Möchten Sie Push-Benachrichtigungen von unserer Zeitung erhalten? Ja Nein, danke
  • 14. Juni 2026 8:55

ME/CFS-Forschung zwischen Ernüchterung und Aufbruch

ByLena Wallner

Mai 27, 2026

Auf internationalen Fachkonferenzen zu ME/CFS ist die Grundspannung inzwischen vertraut: Auf der einen Seite stehen wachsende wissenschaftliche Bemühungen, die Krankheit biologisch greifbar zu machen. Auf der anderen Seite bleibt die therapeutische Bilanz ernüchternd. Auch der jüngste Konferenzüberblick, der anlässlich eines internationalen Treffens von Forschenden veröffentlicht wurde, folgt diesem Muster – allerdings mit einer neuen Qualität der Aufmerksamkeit, die vor allem durch Long Covid entstanden ist.

ME/CFS, das Chronische Fatigue-Syndrom, ist eine Erkrankung, die Betroffene oft vollständig aus dem Alltag reißt. Belastungsintoleranz, anhaltende Erschöpfung, kognitive Störungen und vegetative Symptome prägen das klinische Bild. Trotz dieser Schwere ist die Krankheitsursache bis heute nicht eindeutig geklärt, ebenso fehlen zugelassene kausale Therapien.

Fortschritte in der Grundlagenforschung

Im Zentrum der aktuellen Diskussion steht zunehmend die Frage, ob sich ME/CFS über objektivierbare biologische Marker fassen lässt. In den Forschungsberichten der Konferenz werden Fortschritte in unterschiedlichen Richtungen beschrieben: Hinweise auf immunologische Dysregulationen, mögliche Veränderungen im Energiestoffwechsel sowie neurologische Auffälligkeiten verdichten sich zu einem Bild einer komplexen Multisystemerkrankung.

Die eigentliche Schwierigkeit bleibt jedoch die Einordnung dieser Befunde. Viele der bisherigen Studien arbeiten mit kleinen Fallzahlen und heterogenen Patientengruppen. Damit ist zwar die Richtung der Forschung erkennbar, nicht aber ein konsistentes Gesamtmodell der Erkrankung.

Ernüchterung in klinischen Studien

Deutlich zurückhaltender fällt die Bilanz im Bereich der Therapieentwicklung aus. Mehrere experimentelle Behandlungsansätze, die in den vergangenen Jahren diskutiert wurden, konnten in kontrollierten Studien keinen klaren oder nur sehr begrenzten Nutzen zeigen.

Für die Forschungsgemeinschaft ist das kein unerwartetes Ergebnis, wohl aber ein schmerzhafter Realitätscheck. Denn gerade in einem Feld ohne etablierte Standardtherapie sind die Erwartungen an neue Ansätze entsprechend hoch. Die Datenlage zwingt nun jedoch zu einer stärkeren Fokussierung auf methodisch saubere, größere und besser kontrollierte Studien.

Long Covid als Katalysator

Eine zentrale Verschiebung der letzten Jahre zeigt sich in der wachsenden Bedeutung postviraler Syndrome im Anschluss an Covid-19. Viele Forschende sehen in Long Covid nicht nur eine parallele Erkrankung, sondern einen entscheidenden Impuls für die ME/CFS-Forschung insgesamt.

Die erhöhte Zahl Betroffener hat das Thema aus der medizinischen Nische herausgeführt. Gleichzeitig wächst der Druck, diagnostische Kriterien zu präzisieren und Versorgungstrukturen auszubauen. Forschung und Versorgung werden damit enger miteinander verknüpft als noch vor wenigen Jahren.

Zwischen wissenschaftlicher Normalisierung und offener Lücke

Auffällig ist, dass sich das Forschungsfeld inzwischen stärker institutionalisiert hat. Universitäten, Forschungsnetzwerke und öffentliche Geldgeber sind zunehmend beteiligt. Damit nähert sich ME/CFS langsam dem Status anderer komplexer chronischer Erkrankungen an, die ebenfalls lange Zeit unterhalb der wissenschaftlichen Aufmerksamkeitsschwelle lagen.

