Es gibt Spieler, die man bewundert. Und es gibt den einen, bei dem die Bewunderung irgendwann aufhört, eine Meinung zu sein, und zu einer Feststellung wird. Lionel Messi ist dieser eine. Wer heute, im Sommer 2026, noch ernsthaft darüber streitet, ob er der größte Fußballer aller Zeiten ist, hat entweder nicht genau hingeschaut oder will es nicht wahrhaben. Die interessantere Frage ist längst eine andere: nicht ob, sondern wie groß der Abstand ist – und woraus er sich speist.
Rosario, eine Wachstumsstörung und ein Versprechen
Die Geschichte beginnt nicht mit Genie, sondern mit einem Mangel. Geboren 1987 in Rosario, in einer Arbeiterfamilie – der Vater Stahlarbeiter und Amateurtrainer, die Mutter Fabrikangestellte –, fällt dem kleinen Lionel mit elf Jahren eine Wachstumshormonstörung auf. Die Behandlung ist teuer, der argentinische Verein Newell’s Old Boys, bei dem er seit seinem sechsten Lebensjahr kickt, kann sie nicht dauerhaft finanzieren. Es ist eine Fußnote, die man leicht übersieht, aber sie ist der Schlüssel zu allem, was folgt: Messi musste, bevor er ein Spiel lesen konnte, lernen, mit einem Körper zu spielen, der kleiner war als die aller anderen. Die niedrige Schwerpunktlage, die enge Ballführung, das Tempo auf kurzer Distanz, das ihn später unspielbar machen sollte – all das ist auch die Handschrift eines Kindes, das keine andere Wahl hatte, als technisch überlegen zu sein, weil ihm die Physis fehlte, mit der andere sich durchsetzten.
Die Eltern, allen voran der Vater Jorge, der später sein Berater wurde, trafen 2000 die Entscheidung, die Familie nach Barcelona zu holen, nachdem der FC Barcelona zugesagt hatte, die Hormonbehandlung zu übernehmen. Die berühmte Anekdote, dass Sportdirektor Carles Rexach den Vertrag in Ermangelung von Papier auf eine Serviette schrieb, ist längst Folklore – aber sie beschreibt etwas Wahres: Man hatte in diesem Jungen etwas gesehen, für das es noch keine Formulare gab. Das Verhältnis zu den Eltern blieb Zeit seines Lebens eng und, im besten Sinne, unspektakulär. Kein Zerwürfnis, keine öffentliche Instrumentalisierung, wie man sie von anderen Ausnahmetalenten kennt – sondern eine Familie, die sich um ein außergewöhnliches Kind organisierte, ohne es zu verbiegen.
La Masia: Der Talentepool, der ihn formte
Was in La Masia, der Nachwuchsakademie Barcelonas, in jenen Jahren zusammenkam, war historisch beispiellos und wird es vermutlich bleiben. Messi wuchs nicht allein heran, sondern in einer Umgebung, die von einer einzigen fußballphilosophischen Idee durchdrungen war: dem Ballbesitz- und Positionsspiel, das Johan Cruyff Jahre zuvor implantiert hatte und das unter Frank Rijkaard und später Pep Guardiola seine reife Form fand. Um ihn herum spielten Xavi Hernández und Andrés Iniesta – zwei Mittelfeldspieler, die das Spiel nicht liefen, sondern dachten, und die Messi das entscheidende Timing beibrachten: wann man in den freien Raum geht, bevor der Raum überhaupt sichtbar ist.
Ronaldinho war in dieser frühen Phase mehr als ein Mannschaftskollege. Der Brasilianer, damals auf dem Zenit seiner Kunst, nahm den jungen Argentinier unter seine Fittiche, gab ihm auf dem Feld die Bühne, die ein Rookie normalerweise nicht bekommt, und lehrte ihn – vielleicht sein wichtigstes Vermächtnis – dass Fußball auf höchstem Niveau auch Freude sein darf, nicht nur Disziplin. Samuel Eto’o, der kompromisslose Knipser, brachte ihm die andere Seite bei: die Härte des Strafraums, die Egoismus-Notwendigkeit des Torjägers, so unpassend das zum harmonischen Bild des jungen Messi auch scheinen mag. Und Deco, der portugiesisch-brasilianische Regisseur, gehörte zu jener Generation, die Messi vorlebte, wie man ein Spiel aus der Tiefe steuert, ohne selbst der auffälligste Spieler auf dem Platz sein zu müssen.
