Es sind Zahlen, die zunächst nüchtern wirken, im Detail aber eine deutliche Bewegung zeigen: In der Schweiz ist die Zahl der Kulturschaffenden 2025 gegenüber dem Vorjahr um 4,8 Prozent zurückgegangen. Das Bundesamt für Statistik spricht von einer Entwicklung, die in ihrer Größenordnung an die Einbrüche während der Covid-19-Pandemie erinnert.
Besonders deutlich zeigt sich der Rückgang dort, wo Kultur unmittelbar produziert wird. Bei Personen, die innerhalb des Kultursektors in Kulturberufen tätig sind – etwa Musiker, Schauspieler oder Kuratoren –, beträgt das Minus 7,8 Prozent. Es ist damit die am stärksten betroffene Gruppe innerhalb der Kulturwirtschaft.
Auch entlang anderer Linien verläuft der Rückgang ungleich. Männer sind stärker betroffen als Frauen, Schweizer Staatsangehörige stärker als ausländische Kulturschaffende. Regional fällt die Entwicklung in der lateinischen Schweiz ausgeprägter aus als in der Deutschschweiz. Es ist kein gleichmäßiges Schrumpfen, sondern ein sichtbar differenzierter Rückgang über Berufsgruppen und Regionen hinweg.
Die Statistik beschreibt die Kulturwirtschaft dabei in einer bemerkenswert technischen Logik: Kulturberufe innerhalb und außerhalb des Kultursektors, Beschäftigte im Kulturbereich ohne Kulturberuf. Hinter dieser Einteilung steht eine Realität, die längst fragmentiert ist – zwischen institutioneller Anstellung, projektbasierter Arbeit und freier Tätigkeit.
Parallel zum Beschäftigungsrückgang zeigt sich ein zweiter Befund, der weniger konjunkturell als strukturell wirkt: die finanzielle Unzufriedenheit. Mehr als ein Viertel der Kulturschaffenden (26,6 Prozent) gibt an, mit ihrer wirtschaftlichen Situation wenig oder gar nicht zufrieden zu sein. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung (20,1 Prozent) bleibt damit eine deutliche Differenz bestehen.
Das Bundesamt für Statistik verweist zudem darauf, dass die Entwicklung in eine Phase fällt, in der die Kulturwirtschaft nach den pandemiebedingten Verwerfungen ohnehin noch nicht vollständig stabilisiert war. Der erneute Rückgang verstärkt damit den Eindruck einer Branche, die sich nur begrenzt von externen Schocks entkoppeln kann.
Ein Blick nach Deutschland und Österreich zeigt ein anderes institutionelles Umfeld. Beide Länder verfügen über ein stark ausgebautes System öffentlicher Kulturförderung mit Theatern, Opernhäusern und Museen als festen Bestandteilen der kommunalen und staatlichen Infrastruktur. Diese Strukturen sorgen einerseits für Stabilität, machen den Kultursektor aber zugleich stark abhängig von öffentlichen Haushaltsentscheidungen.
Kulturökonomische Studien weisen seit Jahren darauf hin, dass diese Form der Finanzierung zwei Seiten hat: Sie sichert Produktion unabhängig von Marktnachfrage, kann aber zugleich dazu führen, dass sich Strukturen verfestigen und Anpassungsdruck geringer ausfällt als in stärker marktorientierten Bereichen.
Die Schweizer Zahlen liefern in diesem Zusammenhang keinen Beleg für eine solche These, aber sie verschärfen die Frage nach der Resilienz des Systems. Wenn Beschäftigung zurückgeht und zugleich die wirtschaftliche Zufriedenheit niedrig bleibt, dann ist das kein kurzfristiger Ausschlag mehr, sondern ein Hinweis auf anhaltende Spannungen im Modell kultureller Arbeit.
Der Rückgang selbst erklärt diese Spannungen nicht. Aber er macht sie sichtbar.
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