Gleichzeitig bleibt die Versorgungssituation vieler Patientinnen und Patienten prekär. Diagnosen erfolgen häufig spät, spezialisierte Behandlungsangebote sind in vielen Ländern nur punktuell vorhanden. Der Abstand zwischen wissenschaftlichem Fortschritt und klinischer Realität ist nach wie vor groß.

Der Konferenzüberblick zeichnet kein Bild des Durchbruchs, aber eines der Bewegung. Die Forschung zu ME/CFS hat ihre Phase der Randständigkeit verlassen, ohne bereits in eine Phase gesicherter therapeutischer Antworten eingetreten zu sein. Zwischen diesen beiden Zuständen liegt derzeit das eigentliche Spannungsfeld des Fachgebiets: mehr Wissen über mögliche Mechanismen – aber noch kein Weg zu einer verlässlichen Behandlung.

Der vorsichtige Optimismus, der in den Berichten mitschwingt, speist sich daher weniger aus konkreten Erfolgen als aus einer strukturellen Veränderung: ME/CFS ist endgültig im Zentrum der biomedizinischen Forschung angekommen. Die therapeutischen Konsequenzen dieser Entwicklung stehen jedoch weiterhin aus.

Wenn Sie einen Fehler entdecken, der Ihrer Meinung nach korrigiert werden sollte, teilen Sie ihn uns bitte mit, indem Sie an feedback@dmz-news.online schreiben. Wir sind bestrebt, eventuelle Fehler zeitnah zu korrigieren, und Ihre Mitarbeit erleichtert uns diesen Prozess erheblich.

Bitte geben Sie in Ihrer E-Mail die folgenden Informationen sachlich an: Ort des Fehlers: Geben Sie uns die genaue URL/Webadresse an, unter der Sie den Fehler gefunden haben.

Beschreibung des Fehlers:

Teilen Sie uns bitte präzise mit, welche Angaben oder Textpassagen Ihrer Meinung nach korrigiert werden sollten und auf welche Weise. Wir sind offen für Ihre sinnvollen Vorschläge.

Belege: Idealerweise fügen Sie Ihrer Nachricht Belege für Ihre Aussagen hinzu, wie beispielsweise Webadressen. Das erleichtert es uns, Ihre Fehler- oder Korrekturhinweise zu überprüfen und die Korrektur möglichst schnell durchzuführen. Wir prüfen eingegangene Fehler- und Korrekturhinweise so schnell wie möglich.

Vielen Dank für Ihr konstruktives Feedback!

Seit unserer Gründung setzt sich die DMZ dafür ein, dass verlässliche Informationen für alle zugänglich sind. In einer Zeit, in der Desinformation und soziale Medien die Nachrichtenlandschaft prägen, ist unabhängiger Journalismus wichtiger denn je.

Wir glauben daran, dass jede:r das Recht hat, faktenbasierte, hochwertige Nachrichten zu erhalten – ohne Paywall und ohne Unterbrechungen. Unser Ziel ist es, Journalismus zu machen, der informiert, erklärt und Vertrauen schafft.

Unsere Leser:innen sind das Herzstück dieser Arbeit. Nur durch Ihre Unterstützung können wir weiterhin unabhängig, kritisch und engagiert berichten. Jeder Beitrag – egal wie klein – hilft uns, dieses Ziel zu erreichen.

Helfen Sie mit, Journalismus frei zugänglich zu halten. Unterstützen Sie die DMZ noch heute.

By Lena Wallner

Lena Wallner ist Journalistin und behandelt vor allem politische und gesellschaftliche Themen. Sie schreibt über aktuelle Entwicklungen und gesellschaftliche Zusammenhänge. Ihre Texte zeichnen sich durch ein ausgezeichnetes Netzwerk und die Einbindung relevanter Quellen aus.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert