KOMMENTAR
Bern – Die Schweiz reduziert ihre Entwicklungshilfe spürbar. 2025 sank der Anteil der öffentlichen Entwicklungsausgaben am Bruttonationaleinkommen (BNE) auf 0,46 Prozent. Das geht aus einer Mitteilung des Bundesrates vom 9. April 2026 hervor. In absoluten Zahlen entspricht das einer Summe von 3,8 Milliarden Franken – rund 261 Millionen weniger als im Vorjahr.
Hauptgrund für den Rückgang sind deutlich gesunkene Asylkosten im Inland. Diese fielen erstmals seit 2022 wieder unter die Milliardengrenze auf 856 Millionen Franken. Rechnet man diese innenpolitisch bedingten Ausgaben heraus, liegt die eigentliche Quote sogar nur noch bei 0,36 Prozent.
Dramatische Entwicklung weltweit
Der Schweizer Rückgang ist Teil eines viel größeren Trends. Die Geberländer des OECD-Entwicklungshilfeausschusses (DAC) haben ihre Hilfe 2025 real um fast ein Viertel gekürzt – der stärkste Einbruch seit Beginn der Statistik. Besonders drastisch fielen die Kürzungen in den USA aus, die allein für den Großteil des Rückgangs verantwortlich zeichnen. Auch Deutschland, Frankreich, Japan und Großbritannien sparten. Lediglich die klassischen nordischen Geber sowie Luxemburg halten das UN-Ziel von 0,7 Prozent des BNE weiterhin klar.
Die Schweiz konnte sich in diesem Umfeld sogar um zwei Plätze verbessern und liegt nun auf Rang sieben der DAC-Rangliste. Dennoch bleibt sie ein solider, aber kein besonders ambitionierter Geber.
Pragmatismus made in Switzerland
Im Vergleich zu Deutschland wirkt die Schweizer Haltung nüchterner und konsequenter. Bern hat das 0,7-Prozent-Ziel der Vereinten Nationen nie als verbindlich betrachtet und legt seit jeher Wert auf Effizienz, Messbarkeit und den eigenen außenpolitischen Nutzen der Hilfe. Die aktuelle Quote von 0,46 Prozent liegt leicht unter dem DAC-Durchschnitt – ein Wert, der innenpolitisch kaum umstritten sein dürfte.
Dass die Asylkosten einen so großen Teil der Statistik ausmachen, zeigt zugleich eine Besonderheit des Schweizer Systems: Entwicklungshilfe wird hier traditionell breiter definiert als in vielen anderen Ländern. Der aktuelle Rückgang spiegelt daher auch eine gewisse Beruhigung auf der Migrationsfront wider.
Zeichen einer Zeitenwende?
Der massive globale Einbruch der klassischen Entwicklungshilfe wirft grundsätzliche Fragen auf. In einer Welt hoher Staatsverschuldung, geopolitischer Konflikte und knapper Kassen verliert die ODA offenbar an politischer Priorität. Neue Akteure wie China und die Golfstaaten füllen Teile der Lücke mit anderen Instrumenten – oft ohne die Governance-Auflagen, die westliche Geber üblicherweise stellen.
Für die Schweiz bedeutet der aktuelle Rückgang keine grundsätzliche Abkehr von der Entwicklungszusammenarbeit, sondern eher eine Rückkehr zur Normalität nach den außergewöhnlich hohen Asylkosten der Vorjahre. Wie es weitergeht, wird maßgeblich von der neuen Strategie der Internationalen Zusammenarbeit 2029–2032 abhängen.
Insgesamt zeigt sich Bern einmal mehr als verlässlicher, aber emotionslos kalkulierender Partner – ein Stil, der in Zeiten enger Budgets auch in anderen europäischen Hauptstädten zunehmend nachdenklich betrachtet wird.
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