SATIRE
Zeitlebens habe ich Selbstgespräche geführt, meist über Dinge des Alltags, gelegentlich aber auch über bedeutendere Themen wie Probleme bei der Arbeit, Geburt, Verpaarung, Tod und Kontroversen darüber, wo die nächste Reise hingehen soll. Vor allem wenn ich mich unbeobachtet fühle, traue ich mich, mit mir selbst lautstark zu diskutieren. Ein Gespräch ohne Gegenüber im stillen Kämmerlein braucht natürlich keine größere Überwindung. Ganz anders ist es dagegen, wenn man dabei beobachtet wird. Das führte gelegentlich zu verwunderten Blicken seitens der Ohren- und Augenzeugen meiner leidenschaftlich ausgefochtenen Diskurse zwischen mir … und, nun ja, meiner selbst.
Wie wir wissen, gilt es meist als ungewöhnlich, wenn nicht sogar als verrückt, tief in ein Gespräch verwickelt zu sein, ohne dass jemand anderes daran beteiligt wäre. Normalerweise erwartet man von einem Meinungsaustausch, dass er wenigstens als Dialog stattfindet. Bei weniger als zwei Gesprächspartnern riskiert man nicht nur verwunderte Blicke, sondern im schlimmsten Fall auch die Fürsorge kräftiger junger Leute, die einem ein unmodisches Kleidungsstück anziehen, dessen Ärmel man am Rücken zubinden kann.
Zum Glück ist heutzutage ein in aller Öffentlichkeit ausgetragenes Selbstgespräch kein Problem mehr, seit nahezu jeder mit einem Mobiltelefon herumläuft und dabei fast unsichtbare, schnurlose Hörer in den Ohrmuscheln trägt. Man sieht Zeitgenossen in intensive Debatten vertieft, während sie einsam in der Landschaft herumstehen oder irgendwohin unterwegs sind. Ihr unsichtbarer Dialogpartner kann sich dabei sonst wo auf der Welt aufhalten. Dank dieser technischen Entwicklung werden Augenzeugen eines Selbstgesprächs kaum etwas anderes annehmen als ein gewöhnliches Telefonat, selbst wenn man wild gestikulierend in eine heftige verbale Auseinandersetzung vertieft ist. Allenfalls denkt man sich, der eifrige Kommunikator habe gerade eine besonders heikle Angelegenheit zu besprechen, etwa einen erbitterten Streit über Scheidungsmodalitäten ohne geregelte Gütertrennung. Dieses Phänomen ist beim oberflächlichen Hinsehen kaum von jenem genuinen Selbstgespräch zu unterscheiden, für dessen Rechtfertigung ich hier eine Lanze brechen möchte.
Ich stehe dafür ein, dass man ungeniert Selbstgespräche in aller Öffentlichkeit führen dürfen – sollen – kann, wenn man unbedingt möchte. Man sollte auch bereit sein, dazu zu stehen und sich keineswegs dafür schämen. Man bewahre Haltung und signalisiere dem verständnislosen Umfeld, dass man gerade etwas Wichtiges mit sich selbst zu besprechen hat – oder anders ausgedrückt: mit der wichtigsten Person im Universum. Und das ist man naturgemäß in der ersten Person Singular … in all seiner egozentrischen Pracht.
Nun ist es gar nichts Ungewöhnliches, gleichzeitig konträre Ansichten zu irgendeinem Sachverhalt zu haben und das Für und Wider erst sorgfältig gegeneinander abzuwägen. Drum spreche man jene anstehende Schicksalsfrage ruhig laut aus, die einen gerade intensiv beschäftigt: «Soll ich mein Brot mit Leberwurst oder besser mit Nougatcreme bestreichen?» Dies wohlgemerkt erst, nachdem ich zuvor eine dünne Schicht Butter als Grundlage aufgetragen habe.
Diese scheinbar belanglose Frage erwähne ich nur, um an einem einfachen Beispiel zu zeigen, welche existenziellen Probleme sich einem denkenden Menschen stellen können. Oft genug sind darüber hinaus wichtigere Fragen zu klären, die erst recht einer gründlichen Selbstbesprechung bedürfen, egal wann und wo man sich gerade aufhält. Umso mehr drängt sich selbst bei der Vorbereitung einer kleinen Zwischenmahlzeit das Bedürfnis nach einem klärenden Meinungsaustausch auf, so ganz unter mich.
