KOMMENTAR
Es gibt eine auffällige Gewohnheit im heutigen Online-Journalismus: Texte beginnen nicht mehr, sie wiederholen sich beim Beginnen. Was im Titel steht, steht im Vorspann erneut, wird im ersten Absatz noch einmal eingeführt und danach oft ein weiteres Mal leicht variiert. Nicht, weil es nötig wäre – sondern weil es offenbar als Absicherung verstanden wird.
Diese Praxis ist kein Zufall und auch keine bloße stilistische Schwäche. Sie ist Ausdruck einer Arbeitsweise, die auf digitale Sichtbarkeit, schnelle Erfassbarkeit und maximale Wiedererkennung ausgerichtet ist. Der Text soll nicht nur verstanden werden, sondern sofort identifizierbar sein – selbst auf den ersten Blick, selbst beim halbherzigen Lesen.
Das führt zu einer eigentümlichen Verschiebung im journalistischen Schreiben. Der Einstieg verliert seine Funktion als Beginn eines Gedankens und wird zur redundanten Bestätigung dessen, was ohnehin schon bekannt ist. Der Leser wird nicht mehr in einen Inhalt hineingeführt, sondern mehrfach an ihn erinnert.
Auffällig ist, wie normalisiert diese Struktur inzwischen wirkt. Was früher als unnötige Wiederholung gegolten hätte, erscheint heute als Teil eines standardisierten Formats. Verständlichkeit wird dabei mit Wiederholung verwechselt, Orientierung mit doppelter Absicherung.
Der Preis dafür ist gering sichtbar, aber spürbar: Texte verlieren an Spannung, weil sie sich selbst zu früh erklären. Sie setzen nicht mehr an, sie kreisen. Und was kreist, entwickelt keine Richtung mehr.
Am Ende entsteht eine Form von journalistischer Sicherheit, die ihren eigenen Sinn unterläuft. Alles wird gesagt – nur eben so oft, dass man es irgendwann nicht mehr als ersten Satz erkennen kann.
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