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  • 18. Juli 2026 11:00

Der Mann, der aufgehört hat zu sammeln

ByMatthias Walter

Juli 4, 2026

KOMMENTAR

Man tut gut daran, bei wohltätigen Stiftungen von Prominenten oder Ex-Profisportlern erst einmal skeptisch zu sein. Zu oft läuft das Ganze unter dem Etikett des Social Washing: Man spendet einen Bruchteil des eigenen Vermögens, lässt sich bei der Gala mit dem passenden Gesichtsausdruck fotografieren, und das Image ist für ein weiteres Jahr poliert. Das Muster ist bekannt, und es ist berechtigt, es zu misstrauen.

Bei Neven Subotić und seiner Stiftung, die heute well:fair foundation heißt, greift dieses Muster nicht. Wer sich anschaut, wie er die Sache aufzieht – und vor allem, wie er selbst lebt –, merkt schnell, dass hier kein Symbol-Marketing betrieben wird, sondern etwas, das eher wie eine Lebensentscheidung aussieht. Um zu verstehen, warum das so ist, lohnt sich ein Blick zurück – dorthin, wo diese Haltung ihren Ursprung hat.

Die Flucht als erste Prägung

Neven Subotić wird 1988 in Banja Luka geboren, damals Jugoslawien, heute Bosnien und Herzegowina. Der Bürgerkrieg macht seine Geburtsstadt zu einem Ort, den die Familie verlassen muss – 1990 flieht sie nach Deutschland. Sie landet in Schömberg im Nordschwarzwald, zunächst im Dachgeschoss eines Vereinsheims, weil der Vater als guter Amateurfußballer der Familie diese erste Unterkunft verschafft. Eine Frau namens Stumpf, selbst einst Kriegsflüchtling aus Schlesien, nimmt die Subotićs später bei sich auf und überlässt ihnen ihr eigenes Schlafzimmer. Es sind solche Details, kleine Akte von Menschen ohne große Mittel, die sich tief in ein Kind einprägen. Neven beginnt hier, in Schwarzenberg, das erste Mal organisiert Fußball zu spielen, vom F- bis zum D-Jugend-Alter.

Zehn Jahre später, 1999, kurz bevor der Zehnjährige auf das Gymnasium wechseln soll, droht der Familie die Abschiebung zurück nach Bosnien. Die Subotićs emigrieren erneut, diesmal in die USA, zu Verwandten nach Salt Lake City. Es ist der zweite Bruch in einer Kindheit, die aus Brüchen besteht – wieder bei null anfangen, wieder eine neue Sprache, wieder ohne gesicherten Boden unter den Füßen. Später zieht die Familie weiter nach Florida. Im dortigen Park, wo er mit anderen Jugendlichen kickt, wird der Teenager von einem Nachwuchstrainer der US-Nationalmannschaft entdeckt. Über die U-Nationalteams und das College-Team der University of South Florida gelangt er schließlich vor einen Scout, der ihn dem damaligen Trainer des Zweitligisten 1. FSV Mainz 05 empfiehlt: Jürgen Klopp.

Von Mainz zum Kinderriegel

2006 kehrt der 17-Jährige nach Deutschland zurück, ohne seine Familie, die zunächst in den USA bleibt. Bei Mainz 05 spielt er sich in der Oberligamannschaft fest und debütiert am letzten Spieltag der Saison 2006/07 in der Bundesliga – gegen den FC Bayern. Als Klopp 2008 zu Borussia Dortmund wechselt, nimmt er den jungen Verteidiger mit. Gemeinsam mit dem gleichaltrigen Mats Hummels bildet Subotić fortan die BVB-Innenverteidigung – zwei 19-Jährige, die zunächst milde belächelt werden und schon bald als „Kinderriegel“ zu den Grundpfeilern einer der besten Defensivreihen der Liga werden. Die Dortmunder kassieren mit dem neuen Duo drastisch weniger Gegentore als in der Vorsaison, und wenig später wird aus dem Kinderriegel gemeinsam mit Piszczek und Schmelzer die beste Abwehrkette der Bundesliga.

Es folgt die große Zeit: die Meisterschaft 2011, das Double aus Meisterschaft und Pokal 2012, 2013 der Einzug ins Champions-League-Finale. Subotić wird zum Publikumsliebling, bekannt für seine unprätentiöse, bodenständige Art – kein Spieler, der für die Galerie auftritt, wie Klopp später über ihn schreiben wird. Eine schwere Knieverletzung bremst ihn 2013/14 aus, doch die Jahre beim BVB bleiben die prägendste sportliche Phase seiner Karriere.