Es ist bezeichnend, dass Messis Aufstieg nicht das Werk eines einsamen Wunderkinds war, sondern das Ergebnis eines der klügsten Ausbildungssysteme, die der Fußball je hervorgebracht hat – kombiniert mit einer Bereitschaft dieses Systems, ihm zuzusehen, statt ihn sofort zu formen. Das war schon damals selten. Heute, in einer Zeit taktischer Uniformierung, ist es kaum noch vorstellbar.
MSN, Xavi, Iniesta – die Jahre der Vollendung
Die spätere Ära, jene mit Xavi und Iniesta im Zentrum, mit Sergio Busquets als hochintelligenter Dreh- und Angelpunkt davor und mit Luis Suárez und Neymar an seiner Seite, war der Moment, in dem aus dem außergewöhnlichen Talent der vollständige Fußballer wurde. Das Trio Messi–Suárez–Neymar, unvergessen als MSN, war nicht nur eine Ansammlung von Toren – 2015 erzielten die drei zusammen 122 Pflichtspieltore für Barça –, sondern eine fußballerische Symbiose, in der jeder der drei den anderen besser machte. Suárez, der Uruguayer mit dem unbändigen Kampfgeist, öffnete mit seinen Läufen die Räume, die Messi zu nutzen wusste; die Chemie zwischen beiden – auf und neben dem Platz – gehört zu den intensivsten Fußballer-Freundschaften ihrer Generation.
In diesen Jahren erreichte Messi eine statistische Dominanz, die im Fußball ihresgleichen sucht: acht Ballon d’Or, mehrere Champions-League-Titel, Torquoten, die in keiner anderen europäischen Top-Liga je erreicht wurden. Aber die Zahlen sind, so beeindruckend sie sind, fast schon das am wenigsten Interessante an ihm.
Die Nationalmannschaft: Der lang ersehnte Triumph
Was fehlte, war lange die Albiceleste. Zwei verlorene Copa-América-Finals, ein WM-Finale 2014 gegen Deutschland, das man mit gutem Recht auch als Beleg dafür lesen konnte, dass individuelle Klasse nicht automatisch in kollektiven Triumph übersetzt wird. Erst der Copa-América-Titel 2021 in Brasilien, gegen den Erzrivalen im eigenen Maracanã, löste den Knoten. Und dann, 2022 in Katar, kam das Finale, das man in zwanzig Jahren noch erzählen wird: gegen Frankreich, 3:3 nach Verlängerung, Elfmeterschießen, Messi als Kapitän und Antreiber einer Mannschaft, die er nicht mehr allein tragen musste, sondern führte. Es war kein Zufallssieg. Es war die Vollendung einer Karriere, die zuvor – bei aller Größe – noch eine offene Frage in sich trug. Katar beantwortete sie.
2026: Das letzte Kapitel eines Rekordbrechers
Und jetzt, während dieser Text entsteht, schreibt Messi mit 38, bald 39 Jahren, immer noch Geschichte. Bei der laufenden Weltmeisterschaft in den USA, Mexiko und Kanada hat Argentinien unter seiner Kapitänsbinde das Viertelfinale erreicht. Im Achtelfinale gegen Ägypten war es wieder Messi, der mit Tor und Vorlage den Ausgleich und den Einzug ins Viertelfinale sicherte – und dabei gleich mehrere Rekorde einstellte, die jahrzehntelang Bestand hatten: Mit seinem Treffer gegen Ägypten steht er bei 21 WM-Toren insgesamt und ist als erster Spieler der Geschichte in sechs aufeinanderfolgenden WM-K.-o.-Spielen erfolgreich gewesen. Seine Vorlage in diesem Spiel war zugleich sein neunter WM-Assist – womit er die bisherige Bestmarke von acht Vorlagen, gehalten von Diego Maradona, überboten hat. Mit aktuell acht Turniertoren liegt er zudem auf Kurs, den seit 1958 bestehenden Rekord von 13 Treffern bei einer einzigen Weltmeisterschaft anzugreifen, den bislang Just Fontaine hält.
Das ist keine Nostalgie-Tour eines alternden Superstars. Das ist ein Spieler, der mit fast vierzig Jahren noch immer das Spiel seiner Mannschaft entscheidet – nicht durch Tempo, das er nicht mehr in dem Maße hat wie mit zwanzig, sondern durch etwas, das schwerer zu erklären, aber leichter zu erkennen ist: Spielintelligenz, die keine biologische Verfallszeit kennt.
