Eine groß angelegte Modellstudie aus England kommt zu dem Ergebnis, dass ein erheblicher Teil älterer Menschen, die während der COVID-19-Pandemie starben, ohne eine Infektion voraussichtlich noch mehrere Jahre weitergelebt hätte.
Die Untersuchung wurde auf Basis von Daten des englischen Gesundheitssystems durchgeführt und umfasst eine Kohorte von rund 62 Millionen Einwohnern Englands. Analysiert wurden Personen ab 65 Jahren im Zeitraum von März 2020 bis September 2022. Ziel war es, die sogenannte „Mortality Displacement“-Wirkung – also die durch COVID-19 vorverlagerten Todeszeitpunkte – unter Berücksichtigung individueller Gesundheitsdaten zu modellieren.
Mehrjährige verbleibende Lebenserwartung im Modell
Nach den Berechnungen der Forscher lag die mediane verbleibende Lebenszeit der an oder mit COVID-19 Verstorbenen im Alter ab 65 Jahren bei:
- 4,8 Jahren für Frauen
- 4,4 Jahren für Männer
Die Werte variieren deutlich nach Altersgruppe. In der Gruppe der 65- bis 69-Jährigen ergaben sich im Modell deutlich höhere Restlebenserwartungen als bei hochbetagten Personen über 85 Jahren.
Ein erheblicher Anteil mit mehrjähriger Überlebensperspektive
Die Studie schätzt zudem, dass:
- rund 28 Prozent der Verstorbenen ab 65 Jahren ohne COVID-19 mindestens fünf weitere Jahre überlebt hätten
- bei Frauen zwischen 65 und 74 Jahren dieser Anteil bei etwa zwei Dritteln lag
Die Autoren betonen damit, dass ein relevanter Teil der Todesfälle nicht ausschließlich Personen betraf, die sich bereits in einer unmittelbar terminalen Lebensphase befanden.
Methodischer Ansatz: Simulation individueller Überlebensverläufe
Anders als klassische Berechnungen von „verlorenen Lebensjahren“ basierte die Studie nicht auf allgemeinen Lebenstabellen, sondern auf einem individuellen Modellansatz. Dabei wurden:
- Vorerkrankungen und Gesundheitszustand
- Impfstatus
- Alter und Geschlecht
- sowie pandemiespezifische Risikofaktoren
in ein Simulationsmodell integriert, das das Überleben der Betroffenen mit und ohne COVID-19 gegenüberstellte.
Die Differenz zwischen beiden Szenarien wurde als Maß für die sogenannte Mortalitätsverschiebung interpretiert.
Einordnung der Ergebnisse
Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass die Lebenserwartung vieler älterer COVID-19-Verstorbener ohne Infektion „substanziell“ gewesen wäre. Die Daten sprächen dagegen, dass die Mehrheit der Betroffenen sich bereits in einer sehr nahen Sterbephase befand.
Gleichzeitig betonen sie, dass Alter und Vorerkrankungen weiterhin zentrale Faktoren für die Sterblichkeit blieben und die Ergebnisse auf modellierten Annahmen beruhen.
Einschränkung der Aussagekraft
Die Studie ist eine statistische Simulation auf Basis großer Routinedaten. Sie erlaubt keine Aussagen über individuelle Todeszeitpunkte, sondern beschreibt wahrscheinliche Unterschiede in der Lebenserwartung im Vergleich zu einem hypothetischen Szenario ohne Infektion.
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