Der Bruch von innen

Was von außen wie der klassische Aufstieg eines Fußballprofis aussieht, ist für Subotić selbst zunehmend eine Leerstelle. Er beschreibt später offen, wie das viele Geld – der sprichwörtliche aufgedrehte Wasserhahn – aus dem anfänglichen Rausch des Habenwollens einen Albtraum der Innerlichkeit macht. Ausgerechnet in dem Jahr, in dem er mit dem BVB den DFB-Pokal gewinnt, 2012, gründet er, gerade 22 Jahre alt, seine eigene Stiftung – zunächst um Brunnen und sanitäre Anlagen in Äthiopien zu finanzieren. Es ist der Beginn eines Prozesses, der sich über Jahre hinzieht und den er selbst als eine Art Abrechnung mit dem Fußballerleben beschreibt: nicht als Ablehnung des Sports, sondern als Weigerung, sich darauf reduzieren zu lassen.

In den folgenden Jahren vollzieht sich dann jener radikale Verzicht, der ihn von den meisten seiner Kollegen unterscheidet. Subotić verkauft sein großes Haus mit Jacuzzi, verkauft seine Sportwagen, besitzt irgendwann kein Auto mehr, fährt stattdessen Bahn und S-Bahn zum Training – auch noch, als er längst etablierter Profi ist. Er zieht mit seiner Partnerin in eine gewöhnliche 90-Quadratmeter-Wohnung. Das ist kein Inszenierungstrick für ein paar Fotos, sondern ein über Jahre durchgehaltener Lebensstil, der sich aus einer ziemlich einfachen Einsicht speist: Luxus hat ihn nicht glücklicher gemacht, die Arbeit an etwas, das größer ist als er selbst, dagegen schon.

Struktur statt Mitleid

Die heutige well:fair foundation folgt diesem Prinzip auch organisatorisch. Sie garantiert, dass Spendengelder zu hundert Prozent direkt in WASH-Projekte fließen – Wasser, Sanitär, Hygiene – in Äthiopien, Kenia und Tansania. Die Verwaltungs-, Reise- und Personalkosten trägt Subotić zu großen Teilen aus eigenem Vermögen oder über feste Partner, statt sie aus den Spenden zu decken, wie es bei vielen anderen Organisationen üblich ist. Über 450 Projekte sind auf diese Weise mittlerweile abgeschlossen, mit einem Team von mittlerweile rund zehn festen Mitarbeitenden in Deutschland und Ostafrika.

Auch inhaltlich verzichtet er auf das schnelle Mitleidsfoto. Es geht um Brunnenbau an Schulen und in Gemeinden, konkret darum, Mädchen den Schulbesuch zu ermöglichen, die sonst stundenlang Wasser schleppen müssten, statt eine Klasse zu besuchen. Subotić reist selbst wiederholt für Wochen vor Ort, prüft Fortschritte, spricht mit den Menschen, schreibt Bücher und hält Vorträge über globale Ungerechtigkeit und die Folgen der Klimakrise. In seinem 2022 erschienenen Buch „Alles geben“, zu dem Klopp das Vorwort beisteuert, macht er im Epilog sogar eine Einschränkung, die zu ihm passt: Nein, er gebe eben nicht alles – „Alles geben“ sei vielmehr das Ideal, das ihn jeden Morgen aufstehen lasse, kein erreichter Zustand.

Kein Alleingang, aber eine Entscheidung

Glaubt Subotić, dass er im Alleingang die Welt retten kann? Vermutlich nicht – dafür ist die Sprache, mit der er über sein Projekt spricht, zu nüchtern, zu sehr an Zahlen und Strukturen orientiert. Aber er hat für sich entschieden, dass die Auseinandersetzung mit der Tatsache, dass Hunderte Millionen Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser haben, die einzig sinnvolle Aufgabe für sein Leben und sein Geld ist. Diese Entscheidung fällt bei einem Mann, der selbst als Kind zweimal alles zurücklassen musste, was er kannte, nicht im luftleeren Raum – sie liest sich eher wie die logische Fortsetzung einer Biografie, die früh gelernt hat, wie viel von dem, was Menschen zum Leben brauchen, keine Selbstverständlichkeit ist.

Wenn es im deutschen Profifußball jemanden gibt, dem man die Philanthropie ohne jeden Fake-Beigeschmack abkaufen kann, dann ist es Neven Subotić. Er redet nicht nur über soziale Gerechtigkeit. Er hat sein eigenes Leben danach ausgerichtet – und das schon lange, bevor es dafür Applaus gab.

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By Matthias Walter

Matthias Walter ist Fachinformatiker, Autor und Kolumnist bei DMZ-News. Er schreibt zu Fußball und Sportkultur, Politik, politischer Philosophie, Gesellschaft, Lyrik und Essays. Seine Texte verbinden journalistische Recherche mit philosophischen und literarischen Perspektiven und zeichnen sich durch analytische Tiefe, kritische Reflexion und klare Argumentation aus.

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