Dass ein Körper das über zwei Jahrzehnte auf höchstem Niveau überhaupt mitträgt, ist dabei kein Zufall, sondern das Ergebnis harter Arbeit. Messi galt nie als der auffällig durchtrainierte Athletentyp, wie man ihn heute im modernen Fußball erwartet – doch genau das täuscht. Seit den Jahren bei Barcelona arbeitet er kontinuierlich und diszipliniert an gezieltem Kraft- und Stabilisationstraining, das seine Gelenke und seine Muskulatur so absichert, dass sein Körper die enormen Richtungswechsel, die sein Spiel ausmachen, über all die Jahre verkraften konnte, ohne durch die für explosive Dribbler typischen Verschleißverletzungen ausgebremst zu werden. Diese unauffällige physische Basisarbeit ist mit ein Grund dafür, warum er mit fast vierzig Jahren noch immer auf WM-Niveau entscheidend sein kann, während viele einstige Weggefährten längst nicht mehr mithalten konnten.
Der Abstand: Warum Messi mehr ist als der Beste
Und damit zum eigentlichen Kern dieses Textes. Es fällt leicht, Messi „einen der größten Spieler aller Zeiten» zu nennen. Das kostet nichts, es widerspricht niemandem. Die These, die dieser Essay vertritt, ist eine andere und unbequemere: Messi ist nicht nur der Beste – er ist es mit einem Abstand zur Konkurrenz, der in der Geschichte des Sports selten ist.
Pelé war ein Torjäger von animalischer Effizienz, eingebettet in ein System, das er nie im gleichen Maße zwingend kontrollierte, wie Messi es später tat – und dessen statistische Größe sich zudem nie im vollen Härtetest der europäischen Topligen beweisen musste. Diego Maradona, Messis größter Landsmann-Rivale im historischen Vergleich, besaß eine explosive Genialität und einen unbändigen Willen, der Argentinien 1986 im Alleingang zum Titel trug – aber seine Karriere war kurz, von Exzessen gezeichnet, seine Konstanz über eine Dekade hinweg nicht vergleichbar mit dem, was Messi über nun bald zwanzig Jahre auf höchstem Niveau geliefert hat. Johan Cruyff war der Denker, der Architekt einer Spielidee, die den modernen Fußball erst ermöglichte – aber als Spieler fehlte ihm die Torgefahr und Durchschlagskraft, die Messi mit seiner Spielintelligenz kombiniert. Zinédine Zidane, elegant und kontrolliert wie kein Zweiter am Ball, war ein Ausnahmekönner in engen Räumen – aber kein Spieler, der ein Spiel über neunzig Minuten mit der Konstanz eines Messi lenkte, und kein Torschütze in dessen Kategorie. Ronaldinho, Messis eigener Ziehvater auf dem Platz, hatte eine spielerische Freiheit und Kreativität, die ihresgleichen suchte – doch ihm fehlte über die Jahre die Disziplin, aus diesem Talent eine anhaltende, überragende Karriere zu formen.
Was Messi von all diesen – zweifellos genialen – Spielern unterscheidet, ist nicht eine einzelne überlegene Eigenschaft. Es ist die Summe. Er vereint die Ballführung eines Dribblers, der den Ball am engsten Fuß führt wie kein anderer, mit der Übersicht eines Spielmachers, der den freien Raum sieht, bevor er entsteht. Er vereint die Abschlussstärke eines reinen Stürmers mit der Passgenauigkeit eines Zehners alter Schule. Er vereint eine explosive Schnelligkeit auf den ersten Metern mit einer Spielintelligenz, die mit zunehmendem Alter nicht ab-, sondern zunimmt. Dazu kommt ein physisches Fundament, das oft übersehen wird, weil es sich nicht in Muskelbergen zeigt: sein außergewöhnlich niedriger Körperschwerpunkt, verbunden mit jahrelang antrainierter Rumpf- und Beinkraft, macht ihn im Zweikampf praktisch nicht von den Beinen zu holen und erlaubt ihm Richtungswechsel auf engstem Raum, für die andere Spieler schlicht die Statik nicht besitzen. Und all das bei einer Konstanz über zwei Jahrzehnte, die in keiner anderen Sportart – geschweige denn im Fußball – ihresgleichen findet.
