Möchten Sie Push-Benachrichtigungen von unserer Zeitung erhalten? Ja Nein, danke
  • 18. Juli 2026 10:55

Schweizer Atomwende: Ein Beschluss gegen die eigene Zeitschiene

ByLena Wallner

Juni 19, 2026

KOMMENTAR

Es gibt politische Entscheidungen, die wirken, als seien sie mit Blick auf die Gegenwart getroffen worden – und andere, bei denen man sich fragt, in welchem Jahrzehnt ihre Wirkung eigentlich eintreten soll. Der jüngste Schritt des Schweizer Parlaments zur faktischen Aufweichung des Neubauverbots für Kernkraftwerke gehört eher zur zweiten Kategorie.

Der politische Rahmen ist schnell erzählt: Der Nationalrat hat einen Kurswechsel eingeleitet, der neue Kernkraftwerke wieder möglich machen soll. Getragen wird dieser Kurs unter anderem von Energieminister Albert Rösti, der darin eine Frage der Versorgungssicherheit erkennt. Das klingt nüchtern – ist es aber nicht.

Denn hinter der technokratischen Sprache verbirgt sich eine bemerkenswerte Verschiebung: Die Rückkehr zu einer Technologie, deren Realisierungshorizont mit der politischen Gegenwart kaum noch etwas zu tun hat.

Die große Verdrängung der Zeit

Man kann über Kernenergie vieles diskutieren – Sicherheit, Kosten, Akzeptanz. Was sich jedoch nicht wegdiskutieren lässt, ist die Zeit. Ein modernes Kernkraftwerk entsteht nicht in Legislaturperioden, sondern in Generationenabschnitten.

Zwischen politischem Beschluss, Standortwahl, Bewilligungsverfahren, Gerichtswegen und Bau liegen in Europa regelmäßig 15 bis 25 Jahre – im ungünstigen Fall deutlich mehr. Wer das für eine pessimistische Annahme hält, muss nur nach Frankreich oder Großbritannien schauen, wo sich Projekte wie Flamanville oder Hinkley Point über Jahrzehnte ziehen.

Das Entscheidende daran ist weniger die Verzögerung selbst als ihre Konsequenz: Was heute beschlossen wird, kann die energiepolitischen Engpässe der 2030er Jahre nicht mehr beeinflussen. Es wirkt erst in einer Zeit, in der die heutigen Debatten bereits historische Fußnoten sein werden.

Eine Entscheidung nach einem bereits vollzogenen Richtungswechsel

Die Schweiz hat diese Frage im Grunde schon einmal beantwortet. Nach Fukushima wurde mit der Energiestrategie 2050 ein klarer Pfad eingeschlagen: weg von neuen Kernkraftwerken, hin zu Effizienz und erneuerbaren Energien.

Dieser Kurs war nicht nur politisch beschlossen, sondern gesellschaftlich breit abgestützt. Das Neubauverbot war Ausdruck eines Konsenses, der nach der Katastrophe von Fukushima entstanden ist – nicht einer zufälligen Parlamentsmehrheit.

Dass dieser Rahmen nun wieder aufgeweicht wird, ohne dass sich die grundlegende energiepolitische Lage in der Schweiz dramatisch verändert hätte, ist zumindest erklärungsbedürftig. Oder anders gesagt: Die Begründung ist schwächer als die Tragweite des Entscheids.

Die Realität der Alternativen ist längst weiter

Während die politische Debatte um die Kernkraft erneut an Fahrt gewinnt, haben sich die technischen Alternativen längst etabliert – nicht als Vision, sondern als Infrastruktur.

Photovoltaik, Windkraft und Wasserkraft sind keine Zukunftsversprechen mehr, sondern Ausbaupfade mit kurzen Realisierungszeiten. Sie lassen sich in Etappen erweitern, reagieren flexibel auf Nachfrage und sind längst Teil des europäischen Stromsystems.

Demgegenüber steht die Kernenergie als Großprojekt mit langen Vorläufen, hohen Kapitalbindungen und einem Risiko, das weniger in der Technik als in der Zeit selbst liegt.

