KOMMENTAR
Der Weltklimarat ordnet das Szenario RCP8.5 neu ein und bewertet es als sehr unwahrscheinlich. Eine wissenschaftliche Korridoranalyse wird damit angepasst, weil sich die zugrunde liegenden Annahmen verändert haben. Ausgangspunkt war ein „No Policy“-Szenario, also die Annahme, dass keinerlei zusätzliche Klimapolitik erfolgt und etwa die Kohlenutzung ungebremst weiter wächst. Dieses Szenario kann in dieser Form entfallen, da sich eben doch politische Maßnahmen ergeben haben – möglicherweise sogar teilweise im Zusammenhang mit der Existenz genau solcher Szenarien wie RCP8.5.
Das ist Teil des wissenschaftlichen Vorgehens bei Korridoranalysen: Man beginnt bewusst breit und verengt den Korridor mit zunehmender Erkenntnis. Wenn der ursprüngliche Korridor nicht verlassen, sondern präzisiert wird, spricht das für die Qualität des methodischen Ansatzes. Dieser Prozess wird sich auch in Zukunft fortsetzen, insbesondere bei sehr langen Zeithorizonten, bei denen sich die Bandbreite der möglichen Entwicklungen erneut erweitern kann.
Gleichzeitig führt diese Entwicklung zu deutlichen Missverständnissen in der öffentlichen Debatte. Teile der Diskussion reagieren darauf mit stark vereinfachten oder zugespitzten Interpretationen der Szenarienlogik.
Ein Beispiel dafür ist die ehemalige Ministerin Schröder, die Begriffe wie „Apokalypse“ verwendet und behauptet hat, RCP8.5 sei als „falsch enttarnt“ worden. Diese Darstellung ist in dieser Form nicht zutreffend. RCP8.5 bleibt ein korrekt konstruiertes Szenario, dessen zugrunde liegende Annahmen derzeit lediglich als weniger wahrscheinlich gelten. Szenarienlogik folgt hier dem Prinzip: Ein „Wenn … dann …“-Modell wird nicht dadurch falsch, dass das „Wenn“ zunehmend unwahrscheinlich wird.
Solche Missverständnisse treten häufiger auf, wenn unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen und politische Debatten aufeinandertreffen und dabei methodische Unterschiede nicht ausreichend berücksichtigt werden.
Auch wirtschaftspolitische Ableitungen, etwa zur „Deindustrialisierung“ im Zusammenhang mit Klimaszenarien, beruhen häufig auf sehr vereinfachten Kausalannahmen. Forderungen nach einer „Reindustrialisierung“ im Sinne eines Zurückstellens von Klimazielen greifen dabei oft zu kurz.
Gleichzeitig ist festzustellen, dass Deutschland im Bereich moderner Energietechnologien im internationalen Vergleich an Wettbewerbsfähigkeit verliert und sich diese Entwicklung eher beschleunigt als verlangsamt hat. Dies kann ebenfalls als Argument dafür gesehen werden, technologische und industrielle Transformationen mit höherem Tempo voranzutreiben, um internationale Anschlussfähigkeit zu sichern.
Die öffentliche Klimadebatte ist dabei häufig von stark vereinfachten Deutungsmustern geprägt, in denen komplexe Zusammenhänge auf wenige politische Narrative reduziert werden. Diese Verkürzungen erschweren eine sachliche Diskussion.
Abschließend sei noch darauf hingewiesen, dass der IPCC auch die unteren Szenarien SSP1-1.9 und SSP1-2.6 weiter präzisiert hat. Dabei wird unter anderem deutlich, dass diese Pfade nur dann erreichbar bleiben, wenn ab etwa 2050 negative Emissionen in relevantem Umfang realisiert werden, also nicht nur eine Reduktion auf Netto-Null, sondern zusätzlich CO₂-Entnahme und Speicherung erforderlich wären.
Wenn, dann …
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