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  • 13. August 2026 1:55

Schön schreiben nach Cannelloni

ByPeter Biro

Juli 13, 2026

Häufig werde ich gefragt, wie ich meine allseits beliebten Texte schreibe. Wie entstehen diese zarten Satzgefüge mit den vielen illustrativen Worten, der harmonischen Phrasierung und der beinahe filigran anmutenden Architektur des Ganzen?

Nun, wie soll ich das am besten ausdrücken? Es gibt nur wenige Autoren, in deren Köpfen schöngeistige Literatur gewissermaßen von selbst entsteht. Der wahrhaft Begabte braucht lediglich seinem inneren Ohr zu lauschen und das Vernommene niederzuschreiben. Die Mehrzahl der Schreibenden, zu der auch ich gehöre, wartet hingegen meist vergeblich auf derartige Eingebungen. Unsereiner muss hart arbeiten, bis sich ein halbwegs ansehnlicher Gedanke endlich in einen gelungenen Satz kondensiert.

Ich habe lange gezögert, die von mir in mühsamer Anstrengung und immerwährender Selbstreflexion entwickelte Methodik des belletristischen Schreibens mit der Welt zu teilen. Schließlich wollte ich mir nicht in blinder Selbstverleugnung auch noch neues Konkurrenzgezücht heranziehen – der Kampf um die Aufmerksamkeit der Leser ist ohnehin unerquicklich genug.

Aber ich habe ein weiches Herz und kann den inständigen Bitten, ja geradezu flehentlichen Aufforderungen zahlloser Menschen mit tief verwurzelten Schreibgelüsten nicht auf Dauer widerstehen. Ich weiß, auch Sie träumen davon, wenigstens einmal im Leben einen Text zu verfassen, der die Menschen bewegt, Generationen überdauert, in Schulen behandelt und in den Feuilletons ehrfürchtig besprochen wird. Einen Text, der Ihnen nicht nur ansehnliche Tantiemen, sondern schließlich auch den längst überfälligen Nobelpreis für Literatur einbringt. Jawohl, ein jeder sollte das Recht auf schriftstellerische Triumphe haben! Deshalb will ich das Geheimnis des Schönschreibens heute offenlegen. Jetzt und hier nur so viel schon mal vorweggenommen: Es ist perfektioniertes Handwerk.

Zuvor jedoch eine fundamentale Feststellung: Schöne, angenehm lesbare, informative und zugleich unterhaltsame Prosa ist keine Frage des Talents, der Sprachbeherrschung oder gar umfassender literarischer Bildung. Sie ist nichts anderes als das Ergebnis harter Arbeit.

Ganz so, wie es der große Florentiner Renaissancebildhauer Giancarlo Federico Cannelloni einst formulierte. Anlass war ein Festbankett zu Ehren seines monumentalen Marmorstandbildes vom Nemeischen Löwen, das er im Auftrag des kunstsinnigen Giuseppe Medici über vierzehn Jahre hinweg geschaffen hatte. Blass und sichtlich ausgemergelt nach jahrelangem Meißeln in den Gewölben unter dem Medici-Stadtpalais, stand er neben seinem epochalen Werk Rede und Antwort vor der illustren Festgesellschaft. Als Kardinal Armando Decastelnuovo ihn fragte, wie es ihm gelungen sei, den Löwen derart naturgetreu aus dem Stein hervorzubringen, soll Cannelloni geantwortet haben:

Ich betrachte den Marmorblock eine Weile von allen Seiten, dann nehme ich Hammer und Meißel zur Hand und schlage alles weg, was nicht nach Löwe aussieht.“

Und sehen Sie – genau das ist es, was ich beim Schreiben mache.

Ich entferne konsequent alle Wörter, Satzzeichen und gelegentlich sogar einzelne Buchstaben, die nicht nach schöner Prosa aussehen. Jedes Wort und erforderlichenfalls sogar jeder einzelne Buchstabe wird darauf geprüft, ob er an seiner vorgesehenen Position wirklich den ästhetischen Anforderungen genügt, die ich mir anfangs gestellt habe. Erst wenn sämtliche ungeeigneten Bestandteile entfernt worden sind, bleibt jene sprachliche Form übrig, die wir gemeinhin Belletristik nennen. Ich bezeichne diese Vorgehensweise als das Cannelloni-Prinzip.

Nun sollten Sie allerdings nicht denken: Das kann ich ja auch. So einfach ist schönes Schreiben wiederum nicht.

Es bedarf einer technisch ausgereiften Methodik, jahrelanger Übung und einer gewissen Bereitschaft, den gesunden Menschenverstand zeitweise außer Kraft zu setzen.

Wie bitte? Ich solle die Einzelheiten erläutern?