Und die demokratische Frage bleibt

Ein weiterer Punkt wird in der Debatte oft nur am Rand gestreift: die politische Legitimation. Der Kurswechsel erfolgt nicht nach einer neuen Volksabstimmung über die Grundsatzfrage, sondern über eine Revision bestehender Regelungen im parlamentarischen Verfahren.

Formal ist das korrekt. Politisch ist es weniger eindeutig. Denn wer eine energiepolitische Weichenstellung dieser Größenordnung korrigiert, ohne den Souverän erneut zu befragen, bewegt sich zumindest in einer Grauzone zwischen Repräsentation und Umdeutung.

Ein Projekt, das seine eigene Zeit nicht mehr trifft

Am Ende bleibt ein schlichter Befund: Selbst wenn die Schweiz morgen neue Kernkraftwerke politisch ermöglichen sollte, entstehen daraus keine Lösungen für die absehbaren Herausforderungen der kommenden zehn bis fünfzehn Jahre.

Man kann das als Offenhalten von Optionen verstehen. Man kann es aber auch als das Gegenteil lesen: als Energiepolitik, die ihre eigene Zeitschiene verloren hat.

Denn eine Technologie, die frühestens in den 2040er Jahren relevant wird, beantwortet keine Fragen der 2030er. Und genau dort liegt das eigentliche Problem dieses Kurses – er kommt nicht zu früh, sondern am falschen Ende der Zeitachse.

Wenn Sie einen Fehler entdecken, der Ihrer Meinung nach korrigiert werden sollte, teilen Sie ihn uns bitte mit, indem Sie an feedback@dmz-news.online schreiben. Wir sind bestrebt, eventuelle Fehler zeitnah zu korrigieren, und Ihre Mitarbeit erleichtert uns diesen Prozess erheblich.

Bitte geben Sie in Ihrer E-Mail die folgenden Informationen sachlich an: Ort des Fehlers: Geben Sie uns die genaue URL/Webadresse an, unter der Sie den Fehler gefunden haben.

Beschreibung des Fehlers:

Teilen Sie uns bitte präzise mit, welche Angaben oder Textpassagen Ihrer Meinung nach korrigiert werden sollten und auf welche Weise. Wir sind offen für Ihre sinnvollen Vorschläge.

Belege: Idealerweise fügen Sie Ihrer Nachricht Belege für Ihre Aussagen hinzu, wie beispielsweise Webadressen. Das erleichtert es uns, Ihre Fehler- oder Korrekturhinweise zu überprüfen und die Korrektur möglichst schnell durchzuführen. Wir prüfen eingegangene Fehler- und Korrekturhinweise so schnell wie möglich.

Vielen Dank für Ihr konstruktives Feedback!

Seit unserer Gründung setzt sich die DMZ dafür ein, dass verlässliche Informationen für alle zugänglich sind. In einer Zeit, in der Desinformation und soziale Medien die Nachrichtenlandschaft prägen, ist unabhängiger Journalismus wichtiger denn je.

Wir glauben daran, dass jede:r das Recht hat, faktenbasierte, hochwertige Nachrichten zu erhalten – ohne Paywall und ohne Unterbrechungen. Unser Ziel ist es, Journalismus zu machen, der informiert, erklärt und Vertrauen schafft.

Unsere Leser:innen sind das Herzstück dieser Arbeit. Nur durch Ihre Unterstützung können wir weiterhin unabhängig, kritisch und engagiert berichten. Jeder Beitrag – egal wie klein – hilft uns, dieses Ziel zu erreichen.

Helfen Sie mit, Journalismus frei zugänglich zu halten. Unterstützen Sie die DMZ noch heute.

By Lena Wallner

Lena Wallner ist Journalistin und behandelt vor allem politische und gesellschaftliche Themen. Sie schreibt über aktuelle Entwicklungen und gesellschaftliche Zusammenhänge. Ihre Texte zeichnen sich durch ein ausgezeichnetes Netzwerk und die Einbindung relevanter Quellen aus.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert