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  • 18. Juli 2026 11:23

Die großen geoökonomischen Erfolge basieren auf strategisch orchestrierten Technologien

ByDirk Specht

Juli 2, 2026

KOMMENTAR

Die Situation der deutschen Industrie, die so ganz nebenbei nicht die deutsche Wirtschaft ist, wird emotionalisiert und politisiert diskutiert. Zurecht dominiert Krisenstimmung, was es aber leider nicht sachlicher macht, obwohl genau das so dringend erforderlich wäre.

In der Öffentlichkeit setzen sich immer mehr fahrlässig vereinfachte Narrative durch, die deshalb so gefährlich sind, weil daraus kein Lösungspotenzial, schlimmstenfalls sogar die komplett falschen Krisenreaktionen resultieren. Je nach entsetzlich flach sortiertem parteipolitischen Lager sind es gut ein Dutzend „Kosten“ (von Flüchtlingen über Bürgergeldempfänger bis zu Strompreisen), politische Fehler („Verbrennerverbot“, Kernkraftwerke) oder irgendwelche Metadaten (Schulden, Staatsquote, Haushalte), die irgendwie und überhaupt zu groß sind. Je nach Tieflage der jeweiligen Gegenreaktionen reicht es mal, neue Kernkraftwerke zu bauen, unteren Lohngruppen mehr Arbeitsanreize zu geben oder welche gerade verantwortlichen Gruppen aus dem Land zu werfen, damit VW in China wieder mehr Diesel verkauft.

Bei diesen eindimensionalen „Bewertungen“ wird bereits der recht enge Konsens der nationalen Ökonomie übersehen, der doch ein wesentlich differenzierteres Bild gibt. Rein exemplarisch/repräsentativ genannte jüngere Quellen wie der IW-Report, Matthes, das Außenhandelsmonitoring, Michelsen, Junker, McKinsey, „The future of global trade 2026“ weisen deutlich breitere Ursachen auf: Der Kostenschock durch dauerhaft hohe Gaspreise infolge des Wegfalls von günstigem Pipeline-Gas, Belastung der Arbeitskosten durch den spezifischen sozialstaatlichen Entwurf Deutschlands, Bürokratie, überlange Genehmigungsverfahren und ein demografischer Fachkräftemangel, die privaten und öffentlichen Investitionsrückstände.

In meinen Worten und in dieser Reihenfolge. Deutschland:

– investiert seit Jahrzehnten zu wenig, spart sich chronisch kaputt.

– ist überreguliert und nahezu unfähig, öffentliche oder private Projekte mit auch nur näherungsweise so etwas wie Effizienz oder Effektivität umzusetzen.

– hat seinen Sozialstaat über ein Umlagesystem aufgebaut, das ohne Rücklagen in den demografischen Wandel taumelt.

– hat seine Energieversorgung fahrlässig auf den strategischen Energieträger Erdgas aufgebaut.

– hat in guten Jahren nicht investiert, sondern konsumiert, auch durch Ausbau von Sozialleistungen, die bereits da wegen der Demografie nicht nachhaltig waren.

Die gängigen Narrative erfassen allenfalls ein paar Symptome dieser eigenen Fehler und sie übersehen die unangenehme Wahrheit, dass letztlich alle daran beteiligt waren und es nun auch wirklich alle trifft. Die politisierten Schuldigen, denen man angeblich nun das Geld wegnehmen kann, damit es für alle wieder genug gibt, existieren meist nicht und falls doch, ist da nichts zu holen, was auch nur näherungsweise den Anforderungen entspricht.

Bekanntlich gilt es in der Krise wirklich alles auf den Tisch zu legen und schonungslos zu bewerten. Das passiert bei diesen strukturellen Fehlern bereits vollkommen unzureichend, was alleine dadurch zu beheben wäre, wenigstens mal die Analysen der eigenen Wissenschaft angemessen zu nutzen. Das aber – ich schreibe es ungern – ist auch noch längst nicht alles, denn die geoökonomische Situation wird mit der seltenen Ausnahme darauf fokussierter Ökonomen weitgehend ausgeblendet. Leider ist nicht nur in unserer Wirtschaft und Politik, sondern auch in den Wirtschaftswissenschaften der kenntnisreiche Blick in ganz andere Regionen sowie systemische Ansätze viel zu selten.

Das hatte übrigens der viel zu schnell aus der Agenda verlorene Draghi-Report bereits aufgezeigt, der beispielsweise auf Defizite beim Kapitaleinsatz hinwies, die bereits durch die anämischen europäischen Kapitalmärkte entstehen. Zweifellos hat die insbesondere in Deutschland fast schon zusammenbrechende Investitionstätigkeit tiefere Gründe, aber auch der Wille zur Investition muss auf tiefere Kapitalmärkte treffen, um zur Umsetzung zu kommen. Eine weitere wichtige Analyse fügte jetzt das renommierte Centre for European Reform (CER) vor, deren Autoren Sander Tordoir und Brad Setser (Folgeempfehlung, exzellenter Blog!) explizit genannt seien.