Nun gut. Meinetwegen. Passen Sie also gut auf.

Als Erstes benötigen Sie eine Grundidee dessen, was Sie erschaffen möchten. Etwas Stimmungsvolles, Erhabenes, das gleich den Rahmen bildet, in dem der Roman beginnen und sich von dort entfalten soll. Das muss von Anfang an richtig gesetzt sein. Nehmen wir beispielsweise einen Sonnenaufgang über einer taunassen Blumenwiese. Nicht ohne Grund gehört dieses Motiv zu den tragenden Säulen der europäischen Erzählliteratur. Konservative Schätzungen gehen davon aus, dass zwischen acht und dreizehn Prozent aller bedeutenden Romane aus der Zeit des Biedermeiers und des Klassizismus mit einer derartigen Landschaftsbeschreibung beginnen.

Meist dient sie dem ersten Auftritt einer wohlerzogenen Tochter aus verarmten Landadel, die trotz erheblicher wirtschaftlicher Schwierigkeiten über bemerkenswert gepflegte Haare verfügt. Sie tritt vor das langsam verfallende Elternhaus, meist eine Bauernkate in einer pittoresken Flussaue, hebt den Blick dem anbrechenden Morgen entgegen und ahnt vielleicht, dass ihr bereits wenige Seiten später ein zufällig vorbeireitender Prinz begegnen könnte, der seit geraumer Zeit auf der Suche nach einer geeigneten Braut ist. Natürlich nur, wenn der Prinz und der Autor das so wollten.

Die Frage lautet nun also: Wie erzeugt man eine derart überzeugende Eingangsszene? Die Antwort ist überraschend einfach. Man nimmt zunächst ein Wörterbuch zur Hand. Welches, spielt nur eine untergeordnete Rolle. Es sollte allerdings kein zweisprachiges Wörterbuch sein; im Übrigen bestehen hinsichtlich Umfang, Verlag und Eigengewicht keinerlei nennenswerte Einschränkungen.

Nun schlagen wir die erste Seite unter dem Buchstaben A auf und suchen das Wort, das an der x-ten Stelle steht, wobei x dem aktuellen Kalendertag entspricht. Heute ist der dreißigste November. Folglich suchen wir das dreißigste Wort. Es lautet: Abend. Dieses notieren wir sorgfältig auf einen kleinen Zettel, der sorgfältig gefaltet und in einen Filzhut geworfen wird.

Anschließend zählen wir von dort aus weitere dreißig Wörter weiter. Dort finden wir beispielsweise Abszess. Auch dieses schreiben wir auf einen eigenen kleinen Zettel, den wir sorgfältig falten und in den Filzhut werfen. Diesen Vorgang wiederholen wir beim Buchstaben A noch ein drittes Mal. Danach wechseln wir zum Buchstaben B, anschließend zu C, danach zu D und so fort, bis wir sämtliche Buchstaben des Alphabets abgearbeitet haben, also drei Mal siebenundzwanzig, sprich 81 Wörter zur Verfügung haben. Damit lässt sich schon was anfangen.

Entscheidend ist, dass wir rigoros die erwähnte Dreißigerregel anwenden. Dabei begegnen uns zum Beispiel Wörter wie Cherub, Diphtherie, Hingabe, Kalkablagerung, Liebkosung, Narbe, Rülpser, Schmetterling, Vollmond oder Zwölffingerdarm. Sämtliche verschwinden – ungeachtet ihres unterschiedlichen literarischen Potentials – sorgfältig gefaltet im Filzhut und bilden dort den Rohstoff, aus dem später große Literatur entstehen wird.

Damit bei späteren Schreibsitzungen nicht jedes Mal dieselbe Auswahl an Wörtern zustande kommt, ist die erwähnte Kalendertagsregel strikt einzuhalten. Am ersten des Monats wird also jedes erste, am einunddreißigsten jedes einunddreißigste Wort ausgewählt.

Sind im Laufe der Zeit sämtliche Kalendertage ausgeschöpft, verwendet man andere geeignete zweistellige Zufallszahlen von 01 bis 99, etwa aus der Telefonnummer, der Schuhgröße oder dem Blutdruck. Die Möglichkeiten sind nahezu unbegrenzt.

Neuerdings bedienen sich vor allem jüngere Autoren eines elektronischen Zufallsgenerators. Das mag bequem sein, wird jedoch von Vertretern der klassischen Cannelloni-Schule nicht uneingeschränkt befürwortet.

Wie auch immer man verfährt – entscheidend bleibt die Disziplin beim Abzählen der Wörterbucheinträge. Gerade Anfänger neigen dazu, sich um ein oder zwei Zeilen zu verzählen. Das erklärt nach Auffassung vieler Literaturwissenschaftler zumindest teilweise die Krise der aktuellen Gegenwartsliteratur.

