Neue Kernkraftwerke wären in der Schweiz unter heutigen Bedingungen nur schwer wirtschaftlich zu betreiben. Das ist zunächst eine nüchterne Feststellung aus Modellrechnungen – sie trifft jedoch auf einen energiepolitisch bereits weitgehend abgesteckten Rahmen: Mit der Energiestrategie 2050 hat sich die Schweiz nach einem Volksentscheid grundsätzlich gegen den Bau neuer Kernkraftwerke entschieden. Die aktuelle Debatte bewegt sich damit nicht im luftleeren Raum, sondern innerhalb einer politisch definierten Grundlinie.
Vor diesem Hintergrund haben Forschende der ETH Zürich und des Paul-Scherrer-Instituts verschiedene Entwicklungspfade des Schweizer Stromsystems bis 2050 untersucht. Im Zentrum steht die Frage, ob Kernenergie unter realistischen Markt- und Finanzierungsbedingungen überhaupt noch eine Rolle in einem kostenoptimierten Gesamtsystem spielen könnte.
Kapitalintensiv und zinsabhängig
Die Antwort der Modellrechnungen fällt eindeutig aus. Neue Kernkraftwerke sind unter heutigen Marktbedingungen nicht konkurrenzfähig. Dabei sind es weniger die reinen Baukosten, die ins Gewicht fallen, sondern die Finanzierung über sehr lange Zeiträume. Kernkraftwerke erfordern hohe Anfangsinvestitionen, binden Kapital über Jahrzehnte und reagieren entsprechend sensibel auf Zinsniveau, Bauzeit und Kostenentwicklung.
In den Szenarien wird mit Investitionskosten von rund 12.000 Franken pro Kilowatt gerechnet. Selbst unter diesen Annahmen bleibt Kernenergie deutlich hinter anderen Technologien zurück. Schon vergleichsweise geringe Abweichungen bei Bauzeit oder Finanzierung wirken sich erheblich auf die Gesamtkosten aus – ein Effekt, der bei kapitalintensiven Infrastrukturprojekten grundsätzlich bekannt ist, bei Kernkraftwerken jedoch besonders stark durchschlägt.
Hinzu kommt die Erfahrung aus Europa: Großprojekte im Nuklearbereich haben in den vergangenen Jahrzehnten wiederholt mit Verzögerungen und Kostensteigerungen zu kämpfen gehabt. Diese Unsicherheiten sind kein Randphänomen, sondern ein strukturelles Merkmal der Technologie.
Wirtschaftlichkeit nur unter veränderten Rahmenbedingungen
Im Modell verbessert sich die Wettbewerbsfähigkeit neuer Kernkraftwerke erst dann, wenn mehrere Bedingungen gleichzeitig erfüllt sind: deutlich sinkende Baukosten, stabile staatliche Garantien sowie eine spürbare Reduktion der Finanzierungskosten. In der Praxis würde dies bedeuten, dass ein erheblicher Teil der Risiken nicht von privaten Investoren, sondern von der öffentlichen Hand getragen werden müsste.
Damit verschiebt sich die eigentliche Kostenfrage aus der betriebswirtschaftlichen in die politische Sphäre. Die Wirtschaftlichkeit neuer Kernkraftwerke hängt weniger von technologischen Parametern ab als davon, wie weit der Staat bereit ist, langfristige finanzielle Risiken abzusichern.
Ergänzung, nicht Strukturbruch
Selbst in optimistischen Szenarien bleibt die Rolle der Kernenergie im Schweizer Stromsystem begrenzt. Wasserkraft und Photovoltaik dominieren weiterhin die Erzeugungsstruktur. Neue Reaktoren erscheinen – wenn überhaupt – als ergänzende Kapazität, nicht als grundlegende Alternative oder systemprägende Technologie.
Auch die Frage der Versorgungssicherheit relativiert sich in den Modellen. Selbst mit zusätzlichen Kernkraftwerken bleibt die Schweiz in den Wintermonaten auf Stromimporte angewiesen. Die Abhängigkeit vom Ausland lässt sich damit reduzieren, aber nicht aufheben.
Lange Zeithorizonte, politische Unsicherheit
Über die ökonomischen Ergebnisse hinaus bleibt ein weiterer Punkt zentral: Kernkraftwerke sind Projekte mit Planungshorizonten von mehreren Jahrzehnten. Sie überdauern politische Zyklen deutlich und sind entsprechend anfällig für veränderte regulatorische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Diese zeitliche Diskrepanz zwischen Investition und politischer Realität ist ein wiederkehrender Unsicherheitsfaktor.
Dazu kommen Fragen der Endlagerung sowie der gesellschaftlichen Akzeptanz. Beide Aspekte lassen sich in ökonomischen Modellen nur unvollständig abbilden, sind für die praktische Realisierbarkeit jedoch entscheidend.
Die Untersuchungen von ETH Zürich und dem Paul-Scherrer-Institut zeichnen kein grundsätzliches Ausschlussurteil über die Kernenergie. Sie zeigen jedoch eine klare strukturelle Einschränkung: Neue Kernkraftwerke wären unter heutigen wirtschaftlichen Bedingungen kaum tragfähig und nur unter erheblichen staatlichen Absicherungen überhaupt realistisch denkbar.
Damit bleibt Kernenergie in der Schweiz weniger eine naheliegende Option als vielmehr eine hoch voraussetzungsgebundene Entscheidung – mit begrenztem systemischem Mehrwert gegenüber den bereits etablierten erneuerbaren Energien und erheblichen finanziellen Risiken über lange Zeiträume hinweg.
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