SATIRE
Alle wollen immer nur Geld machen. Demgegenüber bin ich alles andere als materialistisch veranlagt. Das kann gar nicht anders sein, denn ich bin von Haus aus Künstler, und zwar ein großer – wenn auch aus unerfindlichen Gründen noch immer völlig verkannter.
Das wiederum macht nichts. Ich bin selbst ein so begeisterter Konsument meiner eigenen Kunst, dass ich auf die Anerkennung anderer kaum angewiesen bin. Gegen eine kleine Würdigung, insbesondere durch Damen im geschlechtsreifen Alter, hätte ich allerdings nichts einzuwenden. Aufgrund meiner sprichwörtlichen Bescheidenheit bestünde dabei keinerlei Gefahr, dass ich größenwahnsinnig würde.
Wie allgemein bekannt, geht wahre Kunst grundsätzlich mit Entbehrungen einher. Sie gedeiht nur dort, wo ihr Schöpfer friert, darbt und sich aller materieller Ablenkungen enthält. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, jemals von steilen Groupies umringt Champagnertrüffel mit marinierten Spatzenzungen verspeist zu haben, während ich mich mit einer attraktiven, psychoanalytisch versierten Astrophysikerin über die großen Fragen des Universums unterhielt.
Zugegeben: Inzwischen halte ich ein solches Ereignis durchaus für wünschenswert.
Mangels entsprechender Gelegenheiten widme ich mich jedoch weiterhin meinen eigentlichen künstlerischen Tätigkeiten: der Reiskornschnitzerei, dem Bemalen von Spiegelrückseiten und natürlich dem Verfassen erbaulicher Texte aus der Haushaltsgeräteindustrie, wie jüngst der Gebrauchsanweisung für einen Damenrasierer.
Ruhm, Erfolg und insbesondere materieller Reichtum dürfen den Strom der Inspiration nicht gefährden. Positive Kritiken, Ehrungen oder gar Preisgelder führen erfahrungsgemäß zur Verflachung des künstlerischen Anspruchs und können langanhaltende Schaffenskrisen verursachen.
Ich weiss, wovon ich rede.
Ein besonders eindrückliches Beispiel liefert der niederländische Genremaler Pieps van den Gallensteen. Bereits als Kleinkind galt er als Ausnahmetalent. Mit erstaunlicher Detailtreue malte er die Glanzlichter auf seinem Nachttopf in Öl auf Lätzchen. Seine Eltern, erfolgreiche Saubohnenfarmer und angesehene Kunstkenner, förderten ihn nach Kräften.
Leider begingen sie einen verhängnisvollen Fehler: Nach jedem gelungenen Pinselstrich schoben sie ihrem Sprössling ein Schoko-Marzipanplätzchen in den Mund.
Die Folgen waren dramatisch. Pieps wurde zunehmend übergewichtig, so dass man ihn bald nur noch Puups nannte. Schlimmer noch: Er malte fortan nur noch gegen kalorienreiche Bestechung. Das endgültige Ende seiner vielversprechenden Karriere kam während seiner Firmungsfeier. Dort wurde ihm eine außergewöhnlich üppige Mahlzeit serviert – Bockwurst mit Zwiebelringen, Senf und diversen Beilagen.
Diese übertriebene Belohnung zerstörte seine Kreativität auf einen Schlag.
Puups legte Pinsel und Staffelei beiseite und widmete sich fortan anderen Beschäftigungen. Später wurde aus ihm ein gewöhnlicher Malergeselle, der Badezimmer und Waschküchen mit wasserabweisender hellblauer Farbe strich – allerdings mit unerreichter Virtuosität. Die Kunstwelt kann bis heute nicht ermessen, welchen Verlust die niederländische Stillleben-Malerei durch jene verhängnisvolle Bockwurst erlitten hat.
Wie gesagt: Wahre Anerkennung sollte grundsätzlich erst nach dem Ableben erfolgen. Ihr wichtigster Zweck besteht darin, ein möglichst imposantes Mausoleum über dem Armengrab des verkannten Genies zu errichten. Erst wenn der Poet, Essayist, Romancier, Aquarellist, Dampfkochtöpfer oder Insektenforscher einsam in seiner Dachkammer verstorben ist, darf das Publikum seine Bedeutung erkennen.
Unglücklicherweise trafen diese Überlegungen genau zu dem Zeitpunkt auf eine Reihe bedrückender Rechnungseingänge. Die Stromrechnung, eine drohende Steuernachzahlung und diverse andere Unannehmlichkeiten zwangen mich, meine philosophische Haltung zur Armut geringfügig zu überdenken.
Ich brauchte Geld.
Nicht viel. Nur etwas mehr, als für Reiskörner, Acrylfarben und Druckerpapier erforderlich war. Von Champagnertrüffeln und psychoanalytisch versierten Astrophysikerinnen hatte ich mich längst verabschiedet. Im äußersten Luxusfall hätte mir eine gegrillte Seezunge mit Lagerbier genügt. Allenfalls in Gesellschaft meiner Schwiegermutter.
Doch sogar dafür reichte es nicht mehr.
Der Markt für dekorative Reiskornstatuetten war eingebrochen. Sämtliche Rückseiten der Wandspiegel in meinem Bekanntenkreis waren bereits bemalt. Das Honorar für die Gebrauchsanweisung des Damenrasierers war längst ausgegeben, und ein angekündigter Folgeauftrag für ein Gerät zum Ausdrücken von Mitessern ließ auf sich warten.
Meine finanzielle Situation war mit einem Wort: katastrophal. Also begann ich mit einem systematischen Brainstorming. Dabei entstanden fünf Geldmachen-Pläne.
Geldmachen-Plan Nr. 1
Ich betrachtete meinen letzten Fünf-Euro-Schein. Die feinen Muster. Das hochwertige Papier. Das dezente Knistern.
Plötzlich traf mich die Erkenntnis wie ein Blitzschlag:
Aus eins mach zwei. Ich beschloss, den Schein zu kopieren.
Der Farbkopierer in der Postfiliale verweigerte den Auftrag, doch von technischen Schwierigkeiten lasse ich mich grundsätzlich nicht entmutigen. Zuhause scannte ich den Schein ein und druckte ihn aus. Das Ergebnis war erstaunlich überzeugend. Nach zahlreichen Fehlversuchen, einem Stapel Druckerpapier und einer kompletten Druckerpatrone hielt ich schließlich einen beidseitig bedruckten Fünfer in den Händen.
Rein wirtschaftlich betrachtet ergab das einen Gewinn von ungefähr fünfundachtzig Cent pro Arbeitsstunde. Während ich das Ergebnis bewunderte, kam mir ein weiterer Gedanke: Warum nicht gleich einen Zehner kopieren?
Die Verdoppelung des Stundenlohns auf 1.70 Euro erschien mir als wirtschaftlicher Quantensprung. Also arbeitete ich weiter. Noch in derselben Nacht entstanden ein Zehner, ein Zwanziger, ein Fünfziger, ein Hunderter und schließlich sogar ein Zweihunderter.
Am nächsten Nachmittag erwachte ich nach einem unvermeidlichen Erschöpfungsschlaf als wohlhabender Mann. In meiner Tasche befanden sich sämtliche Euro-Nominalwerte von fünf bis zweihundert Euro. Stolz wie Otto präsentierte ich die Sammlung meinem fetten Vetter Ferdinand.
Zu meiner Überraschung reagierte er nicht begeistert. Im Gegenteil.
Er behauptete, das Fälschen von Geldscheinen sei eine Straftat. Ich erwiderte, dass ich die Scheine keineswegs gefälscht, sondern lediglich kopiert hätte. Als jedoch auch der Kneipenwirt Pavel Bogdanovich derselben Auffassung war, musste ich mich geschlagen geben.
Noch am selben Abend verbrannten wir das Ergebnis meiner schöpferischen Tätigkeit. Damit war Geldmachen-Plan Nr. 1 gescheitert.
Geldmachen-Plan Nr. 2
Nachdem ich erkannt hatte, dass körperliche Arbeit keine nachhaltige Lösung darstellte, wandte ich mich dem Dienstleistungssektor zu.
Bei meinen Recherchen stieß ich auf die gewerbsmäßige Prostitution.
