Es ist ein unscheinbares Problem mit großer Wirkung: Stahlbrücken altern nicht abrupt, sondern langsam. Winzige Risse entstehen, wachsen unter Last weiter und zwingen Betreiber irgendwann zu teuren Eingriffen – oder zum Ersatz ganzer Bauteile. Gerade in Europa, wo viele Brücken aus der Nachkriegszeit stammen, wird diese Frage drängender.
Forschende der Empa in Dübendorf und der ETH Zürich glauben nun, einen Ansatz zu erproben, der diesen Zyklus verlängern könnte – nicht durch neue Materialien, sondern durch Form.
Im Zentrum steht ein Verfahren mit sperrigem Namen: Wire Arc Additive Manufacturing (WAAM). Vereinfacht gesagt wird dabei ein Schweißdraht mit einem Lichtbogen aufgeschmolzen und Schicht für Schicht auf ein Bauteil aufgetragen. Ein Roboter „druckt“ so Metallverstärkungen direkt auf beschädigte Stellen.
Die Idee dahinter ist weniger naheliegend, als sie klingt. Es geht nicht darum, einfach Material aufzubauen wie bei einer klassischen Reparatur. Entscheidend ist die Geometrie: Die aufgetragenen Strukturen sollen Kräfte umlenken, Spannungen entschärfen und verhindern, dass sich bestehende Risse weiter ausbreiten.
Im Labor funktioniert das bereits bemerkenswert gut. An gerissenen Stahlplatten konnten die Forschenden die Lebensdauer unter Belastung nach eigenen Angaben um bis zu das Vierfache verlängern. Doch der Befund hat eine zweite Seite: Nicht jede Verstärkung hilft. Falsch gesetzte Geometrien können neue Schwachstellen erzeugen – und damit genau das Gegenteil bewirken.
„Es reicht nicht, einfach Material aufzutragen“, sagt ein beteiligter Forscher. Der Satz klingt banal, ist im Kontext aber zentral: Die Reparatur wird zur Konstruktionsaufgabe.

Der mögliche Nutzen liegt auf der Hand. Statt große Brückenelemente auszubauen oder komplett zu ersetzen, könnten künftig gezielt geschädigte Bereiche verstärkt werden. In der Praxis ist davon allerdings noch wenig zu sehen. Die heutigen Anlagen sind meist stationär, die betroffenen Bauteile müssten also in Werkstätten gebracht werden – bei Brücken oft ein logistisches Hindernis.
Entsprechend arbeiten die Teams an mobilen Systemen, die Reparaturen direkt vor Ort ermöglichen sollen. Ob sich das in der rauen Realität von Baustellen durchsetzt, ist offen.
Gleichzeitig geht die Forschung über den Reparaturgedanken hinaus. Strukturen sollen künftig so entworfen werden, dass sie sich bei Schäden gezielt „umschreiben“ lassen – etwa durch nachträgliche Verstärkungen oder Materialien, die sich unter Belastung verhalten wie eine Art mechanisches Gedächtnis. In Kombination mit sogenannten Formgedächtnislegierungen könnten Bauteile entstehen, die nach Verformung teilweise in ihre ursprüngliche Form zurückfinden.
Noch ist das Zukunftsmusik. Die bisherigen Ergebnisse stammen aus Laborversuchen und kleineren Studien. Der nächste Schritt wären Tests an realen Konstruktionen – dort, wo Theorie und Belastung nicht mehr sauber getrennt sind.
Bis dahin bleibt WAAM vor allem eines: ein vielversprechender Ansatz in einem Bereich, in dem die Spielräume kleiner werden – und die Infrastruktur älter.
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