zehn Jahre wurde mit ca. 0,5 Milliarden auch nicht ganz so mager bedient, wie die Zukunftsinvestments des Konzerns.
Das ist nichts Geringeres als ein Vollversagen des inneren Zirkels aus Management, Aufsichtsrat und wesentlichen Aktionären aus den Familien und dem Land Niedersachsen. Die Arbeitnehmerseite darf dabei nicht unerwähnt bleiben. Ob das in den letzten zehn Jahren 10, 20 oder vielleicht auch 50 Personen waren, denen man wirklich Verantwortung zuschreiben kann, sei dahingestellt. Niemand aus diesem Kreis hat heute das Recht, zu sagen, man hätte es nicht kommen sehen können. Nein, das konnte man, das war auch nicht mal schwierig.
Darüber hinaus sind die Vorwürfe an „die Politik“ oder „die EU“ real lächerlich. Wenn es politischen Einfluss ersten Grades gab, wenn eine Branche fast schon diktieren konnte, wie Politik sich für sie einzusetzen hat, dann diese. Wenn überhaupt, kann man „der Politik“ den Vorwurf machen, dass sie sich viel zu lange vor diesen Karren hat spannen lassen, statt selbst mal die Fünfjahrespläne zu lesen. Warum sind Kanzler und Kanzlerin, Wirtschaftsminister und Ministerinnen mit Regierungsmaschinen nach Peking geflogen, die Auto-CEOs an Bord, um sich ausgerechnet dort für irgendwelche Verbrennerinteressen einzusetzen? Wäre es nicht besser gewesen, besagte CEOs mal zu Hause einzuladen und aufzufordern, die strategischen Antworten auf eben diese Pläne (und so etwas wie den Aufstieg Teslas, ganz nebenbei) einzufordern?
Das wäre gewiss besser gewesen, denn man muss nur BCG folgen, die in der Branche in ganz Europa eine wichtige Rolle einnehmen. Die erbärmliche Verlogenheit, mit der diese „Geheimstudie“ nun als Inkarnation der neuen Erkenntnis vorgelegt wird, findet sich in den BCG-Analysen seit vielen Jahren. In Tabelle 2 habe ich mal die Dimensionen aufgezeigt: 13 Millionen Arbeitsplätze in Europa, massive Überkapazitäten, Unterauslastung von Werken, fast jedes Dritte überflüssig.

VW ist eine sehr eigene Geschichte, aber eine, die leider in ein viel größeres Desaster passt, die da vielleicht herausragt, aber mehr auch nicht. Die komplette Branche hat ihre Zukunft anderen überlassen. Andere, denen jetzt Subventionen, Staatshilfen, Preiskriege, absichtliche Überkapazitäten vorgeworfen werden. Die aber leider hoch automatisierte Werke zur Produktion technologisch und ökonomisch weit überlegener Produkte hingestellt haben. Ob der Begriff „Überkapazitäten“ hier überhaupt stimmt, sei dahin gestellt, aber deren Preiselastizität ist so hoch, dass die ausländischen Hersteller auf deren Heimatmarkt kein Bein mehr auf den Boden bekommen.
Jetzt sollen Schutzzölle das auf den Weltmärkten verhindern und zugleich wird man nicht müde, Mediengeld zu investieren, um die fatalen Lügen über E-Mobilität in den Märkten aufrecht zu erhalten, wo man bis heute Verbrenner absetzen kann.
Auch dazu werde ich deutlich: Nachdem man sich selbst zehn Jahre belogen hat, um die eigenen Unternehmen auszunehmen, will man jetzt die Kunden belügen, damit die veraltete Technologie zu Mondpreisen, die man dafür immer noch braucht, weiter kaufen.
Das wird nicht gut enden. Auch die gesellschaftliche Herausforderung nicht. Mit Lug und Betrug, mit Ignoranz und Wahrnehmungsverweigerung löst man keine Probleme, damit entkommt man keiner Krise, man vertieft das alles nur.
Eine Abwärtsspirale!
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