Die erforderlichen Qualifikationen erschienen überschaubar. Etwas Herumflanieren, einige laszive Bewegungen und gelegentliche Kundenkontakte schienen durchaus erlernbar. Die Verdienstmöglichkeiten waren sogar bemerkenswert.
Leider stellte sich nach einem aufschlussreichen Gespräch mit einer erfahrenen Fachkraft heraus, dass ich bei längerer Berufsausübung möglicherweise meine Unschuld verlieren könnte.
Das war mir entschieden zu riskant.
Wie sollte ich nach einem derartigen Verlust weiterhin jene unschuldig-authentische Kunst hervorbringen, für die ich bekannt werden wollte?
Somit schied auch diese Option aus. Geldmachen-Plan Nr. 2 war gescheitert.
Geldmachen-Plan Nr. 3
Die Idee zum dritten Plan entstand während der zahllosen Stunden, die ich in der Herren-Abstellzone von Damenbekleidungsabteilungen verbrachte, während meine Frau Unterwäsche anprobierte.
Mir wurde klar, dass der Markt dringend einen professionellen Wäscheberater benötigte.
Ich verfügte über alle Voraussetzungen. Ein ausgeprägtes ästhetisches Empfinden. Manuelles Geschick. Diskretion. Außerdem konnte ich einen BH-Verschluss einhändig öffnen und schließen. Dennoch stieß mein Konzept bei meiner Frau auf unerwartet heftigen Widerstand.
Nach längeren Diskussionen wurde das Projekt eingestellt.
Zusätzlich nahm sie mich fortan nicht mehr zum Einkaufen mit. Damit war auch Geldmachen-Plan Nr. 3 gescheitert.
Geldmachen-Plan Nr. 4
Meine vierte Geschäftsidee bestand darin, auf Sylt als professioneller Rückeneinschmierer tätig zu werden.
Ich plante einen umfassenden Service mit individueller Hautanalyse, Sonnenschutzberatung und mobilen Einschmierdiensten.
Das Konzept erschien vielversprechend.
Meine Frau legte jedoch eine Wirtschaftlichkeitsrechnung vor, aus der hervorging, dass die Saison zu kurz sei, die meisten Badegäste in Begleitung anreisten und der verbleibende Rest überwiegend aus jungen Damen bestehe, denen gegenüber ich laut einer noch immer gültigen ehelichen Vereinbarung gewisse Zurückhaltung zu üben hatte. Damit war auch dieser Plan erledigt.
Geldmachen-Plan Nr. 5
Nun komme ich zum fünften und hoffentlich letzten Plan. Er besitzt einen entscheidenden Vorteil: Meine Frau unterstützt ihn.
Gemeinsam sind wir dabei, ein völlig neuartiges Institut für Haustierkosmetik zu gründen. Dabei handelt es sich keineswegs um einen gewöhnlichen Hundefriseursalon.
Unser Angebot umfasst Schnauzenbegradigung, Schwanzverjüngung, Barthaartrimmung, Krallenlackierung, Ohrenschmalzentfernung und Analtätowierung bei Haustieren aller Art.
Derzeit studiert meine Frau ein leider nur auf Thailändisch verfügbares Handbuch zur Neueinfärbung von Papageiengefieder. Zusätzlich planen wir Botox-Behandlungen für Hunde, Katzen und Goldhamster. Unser künftiger «Tutti Beauty Animal-Salon» soll endlich sämtliche finanziellen Probleme lösen.
Vormittags werde ich mich im hinteren Atelier weiterhin der Reiskornschnitzerei widmen, während meine Frau die ersten Kunden betreut. Nachmittags stoße ich dazu und bringe mein künstlerisches Talent bei besonders anspruchsvollen kosmetischen Eingriffen ein. Vor allem bei kleinen und bekanntermaßen eitlen Klienten wie Meerschweinchen oder Chihuahuas.
Diesen werde ich unter dem Vergrößerungsglas zu einem ästhetisch anspruchsvollen Rosetten-Tattoo verhelfen.
Falls auch dieser Plan scheitern sollte, bleibt mir immerhin noch die Kunst. Und die ist bekanntlich unbezahlbar.
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