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  • 18. Juli 2026 11:19

mRNA-Impfstoffe gegen Covid-19 und Krebsimmuntherapie: Hinweise auf mögliche Wechselwirkungen

ByLiselotte Hofer

Juni 14, 2026

Die während der Covid-19-Pandemie breit eingesetzten mRNA-Impfstoffe der Unternehmen Pfizer und Moderna könnten nach aktuellen klinischen Beobachtungen über ihren ursprünglichen Zweck hinaus auch für die Onkologie von Interesse sein. Eine neue retrospektive Analyse legt nahe, dass die Vakzine möglicherweise die Wirksamkeit moderner Immuntherapien bei bestimmten fortgeschrittenen Tumorerkrankungen beeinflussen. Eine therapeutische Konsequenz lässt sich daraus jedoch bislang nicht ableiten.

Beobachtungen aus einer großen Patientenkohorte

Untersucht wurden Daten von mehr als 1.000 Patientinnen und Patienten mit metastasiertem Melanom oder fortgeschrittenem nicht-kleinzelligem Lungenkarzinom (NSCLC). Die Analyse stammt von einem Forschungsteam um den Onkologen Elias Sayour an der University of Florida.

Alle Betroffenen erhielten eine Behandlung mit Immuncheckpoint-Inhibitoren – Medikamenten, die gezielt Bremsmechanismen des Immunsystems blockieren und so eine stärkere T-Zell-Antwort gegen Tumorzellen ermöglichen sollen.

Auffällig war in der Auswertung eine Subgruppe von Patientinnen und Patienten, die innerhalb von rund 100 Tagen nach Beginn der Immuntherapie eine mRNA-Impfung gegen Covid-19 erhalten hatten. In dieser Gruppe zeigte sich eine höhere Überlebenswahrscheinlichkeit nach drei Jahren im Vergleich zu nicht geimpften Patientinnen und Patienten der Vergleichskohorte. Besonders deutlich war dieser Unterschied bei Tumoren, die als immunologisch „kalt“ gelten und erfahrungsgemäß nur eingeschränkt auf Immuncheckpoint-Inhibitoren ansprechen.

Auch nach statistischer Anpassung an bekannte Einflussfaktoren wie Alter, Krankheitsstadium und Begleiterkrankungen blieb dieser Zusammenhang bestehen. Gleichwohl bleibt die Aussagekraft der Ergebnisse durch das retrospektive Studiendesign begrenzt.

Mögliche immunologische Erklärung

Ergänzende präklinische Untersuchungen in Mausmodellen liefern eine mögliche, wenn auch vorläufige Erklärung. Demnach könnten mRNA-Impfstoffe eine breite Aktivierung des Immunsystems auslösen, unter anderem über die Induktion von Typ-I-Interferonen. Diese Signale sind zentral für die Aktivierung angeborener Immunantworten und können in der Folge auch die Aktivität zytotoxischer T-Zellen verstärken.

Im Zusammenspiel mit Immuncheckpoint-Inhibitoren könnte dies theoretisch dazu beitragen, bislang schwach ausgeprägte Immunreaktionen gegen Tumorzellen zu verstärken. Die Forschenden beschreiben die Impfstoffe in diesem Kontext weniger als tumorspezifische Therapie, sondern als unspezifischen immunologischen Stimulus, der bestehende Behandlungsansätze potenziell ergänzt.

Korrelation ist nicht Kausalität

Trotz der konsistenten Signale in der Analyse mahnen Fachleute zur Zurückhaltung bei der Interpretation. Es handelt sich um Beobachtungsdaten, aus denen sich kein kausaler Zusammenhang zwischen Covid-19-Impfung und verbesserter Krebsprognose ableiten lässt.

Nicht auszuschließen sind Verzerrungen etwa durch unterschiedliche Gesundheitszustände, eine generell höhere Behandlungsadhärenz geimpfter Patientinnen und Patienten oder strukturelle Unterschiede in der medizinischen Versorgung. Solche Faktoren lassen sich in retrospektiven Analysen nur begrenzt vollständig kontrollieren.

Die Autoren der Studie weisen entsprechend selbst darauf hin, dass prospektive, randomisierte Studien erforderlich sind, um den beobachteten Zusammenhang belastbar zu überprüfen.

Geplante randomisierte Studien

Nach Angaben des Forschungsteams soll der Befund nun in einer kontrollierten klinischen Studie überprüft werden. Dabei erhalten Patientinnen und Patienten unter Immuncheckpoint-Therapie entweder zusätzlich eine mRNA-Covid-19-Impfung oder nicht. Ziel ist es zu klären, ob der in den retrospektiven Daten beobachtete Effekt reproduzierbar ist und ob er klinische Relevanz besitzt.

Erst auf dieser Grundlage ließe sich beurteilen, ob mRNA-Impfstoffe künftig möglicherweise als ergänzende Maßnahme in onkologischen Behandlungskonzepten infrage kommen könnten.

Einordnung im Kontext der mRNA-Onkologie

Parallel dazu arbeitet die Forschung seit Jahren an mRNA-basierten Krebsimpfstoffen. Unter anderem kooperieren Moderna und Merck & Co. an personalisierten Vakzinen, die gezielt auf individuelle Tumorantigene zugeschnitten sind.

Der Unterschied zu den Covid-19-Impfstoffen ist grundlegend: Während personalisierte Krebsimpfstoffe spezifisch auf den Tumor eines einzelnen Patienten ausgerichtet sind, handelt es sich bei den Covid-19-Vakzinen um standardisierte Präparate ohne Tumorbezug. Gerade diese Unspezifität macht sie aus wissenschaftlicher Sicht interessant – als potenzieller Verstärker bestehender Immunantworten.

Offene Fragen bleiben zentral

In der klinischen Praxis gelten Immuncheckpoint-Inhibitoren zwar als wichtiger Fortschritt der vergangenen Jahre, sie wirken jedoch nicht bei allen Patientinnen und Patienten gleich gut. Insbesondere sogenannte „kalte“ Tumoren stellen weiterhin eine therapeutische Herausforderung dar.

Ob mRNA-Impfstoffe hier tatsächlich einen relevanten Zusatznutzen entfalten können, ist derzeit offen. Die vorliegenden Daten liefern einen interessanten Hinweis, bleiben jedoch vorläufig und in ihrer Aussagekraft begrenzt.

Auch unabhängige Fachleute sehen in den Ergebnissen bislang vor allem einen Ausgangspunkt für weitere Forschung – nicht jedoch eine Grundlage für therapeutische Anpassungen.

Die aktuellen Daten erweitern das Verständnis möglicher Wechselwirkungen zwischen mRNA-basierten Impfstoffen und onkologischen Immuntherapien. Sie deuten darauf hin, dass die Impfstoffe unter bestimmten Bedingungen immunologische Prozesse beeinflussen könnten, die für die Tumorabwehr relevant sind.

Ob sich daraus ein klinisch nutzbarer Ansatz entwickelt, bleibt jedoch offen. Entscheidend werden die Ergebnisse prospektiver, kontrollierter Studien sein, die derzeit vorbereitet werden. Bis dahin überwiegt die wissenschaftliche Vorsicht – und mit ihr die Zurückhaltung gegenüber weitergehenden Schlussfolgerungen.

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By Liselotte Hofer

Liselotte Hofer ist freie Autorin bei DMZ-News und schreibt zu Themen aus den Bereichen Soziales, Kino, Kultur, Politik, Geschichte und Musik. Ihre Texte zeichnen sich durch fundierte Recherche und klare, verständliche Darstellung aus.

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