Ich neige nicht zu Kampfbegriffen, aber die „Causa Gaskraftwerke“ der Ministerin Reiche nähert sich juristischen, aber wohl nicht justiziablen Begriffen wie Korruption oder Veruntreuung. Wenn der dies letztverantwortende Kanzler und auch der Koalitionspartner durchgehen lassen, haben wir eine Regierung ohne nennenswerte Kontrollmechanismen. Da die stimmenmäßig führende Opposition im Bundestag ein noch größeres Übel ist, fällt der als Kontrollorgan wohl aus. Die früher mal vierte Säule genannte freie Presse hat sich bei Energiethemen ohnehin verabschiedet.
Warum diese Einleitung: Am 6.7. wurde der Gebotshöchstwert für die neuen Gaskraftwerke um 41 % auf 244.000 € pro MW und Jahr angehoben. Leider verstehen die eingangs genannten möglichen Kontrollmechanismen dieser Korruption wohl nicht, was das bedeutet. Ich hole es gerne nach.
Zuerst wurde die Ausschreibung schlicht so gestaltet, dass Batterien nicht teilnehmen können, dass eine scharfe H2-ready Auflage formuliert wurde und im Ergebnis nur kapitalintensive komplexe Großkraftwerke übrig bleiben. Als Anbieter sind daher nur noch RWE, EnBW, Uniper, Vattenfall und LEAG denkbar. Das ist exakt jenes Oligopol, welches das Kartellamt bereits mehrfach als temporär marktbeherrschend bezeichnete, ohne jedoch bisher irgendein justiziables Verhalten nachweisen zu können. So schauen wir hilflos zu, wie immer wieder via Merit-Order an der Strombörse Preise entstehen, die mit Grenzkosten der existierenden Gaskraftwerke nichts mehr zu tun haben.
Dieses Oligopol soll nun in einer Reverse-Auktion die ominösen H2-ready Gaskraftwerke bieten. Klingt nach einem freien Markt und fairen Preisen. Oder vielleicht auch nicht, denn hinter den Kulissen wurde lange verhandelt, wie die Auktion laufen soll. Damit da keine Mondpreise resultieren, wurde eine Gebotshöchstwert festgelegt. Wer also teilnehmen will, darf nicht mehr als diesen Preis bieten. Der aber wurde bereits vorab verhandelt und gestern um 41% angehoben. Man verhandelt also über Preise, bevor die Auktion überhaupt startet. Dass diese Oligopol sich in der Auktion nun weit unter diesen Höchstwert gegenseitig runter steigert, sollte bitte niemand erwarten. Eine Farce, das ganze Verfahren!
Was aber heißt dieser Preis: Der wird für 15 Jahre alleine für die Bereitstellung der Kraftwerke bezahlt. Ohne dass diese auch nur eine Stunde laufen erhalten die Betreiber bei mittlere Größe von 500MW also 1,83 Milliarden Euro pro Kraftwerk! Das wird über die Netzentgelte von den Stromkunden bezahlt und natürlich wieder als „Gesamtsystemkosten“ für die „zu teure“ Energiewende weiter gedreht.
Zum Vergleich: Standard Gaspeaker von der Stange, die natürlich nicht „H2-ready“ sind, kosten in der 500MW-Spezifikation so um 200 Millionen, also etwas mehr als ein Zehntel! Ich würde mal behaupten, dass bei geschicktem Einkauf und obwohl die Dinger wegen der KI-Nachfrage sogar sehr teuer geworden sind, ein Mengenrabatt drin wäre, das sollte man für ein Zehntel hinbekommen.
Nun wären solche Gaspeaker natürlich nicht auf grünen Wasserstoff umstellbar, die magische 100% CO2-freie Welt ist damit nicht machbar. Abgesehen davon, dass ich keine Sekunde glaube, dass diese „H2-ready“ superteuren Schwachsinnsschleudern jemals mit H2 laufen werden, habe ich das trotzdem mal ausgerechnet: Das käme nach grober Kalkulation auf einen CO2-Preis von 1.355 € pro Tonne (Chart1). Kann auch mehr sein, wer weiß schon, was die Spinnerdaten des „Wasserstoffhochlaufs“ wert sind. Der wird nach meiner festen Überzeugung auch nie stattfinden, das ist ein weiteres Subventionsgrab.

Aber nur zum Vergleich: Momentan beträgt der CO2-Preis 70€ pro Tonne. CCS, also die Abscheidung von CO2 aus der Atmosphäre kostet ca. 600€. Was wir da für diesen H2-Feuchttraum bezahlen sollen, ist vollkommen unseriös. Aber schlimmer noch, das wird ja niemals geliefert. Jede Wette, dass wir hier für einen H2-Mythos bezahlen müssen, während diese Anlagen weiter als Erdgaskraftwerke laufen. Wahlweise wird H2 gar nicht verfügbar oder unwirtschaftlich sein, weshalb man uns in 10 Jahren die heutigen Subventionen vergessend die nächste Runde an Argumenten liefert, weshalb aus wirtschaftlichen Gründen irgendwas gerade wieder nicht geht.
Ich habe diese Daten zu einer groben Simulation genutzt, die nicht weit von der Realität entfernt sein dürfte. In Chart2 ist ein System modelliert, das mit 100% reiner Gaskraft zu heutigen Preisen beginnt. Die Daten simulieren ein EE-System, das durch für uns typische PV- und Wind-Preise sowie durch 8h Batteriespeicher mit aktuellen Kosten schrittweise diese Gaskraftwerke in den Betriebsstunden reduziert. Man sieht das typische Ergebnis von allen weitaus tiefer parametrisierten Studien: Bis zu einem EE-Anteil von 70-80% wird das System immer billiger (orange Kurve). Die CO2-Emissionen sinken dabei proportional mit (blaue Kurve). Sobald es an die „teuren“ Themen kommt, wie beispielsweise das Panikthema „Dunkelflaute“ wird das System wieder teurer. Mit den hier von Ministerin Reiche gewollten H2-ready Preisen würde das hinten raus komplett eskalieren.
Daher wird das auch mit Sicherheit nie so umgesetzt, wir bezahlen mit diesen Auktionen nur Betriebsgewinne dieses Oligopols!

Weitaus klüger ist die Strategie Chinas. Die planen derzeit bis zu den 80-90% der Kurve und machen das System damit immer wirtschaftlicher. Der dort ebenfalls seit Jahrzehnten verfolgte Plan eines 100%-Erneuerbaren Systems (für 2060) wird Stand heute durch Restlaufzeiten von Kohlekraftwerken mit CCS geplant. Das gilt bezüglich saisonaler Energielücken nach heutiger Technologie als wirtschaftlich sinnvollste Option.
Ob es dabei bleibt, ist vollkommen offen. Denn parallel wird weltweit und in China mal wieder besonders konsequent an einem Dutzend neuer Speichertechnologien geforscht. Wer diverse Strohmannberechnungen liest, dass mit heutigen BESS-Systemen eine „Dunkelflaute“ nicht überbrückbar ist, sollte den fraglichen Autoren aus der Leseliste streichen. Niemand behauptet oder plant dergleichen nämlich, das ist eine reine Erfindung von Leuten, die meinen, irgendwas widerlegen zu müssen, was mit Speichern zu tun hat. Geforscht wird hier an chemischen und physikalischen Speichern, die von der Technologie bis zu den Rohstoffen komplett anders arbeiten als die heutigen, überwiegend aus der E-Mobilität abgeleiteten Batterien.
Diese Evolution fängt gerade erst an und wie man technologieoffen damit umgeht, zeigen die chinesischen Pläne: Die existierenden Kraftwerke werden sehr rasch in ihren Betriebsstunden runter gefahren, indem die konsequent durch Batterien ersetzt werden. Die letzten 10-15% plant man zwar jetzt schon, weil im Energiesektor eine seriöse Planung jederzeit vorzuliegen hat, indem eben jene Kombination aus Kaltreserve Kohlekraftwerke plus CCS vorgehen ist. Parallel forscht man technologieoffen an ganz anderen Alternativen und wird die Pläne je nach Ergebnissen dann anpassen. Das ist auch in den letzten 10 Jahren so gemacht worden: Im letzten Fünfjahresplan waren noch ca. 70% PV- und Windenergie für 2060 geplant. Deren Fortschritt sowie der im Batteriebereich hat im aktuellen Plan zu einer Korrektur auf 80-90% geführt.
So macht man das, ein Ökonom namens Pareto hat das mal beschrieben: Man beginnt mir dem, was die größten Verbesserungen bringt und die letzten Meter vor dem Ziel, die immer teurer werden, läuft man dann, wenn man da ist. Statt dessen will diese Ministerin allen Ernstes jetzt bereits bis zu 40 Milliarden ausgeben, um irgendeine „Dunkelflaute“ ab 2045 mit H2 zu überbrücken, von dem noch kein Mensch weiß, ob es das dann gibt und ob das tatsächlich die Speichertechnologie der Wahl ist.
Kleines Rechenspiel am Schluss: Für diese Wahnsinnssumme könnte die Ministerin eine Million E-Autos verschenken. Die würden genau so viel CO2 sparen wie diese H2-Kraftwerke, wenn die denn mal mit H2 laufen.
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