In meinen Selbstgesprächen verhandele ich beileibe keine Lappalien. Sogar die gemeinhin als nebensächlich empfundene Frage einer angemessenen Brotbestreichung muss man von mehreren Seiten betrachten und so lange diskutieren, bis ein tragfähiges Ergebnis vorliegt. Es dürfte kaum jemanden auf diesem Erdenrund geben, dem die richtige Zubereitung des Pausenbrotes so nahegeht wie mir, dem unmittelbar Betroffenen. Allein die Grundsatzfrage, inwieweit Leberwurst und Butter gutnachbarschaftlich harmonieren und in welchem Mengenverhältnis sie aufzutragen sind, bedarf einer lautstark vorgetragenen Analyse. Dito betreffend Nougatcreme und Butter. Man sieht: Selbst scheinbar einfache Entscheidungen werfen unerwartet viele Detailfragen auf.
Solche Überlegungen kann man nicht aufschieben, bis man allein im stillen Kämmerlein sitzt, nur weil einem der Eindruck peinlich sein könnte, den man dabei auf andere macht. Keineswegs! Das Ausdiskutieren dieser Angelegenheit hat unmittelbar vor der Imbisstheke zu erfolgen, und zwar so lange, bis eine abschließende Entscheidung vorliegt. Und eins ist klar: Die Imbissbude befindet sich nun einmal im öffentlichen Raum, wo man unweigerlich der Wahrnehmung durch umstehende Mitesser ausgesetzt ist.
Den eigenen Gedanken ungeniert zu folgen und sie lautstark auszudrücken ist ein primäres menschliches Bedürfnis. Es sollte ebenso wenig vor fremder Wahrnehmung versteckt werden wie das Einnehmen einer Mahlzeit und das Herunterspülen der erwähnten Stulle mit einem Bierchen – vorausgesetzt natürlich, die Leberwurst hat sich im Verhältnis zwei zu eins gegen die Butter durchgesetzt. Bei Nougatcreme würde ich eher für ein Verhältnis von eins zu eins plädieren und dazu einer Limonade den Vorzug geben, aber das müsste ich sicherheitshalber noch mit mir ausdiskutieren.
Wenn also nichts dabei ist, beobachtet zu werden, während man sich Nahrungsmittel oder Getränke in den Mund schiebt, dann sollte es ebenso wenig anstößig sein, dass von dortselbst wohlformulierte Worte herauskommen, die dazu dienen, lebenswichtige Fragen zu klären und ebensolche Entscheidungen zu fällen. Dabei ist es gleichgültig, ob es um einen Brotaufstrich oder um Leben und Tod geht; man muss sich in jeder Sache mit sich selbst ins Reine kommen.
Bei meiner Suche nach einer wissenschaftlich fundierten Bestätigung meiner Kampagne zur Akzeptanz von Selbstgesprächen bin ich auf bemerkenswerte neurobiologische Erkenntnisse gestoßen. Forscher von Weltformat – also nur geringfügig kompetentere Fachleute als ich selbst – haben herausgefunden, dass die beiden Hirnhälften unterschiedliche Zuständigkeiten besitzen. Die linke Seite scheint eher für analytisches und sprachliches Denken zuständig zu sein, während die rechte Seite stärker auf Intuition, Kreativität und das ominöse Bauchgefühl setzt.
Mit anderen Worten: Die pragmatisch veranlagte linke Hirnhälfte befürwortet eher den Leberwurstaufstrich mit Bier, während das rechte Hirn mit seiner Neigung zu kitschig-süsslichen Szenarien a la Nougatcreme samt Limonade tendiert. Daraus ergeben sich zwangsläufig Konflikte. Da der direkte Kommunikationsweg zwischen den beiden Hirnhälften offenbar nicht immer ausreicht, muss die Auseinandersetzung gewissermassen ausgelagert werden. Und das geht nun einmal am besten über Sprache und Gehör. Somit wird das lautstarke Selbstgespräch zum unverzichtbaren modus operandi bei der Beilegung innerer Konflikte.
Verweigert man den beiden antagonistischen Hirnhälften diesen Kommunikationsweg, läuft man Gefahr, ungelöste Konflikte anzuhäufen. Da fragt man sich doch allen Ernstes: Darf die Wahrung der Psychohygiene an einer ungelösten Frage über den richtigen Brotaufstrich scheitern?
Also möchte ich als Fazit festhalten, dass das Führen von Selbstgesprächen in der Öffentlichkeit vom Ruch des Kauzigen oder gar des Abnormalen zu befreien ist, dass es dem inneren Gleichgewicht dient und vor allem, dass konstruktive Entscheidungen über die Zubereitung des richtigen Brotaufstrichs auch unter Fremdbeobachtung erlaubt sein müssen.
Diese Erkenntnisse werde ich mir nächsten Sonntag um Punkt 14.30 Uhr in der Fußgängerzone mit einem bebilderten Vortrag zu Gemüte führen. Zeugen dieser privaten Fortbildungsveranstaltung sind herzlich willkommen. Ich werde mich jedenfalls bemühen, vollzählig und rechtzeitig da zu sein.
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