Ein Forschungsteam aus Seattle hat in präklinischen Studien einen vielversprechenden Weg gefunden, das Epstein-Barr-Virus (EBV) bereits am Eindringen in menschliche Zellen zu hindern. Das Virus, das Schätzungen zufolge etwa 95 Prozent der Weltbevölkerung infiziert hat, könnte damit erstmals gezielt in Schach gehalten werden – noch bevor es sich im Körper einnistet.
EBV ist ein Meister der Unauffälligkeit. Die meisten Menschen stecken sich schon in Kindheit oder Jugend über den Speichel an, oft ohne es überhaupt zu merken oder lediglich mit einem harmlos wirkenden Pfeifferschen Drüsenfieber. Danach bleibt das Herpesvirus lebenslang im Körper, versteckt in bestimmten Immunzellen. Unter bestimmten Umständen reaktiviert es sich und wird zunehmend mit ernsthaften Erkrankungen in Verbindung gebracht – von bestimmten Lymphomen bis hin zu Autoimmunkrankheiten wie Multipler Sklerose, Lupus oder rheumatoider Arthritis.
Statt das Virus nach einer Infektion zu bekämpfen, setzt das Team vom Fred Hutchinson Cancer Center und der University of Washington auf Prävention. Die Wissenschaftler haben monoklonale Antikörper entwickelt, die gezielt an zwei wichtige Oberflächenproteine des Virus binden: gp350 und vor allem gp42. Diese Proteine fungieren quasi als Schlüssel, mit denen EBV an B-Zellen andockt und in sie eindringt.
In „humanisierten“ Mausmodellen, deren Immunsystem teilweise aus menschlichen Zellen besteht, zeigte besonders ein Antikörper gegen gp42 eine bemerkenswerte Wirkung: Keines der behandelten Tiere wies nach der Virusexposition eine nachweisbare Infektion auf. In der unbehandelten Kontrollgruppe hingegen infizierten sich die meisten Mäuse.
Die Botschaft ist klar: Der Ansatz wirkt vor allem vorbeugend. Bereits latent im Körper vorhandenes Virus konnte er nicht eliminieren – was niemanden überrascht, aber wichtig zu betonen ist. Für die rund 95 Prozent bereits Infizierten ändert sich damit vorerst nichts.
Besonderes Potenzial hat der Ansatz bei stark immungeschwächten Patienten, etwa nach Organ- oder Stammzelltransplantationen. Bei ihnen kann eine EBV-Reaktivierung zum gefürchteten posttransplantativen lymphoproliferativen Syndrom führen, das mitunter lebensbedrohlich verläuft. Wirksame Mittel gibt es bisher nur wenige.
Die Arbeitsgruppe arbeitet bereits daran, die Antikörper für den Einsatz beim Menschen weiterzuentwickeln. Zunächst sind Sicherheitsstudien an gesunden Probanden geplant. Ob der Sprung vom erfolgreichen Mausmodell in die klinische Realität gelingt, bleibt allerdings offen. Die Medizingeschichte ist voll von vielversprechenden Ansätzen, die im Tierversuch brillierten und später scheiterten.
Dennoch ist die Studie ein interessantes Signal. Sie zeigt, dass selbst bei einem so alten und weitverbreiteten Begleiter der Menschheit wie dem Epstein-Barr-Virus noch innovative Ansätze möglich sind – und dass die Immuntherapie auch in der Virologie immer wichtiger wird.
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