KOMMENTAR
Es gibt Menschen, die von fremdem Erfolg zehren – nicht finanziell, sondern seelisch. Sie sammeln den Ruhm anderer wie Briefmarken: den Meistertitel ihres Vereins, den Nobelpreis eines Landsmanns oder das Selfie mit einem Prominenten. Aus der bloßen Nähe zum Glanz entsteht die Illusion eigenen Glanzes.
Wer nach einem Fußballspiel den Satz „Wir haben gewonnen“ hört, kennt dieses Phänomen. Das kleine Wort „wir“ verrät mehr über den Sprecher als über das Spiel. Auf dem Platz standen elf Profis mit außergewöhnlichem Talent, Disziplin und Einsatz. Auf den Rängen saßen Zehntausende, die zusahen. Dennoch identifizieren sich viele gedanklich mit der Mannschaft. Der Erfolg der anderen wird zum eigenen erklärt.
Dieses Muster durchzieht die gesamte Gesellschaft. Man rahmt die Unterschrift eines Prominenten ein, als hätte sie den eigenen Status gehoben. Man erzählt von „Bekannten“, die in Wahrheit nur flüchtige Begegnungen waren. Ein kurzer Händedruck, ein gemeinsames Foto – und schon fühlt man sich größer.
Die Psychologie nennt dieses Bedürfnis seit Jahrzehnten „Basking in Reflected Glory“. Solange es bei harmloser Identifikation bleibt, ist dagegen wenig einzuwenden. Problematisch wird es dort, wo die Grenze zwischen Bewunderung und Aneignung verschwimmt. Denn fremder Ruhm bleibt fremd. Er färbt nicht ab.
Moderne Technologien verstärken diesen Mechanismus. In den sozialen Medien zählt nicht mehr primär die eigene Leistung, sondern die sichtbare Nähe zur Leistung anderer. Ein Foto mit einem Star bringt mehr Likes als jahrelange stille Arbeit. Die Inszenierung des eigenen Lebens ersetzt dessen Substanz.
Ähnlich verhält es sich mit dem nationalen Stolz. Gewinnt ein deutscher Athlet Gold oder erhält ein Forscher internationale Anerkennung, heißt es schnell: „Wir sind Weltspitze.“ Als ließe sich individuelle Spitzenleistung auf die Staatsangehörigkeit übertragen. Kultur und Rahmenbedingungen prägen gewiss, doch die eigentliche Leistung bleibt individuell. Niemand wird durch den Erfolg eines anderen disziplinierter, mutiger oder klüger.
Hier zeigt sich eine stille Krise unserer Zeit: Je weniger Menschen eigene Maßstäbe entwickeln, desto stärker suchen sie Halt in fertigen Identitäten. Verein, Nation, Influencer oder Celebrity werden zu Stellvertretern eines Selbstbewusstseins, das aus eigener Kraft nicht mehr wachsen will. Man leiht sich Bedeutung, statt sie zu erarbeiten.
Dabei steht jedem die Möglichkeit offen, auf etwas Eigenes stolz zu sein. Nicht jeder kann Weltmeister oder Nobelpreisträger werden. Aber fast jeder kann ein Problem lösen, eine Krise meistern, Kinder verantwortungsvoll erziehen, gute Arbeit leisten oder in schwierigen Momenten Charakter zeigen. Solche Leistungen brauchen keinen Stadionapplaus.
Eine Gesellschaft, die fremden Ruhm höher bewertet als eigene Anstrengung, höhlt den Begriff der Leistung aus. Sie verwechselt Teilhabe mit Verdienst, Nähe mit Größe, Bewunderung mit Identität. Der Mensch wird zum Konsumenten fremder Biografien statt zum Autor seiner eigenen.
Deshalb wäre es ehrlicher, nach dem nächsten Titel nicht „Wir haben gewonnen“ zu rufen, sondern: „Sie haben Außergewöhnliches geleistet – und ich freue mich mit.“ In diesem kleinen sprachlichen Unterschied liegt ein großer gedanklicher Fortschritt. Er trennt Anerkennung von Aneignung und echte Bewunderung von Selbsttäuschung.
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