WSL-Forschende entwickeln ein Modell zur Erfassung von Landschaftscharakter in der Schweiz
Birmensdorf – Was eine Landschaft in der Schweiz „typisch“ macht, ist bislang vor allem eine Frage der Wahrnehmung gewesen – geprägt von kulturellen Bildern, regionalen Erfahrungen und politischer Debatte. Genau an dieser Schnittstelle setzt ein Projekt der Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) an: Forschende versuchen, den sogenannten Landschaftscharakter erstmals systematisch zu erfassen und kartografisch darzustellen.
Gemeint ist damit nicht nur die Nutzung von Flächen – also ob dort Wald, Siedlung oder Landwirtschaft dominiert –, sondern das Gesamtbild einer Landschaft, so wie es von Bevölkerung und Besuchern wahrgenommen wird.
Die Grundlage bilden bestehende Landschaftstypologien, hochauflösende Geodaten sowie Auswertungen der Landschaftsbeobachtung Schweiz (LABES), in der regelmässig erhoben wird, wie Menschen ihre Umgebung wahrnehmen. Die Daten werden in einem Raster von 100-Meter-Zellen zusammengeführt. Das klingt technisch, ist aber entscheidend: Nur so lassen sich kleinräumige Unterschiede überhaupt sichtbar machen.
Unterschiedliche Prägungen je nach Region
Erste Prototypen wurden für die Kantone Zug, Waadt und Graubünden erstellt. Im Kanton Zug treten etwa Moorgebiete und Obstwiesen stärker hervor, während in alpinen Regionen wie Graubünden andere Elemente dominieren – steile Täler, alpine Weiden, aber auch traditionell bewirtschaftete Kulturlandschaften.
Auffällig sei dabei, so die Forschenden, dass sich nicht nur naturräumliche Unterschiede abbilden lassen, sondern auch die historische Nutzung der Landschaft.
Nutzen für Planung und Schutz
Die WSL sieht mögliche Anwendungen vor allem in der Raumplanung. In der Schweiz stehen Landschaftsschutz und bauliche Entwicklung seit Jahren in einem Spannungsverhältnis: Verdichtung in Agglomerationen, Veränderungen in der Landwirtschaft und klimatische Entwicklungen verändern das Landschaftsbild teilweise sichtbar.
Bisherige Instrumente erfassen diese Veränderungen meist in Flächenstatistiken. Der neue Ansatz soll eine andere Perspektive ermöglichen: Er zeigt nicht nur, dass sich etwas verändert, sondern auch, was dabei an landschaftlicher Eigenart verloren gehen könnte – oder eben nicht.
Ob und wie solche Karten in kantonalen Planungsprozessen tatsächlich Gewicht erhalten, ist allerdings offen. Die Praxis dürfte hier entscheidend sein, weniger die Methode selbst.
Was als „charakteristisch“ gilt, bleibt umstritten
Ganz ohne Schwierigkeiten ist der Ansatz nicht. Landschaftswahrnehmung ist kein fester Wert, sondern hängt von Erfahrungen, Generationen und Erwartungen ab. Was die einen als erhaltenswerte Kulturlandschaft betrachten, gilt anderen als überholte Nutzung.
Die Forschenden versuchen, diese Unterschiede über Umfragedaten und lokale Expertise einzubeziehen. Dennoch bleibt ein gewisser Interpretationsspielraum bestehen – auch in der Frage, wann ein Landschaftscharakter als „verloren“ gilt.
Ein Instrument unter anderen
Der Ansatz versteht sich daher eher als Ergänzung bestehender Planungs- und Analyseinstrumente. Er soll einen Aspekt sichtbar machen, der bislang schwer greifbar war: den Zusammenhang zwischen physischer Landschaft und gesellschaftlicher Wahrnehmung.
Ob sich daraus tatsächlich ein neues Planungsinstrument entwickelt, ist noch offen. Klar ist vorerst nur: Die Diskussion darüber, was die Landschaft der Schweiz ausmacht – und wie viel davon erhalten werden soll –, bekommt damit eine zusätzliche Datengrundlage.
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