Nun verfügen wir endlich über das sprachliche Rohmaterial, aus dem sich nahezu jede Form höherer Literatur herstellen lässt. Mit anderen Worten: Die eigentliche kreativ-künstlerische Arbeit kann jetzt beginnen.

Als Erstes bereite ich Blatt und Stift vor, mit denen die wertvolle Prosa niedergeschrieben werden soll. Sodann greife ich in den Filzhut und ziehe, ohne hinzusehen, den ersten Zettel heraus.

Ich entfalte ihn. Dort steht: Kalkablagerung.

Hm. Ich lasse das Wort eine Weile auf mich wirken. Passt eine Kalkablagerung zu einer taunassen Blumenwiese, auf die unsere junge Adlige – nennen wir sie der Einfachheit halber Isolde – in wenigen Augenblicken hinaustreten wird?

Die Antwort lautet eindeutig: Nein. Kategorisch nein. Der Zettel wandert auf den Haufen „Nicht verwendbar“. Ich greife erneut in den Filzhut.

Dann findet sich Rülpser.

Auch das überzeugt mich nicht. Selbst wenn Isolde aus einer ungewöhnlich bodenständigen Adelsfamilie stammen sollte, wäre dies wohl kein geeigneter Auftakt für einen anspruchsvollen Roman mit amourösen Verwicklungen. Der Zettel folgt seinem Vorgänger.

Nächster Versuch: Zwölffingerdarm.

Ich halte kurz inne. Zwar ist der Zwölffingerdarm zweifellos ein wichtiges Organ, und auch die Weltliteratur hat ihm bislang nicht die gebührende Aufmerksamkeit gewidmet, die er verdient. Dennoch sehe ich im gegenwärtigen Stadium der Handlung keine überzeugende Möglichkeit, ihn glaubhaft im Rahmen einer morgendlichen Blumenwiese unterzubringen.

Also ebenfalls: schnurstracks in „Nicht verwendbar.“

Der nächste Zettel: Diphtherie.

Ich denke einen Augenblick darüber nach. Sicher ließe sich eine tragische Familiengeschichte konstruieren, in der Isoldes jüngere Schwester, voraussichtlich namens Adelheid, wenige Jahre zuvor daran verstorben ist. Das könnte das aufkommende Mitgefühl der – oder meinetwegen auch des – Lesenden deutlich vertiefen. Doch jetzt wollten wir eigentlich mit einem herzerwärmenden Sonnenaufgang beginnen. Auch dieser Zettel scheidet also aus. Ich greife ein weiteres Mal in den Filzhut.

Cherub.

Das ist schon interessanter. Ich schließe kurz die Augen und versuche mir vorzustellen, ob sich irgendwo in einem Apfelbaum oberhalb der Blumenwiese ein kleiner Cherub verbergen könnte. Vielleicht als Amor in der Baumkrone mit nacktem Hintern und mit Pfeil und Bogen. Andererseits besteht die Gefahr, dass die Szene dadurch eine Spur zu schmalzig gerät. Solche Entscheidungen dürfen niemals überstürzt getroffen werden.

Ich lege den Zettel daher zunächst auf den Stapel „Eventuell verwendbar“.

Ich darf Ihnen versichern, liebe Lesende, dass diese Methode, so aufwendig und zeitraubend sie auch erscheinen mag, von den Großen der Weltliteratur in der einen oder anderen Form ebenfalls verwendet wurde. Natürlich unter Berücksichtigung der jeweiligen zeitgeschichtlichen Gegebenheiten.

Johann Wolfgang von Goethe benutzte nach allem, was wir heute wissen, keinen Filzhut, sondern eine schlichte Blumenvase aus Meißner Porzellan – ein Geschenk des Herzogs von Weimar. Er war überzeugt, dass feines Geschirr den sprachlichen Klang günstiger beeinflusse als Filz. Leo Tolstoi bevorzugte einen umgedrehten Pelzhut, während Ernest Hemingway seine Zettel angeblich aus einem Tropenhelm zog, den er eigens zu diesem Zweck aus Afrika mitgebracht hatte. Marcel Proust arbeitete dagegen mit einer großen Kristallschale, weil sich, wie er meinte, schönere Begriffe darin freier entfalten könnten. Über Franz Kafka berichten mehrere Biographen übereinstimmend, er habe seine Wortzettel aus der Schreibtischschublade gezogen. Ob diese zuvor ebenfalls gefaltet worden waren, ist bis heute Gegenstand der Forschung. Lediglich Thomas Mann soll die Wörter nach jedem Ziehen sorgfältig alphabetisch geordnet haben. Das widerspricht zwar dem Grundgedanken der Cannelloni-Methode, erklärt aber möglicherweise den Umfang seiner Romane.