Die beigefügten Charts aus dem Report „China shock 2.0“ zeigen schonungslos, dass die deutsche Industrie ein tiefes Wettbewerbsproblem hat, das wir keinesfalls so simpel mit irgendwelchen Kostennachteilen oder den sonst so gerne zitierten Standortnachteilen erklären können. Die erkennbaren Trends könnten nicht dramatischer sein: Aus dem über zwei Jahrzehnte hoch profitablen und wachstumsstarken größten Kunden China ist der größte Wettbewerber auf den Weltmärkten geworden. Übrigens wirklich Weltmärkte, denn das passiert jetzt sogar auf dem nationalen Markt genauso.

Leider muss man klar feststellen, dass wir von diesen Trends weder den Beginn sehen und das Ende noch lange nicht. Denn:

– Diese Trends sind klares Ergebnis der strategischen chinesischen Wirtschafts- und Industriepolitik, weshalb man endlich zur Kenntnis nehmen darf, dass die bereits vor 20 Jahren begannen und nicht erst jetzt, da sie in diesen globalen Handelsdaten „explosionsartig“ einschlagen.

– Systematisch und als Strategie auch komplett offen dargelegt kippen diese Daten zuerst im chinesischen Inlandsmarkt und dann auf den Exportmärkten.

– Das erfolgt entlang einer sektoralen Industriepolitik, die systematisch Schlüsseltechnologien identifiziert und dafür Ökosysteme aufbaut, die nach der Beherrschung von Inlandsmärkten nichts geringeres als die Dominanz auf den Weltmärkten anstrebt.

– Die Erfolgsfaktoren sind komplette Wertschöpfungsketten vom Rohstoff über alle Fertigungstechnologien bis zum Endprodukt sowie Hightech mit maximaler Automatisierung auf allen Ebenen.

– Die in den Charts genannten Sektoren sind kein Zufall und es wird auch nicht dabei bleiben. EE- und Batterien sowie E-Autos sind die derzeitigen Erntesektoren. Seit Jahrzehnten stehen viele weitere Technologien in den Fünfjahresplänen, die teilweise schon ausrollen und bald kommen werden. Robotik, Drohnen, digitale Stromnetze, Spezial-Chips, Spezial-KI – es sind dutzende Technologien und niemand sollte sich jemals wieder erlauben, jetzt oder in den nächsten Dekaden „überrascht“ zu sein, wenn sich solche Charts mit anderen Überschriften wiederholen. Diese Überschriften sind alle schon aufgeschrieben und öffentlich publiziert worden!

Der Report hat aus meiner Sicht übrigens ein Defizit, da er im Analyseteil zwar exzellent diese Trends heraus arbeitet, während die beiden Autoren – ihrem Forschungsgebiet entsprechend – dann bei finanz- und wirtschaftspolitischen „Standards“ verbleiben. Das ist nicht falsch, sie weisen vollkommen zu Recht auf die Systematik staatlicher Maßnahmen wie Zölle, Protektionismus, Subventionen und insbesondere auch die Währungsabwertungen hin.

Was ich als Ökonom, der aus einem Technologieumfeld kommt, aber chronisch vermisse, ist die Bewertung der naturwissenschaftlichen Basis dieser Strategie, denn der aus meiner Sicht tiefe Erfolgsfaktor ist die exzellente und von Physikern, Chemikern, Informatikern, Ingenieuren entwickelte Tech-Strategie dahinter. Die von vielen Ökonomen thematisierten Instrumente zur Umsetzung sind natürlich relevant, aber das erklärt die Erfolge nicht.

Die großen geoökonomischen Erfolge der letzten Dekaden sind in den USA privatwirtschaftlich in der Digitalisierung und in China staatskapitalistisch in der Industrie entstanden. Deutschland hat ersteres verpasst und steht nun fahrlässig staunend vor zweiterem.

Es fehlt nicht am Knowhow und auch nicht am Kapital. Europa fehlt es an einer gesamtstrategischen Orchestrierung seiner Ressourcen. Diese Lücke hat nichts mit Sparen, mehr Arbeit, weniger Staat oder einer inzwischen naiven Idee vom „freiem Markt“ zu tun. Das sind alles Denkmodelle, die systemisch aus der Zeit gefallen sind.

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By Dirk Specht

Dirk Specht ist deutscher Autor und Kommentator mit den Schwerpunkten Wirtschafts-, Energie- und Gesellschaftspolitik. Er veröffentlicht Analysen und Kommentare zu aktuellen Entwicklungen in Politik, Wirtschaft und Technologie. Zuvor war er Digitalchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) und ist als Dozent und Gesprächspartner in Fachveranstaltungen aktiv. Seine Texte in der DMZ-News zeichnen sich durch analytische Tiefe und die klare Einbindung wirtschaftlicher und technischer Zusammenhänge aus.

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