Was dabei besonders leicht übersehen wird, weil es sich abseits des Balles abspielt: die Arbeit, die Messi verrichtet, bevor er überhaupt angespielt wird. Immer wieder scannt er, während der Ball noch bei einem Mitspieler ist – etwa bei einem Pass des genialen Sergio Busquets, der diese Bälle in die Tiefe wie kaum ein anderer spielte –, mehrfach kurz über die Schulter den Raum in seinem Rücken, registriert die Position von Gegenspielern und Mitspielern, bevor der Ball überhaupt unterwegs ist. Diese unauffällige, fast beiläufig wirkende Kopfbewegung ist der Ausdruck einer räumlichen Vorstellungskraft, die er dem Spiel weit voraus hat – eine Grundvoraussetzung, die bei ihm ohnehin außergewöhnlich ausgeprägt ist, die er aber zusätzlich mit diesem beständigen Scannen verbindet und dadurch praktisch nie unvorbereitet an den Ball kommt. Der frühere Nationalspieler Patrick Owomoyela hat genau diesen Punkt einmal treffend benannt: dass es gerade dieses ständige Erfassen des Raums hinter sich ist, das Messi von vielen anderen Ausnahmekönnern unterscheidet.
Zu diesem Abstand gehört auch eine Dimension, die sich nicht in Statistiken abbilden lässt, aber im Spielverhalten unübersehbar ist: die Art, wie Messi sich selbst inszeniert – oder eben gerade nicht. Der historische Vergleich, der sich hier über Jahre am hartnäckigsten aufdrängt, ist der mit Cristiano Ronaldo. Der Portugiese ist ohne Zweifel ein Ausnahmeathlet, doch bei ihm hat man auf dem Platz häufig das Gefühl, einen Spieler zu beobachten, der überdurchschnittlich viel mit sich selbst beschäftigt ist – mit der eigenen Statue, mit der eigenen Inszenierung, mit dem demonstrativen Jubel, der immer auch an die Kameras adressiert ist. Bei Messi fehlt dieses Element fast vollständig. Er bejubelt Tore knapp, oft fast beiläufig, sucht selten die große Geste, und man hat in zwei Jahrzehnten öffentlicher Beobachtung kaum ein Bild von ihm, das ihn als Selbstdarsteller zeigt. Das ist kein Nebenaspekt, sondern gehört zum Kern dessen, was seine Größe ausmacht: Bei ihm bleibt das Spiel immer größer als die eigene Person – und genau diese Bescheidenheit, gepaart mit der fußballerischen Überlegenheit, ist Teil dessen, was den Abstand zu allen anderen, auch zu Ronaldo, so unüberbrückbar macht.
Genau das ist der Punkt, an dem reine Statistik in die Irre führt. Man kann über Tore, Vorlagen, Titel streiten – und in jeder dieser Einzelkategorien findet sich vermutlich irgendwo ein Spieler, der Messi in einer einzelnen Zahl übertrifft. Aber Fußball ist kein Zehnkampf, bei dem man Einzeldisziplinen addiert. Fußball ist die Fähigkeit, ein Spiel zu lenken – und in dieser ganzheitlichen Betrachtung gibt es niemanden, der alle Attribute in dieser Dichte, dieser Qualität und über diese Zeitspanne zusammengebracht hat wie Lionel Messi.
Das ist der Abstand, von dem hier die Rede ist. Er lässt sich nicht in einer einzelnen Statistik einfangen, weil er selbst keine Einzelstatistik ist, sondern die Summe aller. Und vielleicht ist genau das die eigentliche Pointe seiner Karriere: dass der größte Spieler aller Zeiten nicht derjenige ist, der in einer Kategorie unerreicht bleibt – sondern derjenige, der in allen Kategorien zugleich reicht, weiter als jeder andere vor ihm.
Und so bleibt, während Argentinien sich bei dieser Weltmeisterschaft weiter durch die K.-o.-Runde kämpft, ein Wunsch, der weit über Rosario, Barcelona und Miami hinausreicht: dass diesem Ausnahmefußballer, der dem Spiel so viel gegeben hat, ohne sich je über es zu stellen, am Ende noch das größtmögliche Geschenk vergönnt sein möge – die Titelverteidigung, mit fast vierzig Jahren, als krönender letzter Satz einer Geschichte, die schon jetzt ohnegleichen ist.
Dem Leser sei zum Abschluss meine Weltelf hinterlassen: Neuer – Maldini, Beckenbauer, Cafu – Busquets, Cruyff, Zidane, Pele, Maradona, Messi – Ronaldo Nazario
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