Nun folgt unser nächster Griff in den Filzhut. Nach und nach kommen weitere interessante Begriffe zutage: Kornblume, Nordwind, zwitschern, Kastanie, wehen, einsam, Morgenröte, Lerche und schließlich sogar Herzschmerz. Na bitte, was braucht man sonst? Mehr verlangt die anspruchsvolle Weltliteratur im Grunde genommen nicht.

Jeder einzelne Begriff, ob Substantiv, Verb oder sonst was, wird mit der gebotenen Sorgfalt begutachtet. Manche Entscheidungen fallen leicht, andere verlangen längeres Abwägen. Langsam wachsen die drei Haufen: Nicht verwendbar ist erwartungsgemäß recht reichhaltig, während sich die meisten Zettel in Eventuell verwendbar ansammeln. Der Kreis der unter Unbedingt verwenden gesammelten Auserwählten hingegen bleibt erfreulich klein. Wahre Literatur war schon immer eine Angelegenheit strenger Selektion.

Nun beginnt der schwierigste Teil des gesamten Verfahrens. Es gilt, aus den Wörtern in Unbedingt verwenden einen sinnvollen und zugleich wohlklingenden Satz zu bilden.

An dieser Stelle muss ich allerdings einer weitverbreiteten Fehlvorstellung entgegentreten. Gelegentlich wird behauptet, der Filzhut liefere bereits vollständige Sätze. Das trifft selbstverständlich nicht zu. Es bleibt die Aufgabe des Schreibenden, die auserwählten Wörter grammatikalisch anzupassen, sie gegebenenfalls zu beugen, zu konjugieren oder in den richtigen Kasus zu setzen. Außerdem dürfen Artikel, Präpositionen, Konjunktionen und sonstige sprachliche Hilfsmittel ausnahmsweise aus dem eigenen Wortschatz ergänzt werden.

Doch seien Sie gewarnt! Man sollte sich deswegen keineswegs bereits für einen Schriftsteller halten.

Versuchen wir es also mit unserem Beispiel. Vor uns liegen Morgenröte, Kornblume, Nordwind, wehen, zwitschern, einsam, Kastanie, Cherub und Herzschmerz.

Bereits nach kurzer Betrachtung wird deutlich, dass sich daraus bereits ein vielversprechender Romananfang entwickeln lässt. Lediglich der Name unserer jungen Adligen, ihre bescheidene Bauernkate sowie einige wenige Hilfswörter müssen aus dem Gedächtnis ergänzt werden.

Mitunter stellt sich allerdings heraus, dass der Unbedingt verwenden-Haufen an einer bestimmten Stelle keine geeignete Fortsetzung mehr bereithält. Für diesen Ausnahmefall erlaubt die Cannelloni-Methode einen streng reglementierten Rückgriff auf „Eventuell verwendbar“. Dessen Anteil darf jedoch zehn Prozent des entstehenden Textes keinesfalls überschreiten. Andernfalls spricht man in der Fachliteratur bereits von dekorativem Wortmissbrauch.

Kurz und gut: Nach mehrmaliger Kombination und Rekombination der gezogenen Wörter, einigen behutsamen grammatikalischen Anpassungen sowie wenigen, streng reglementierten Ergänzungen aus dem Gedächtnis bzw. aus „Eventuell verwendbar“ entsteht schließlich wie von Zauberhand der Beginn unseres Romans – eine literarisch anspruchsvolle, emotional dichte Eingangsszene, die den Leser unweigerlich in ihren Bann zieht. Sie lautet:

Als Isolde in der stillen Morgenröte vor die windschiefe Bauernkate trat, strich der sanfte Nordwind durch die blühenden Kornblumen, während hoch oben in der alten Kastanie die soeben erwachten Vögel zwitscherten. Einen flüchtigen Augenblick glaubte sie, zwischen den goldenen Sonnenstrahlen den nackten Hintern eines kleinen Cherubs zu erkennen. Da wusste sie noch nicht, dass dieser Morgen ihr Schicksal für immer verändern würde.

Damit wäre der erste Absatz unseres Romans erfolgreich abgeschlossen. Cannelloni sei Dank.

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By Peter Biro

Prof. Dr. med. Peter Biro ist pensionierter Anästhesiearzt und Titularprofessor an der Universität Zürich. Er veröffentlicht Satiren, Parodien, kulturhistorische Betrachtungen sowie Prosawerke im Genre des Magischen Realismus. Seine Texte zielen auf literarisch gehobene Unterhaltung, die Wissen, Humor und Reflexion miteinander verbindet.

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