Eine aktuelle Untersuchung aus Leipzig liefert neue Einblicke in die anhaltenden Folgen von COVID-19. Auch rund neun Monate nach einer SARS-CoV-2-Infektion zeigen Betroffene Hinweise auf eine gestörte Funktion der Blutgefäßinnenhaut (Endothel) und Veränderungen im Stoffwechsel – unabhängig davon, ob sie unter dem Post-COVID-Syndrom (PCS) leiden oder nicht. Die Ergebnisse wurden am 13. Mai 2026 in der Fachzeitschrift Scientific Reports veröffentlicht.
Was ist das Post-COVID-Syndrom?
Das Post-COVID-Syndrom beschreibt laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) Beschwerden, die mindestens drei Monate nach der Infektion weiter bestehen, länger als zwei Monate andauern und nicht durch andere Erkrankungen erklärbar sind. Typische Symptome sind anhaltende Erschöpfung (Fatigue), Konzentrationsstörungen, Atemnot oder neuropsychiatrische Probleme. Die Diagnose stützt sich bisher vor allem auf die geschilderten Beschwerden – objektive Biomarker fehlten weitgehend.
Die Studie im Überblick
Forschende um Ronald Biemann und Kollegen von der Universität Leipzig untersuchten Blutproben von insgesamt über 250 Teilnehmern. Dazu gehörten:
- Personen mit früherer Corona-Infektion, die unter Post-COVID-Symptomen litten (vor allem aus einer Spezialambulanz)
- Infizierte ohne oder mit nur leichten anhaltenden Beschwerden (aus einer bevölkerungsbasierten Kohorte)
- Eine Kontrollgruppe ohne dokumentierte SARS-CoV-2-Infektion
Die Blutentnahmen erfolgten im Median 37,4 Wochen (rund neun Monate) nach der Infektion. Die Wissenschaftler analysierten Marker für Endothelfunktion sowie zahlreiche Stoffwechselprodukte (Aminosäuren, Fettsäuren, Carnitine, Entzündungsmediatoren).
Wichtige Ergebnisse
Endotheliale Dysfunktion: Bei Personen mit früherer Infektion waren die Werte von löslichem Thrombomodulin (sTM) und Laktatdehydrogenase (LDH) signifikant erhöht – unabhängig vom Vorliegen eines Post-COVID-Syndroms. Thrombomodulin gilt als Marker für Schäden an der Gefäßinnenhaut.
Stickstoffmonoxid (NO)-Stoffwechsel gestört: Es zeigten sich Veränderungen im Arginin-Stoffwechsel und im Taurin-/Hypotaurin-Stoffwechsel. NO ist ein wichtiger Botenstoff für die Gefäßerweiterung und -schutz. Eine Störung hier kann zu Durchblutungsproblemen und Entzündungen beitragen.
Fatigue und Fettsäuren: Bei Teilnehmern mit besonders starker Erschöpfung (hohe Werte im Multidimensional Fatigue Inventory) fanden sich höhere Konzentrationen bestimmter Fettsäuren – darunter die mehrfach ungesättigte Linolsäure sowie die einfach ungesättigten Ölsäure und Palmitoleinsäure. Dies deutet auf weitere metabolische Verschiebungen hin, die möglicherweise mit der Schwere der Fatigue zusammenhängen.
Die Veränderungen waren auch bei Infizierten ohne starke Symptome nachweisbar, was darauf hindeutet, dass subklinische (nicht sofort spürbare) Folgen der Infektion weiter verbreitet sein könnten.
Einordnung der Ergebnisse
Die Studie ist vergleichsweise gut kontrolliert und enthält eine nicht-infizierte Vergleichsgruppe. Sie unterstreicht, dass COVID-19 nicht nur eine akute Lungenkrankheit ist, sondern das Gefäß- und Stoffwechselsystem langfristig beeinflussen kann. Ähnliche Beobachtungen zu anhaltender Entzündung und metabolischen Störungen gab es bereits in kleineren Studien – die Leipziger Arbeit liefert jedoch breitere Daten und differenziert nach Fatigue-Schwere.
Wichtig: Die Ergebnisse zeigen Assoziationen, keine direkten Ursache-Wirkungs-Beziehungen. Es ist noch unklar, ob und bei wem diese Veränderungen klinisch relevant werden oder wieder abklingen. Die Teilnehmer stammen aus einer bestimmten Region und Zeit (2021/2022, frühe Varianten), was die Übertragbarkeit auf aktuelle Omikron-Nachwirkungen oder Geimpfte einschränken könnte.
Was bedeutet das für Betroffene und die Medizin?
Die Studie unterstützt die Suche nach objektiven Biomarkern für Post-COVID. Solche Marker könnten künftig helfen, die Erkrankung besser zu diagnostizieren, Schweregrade einzuschätzen und gezielte Therapien zu entwickeln – etwa Substanzen, die die Gefäßfunktion oder den Energiestoffwechsel unterstützen.
Für Betroffene bleibt die Botschaft ambivalent: Die anhaltenden Symptome haben eine messbare biologische Grundlage – das ist einerseits entlastend, weil es die Beschwerden „real“ macht. Andererseits zeigt es, dass Geduld und eine gute interdisziplinäre Betreuung weiter wichtig sind. Lebensstilmaßnahmen wie moderater Sport (soweit verträglich), ausreichend Schlaf und eine entzündungshemmende Ernährung werden in der Nachsorge oft empfohlen.
Weitere Langzeitstudien
Weitere Langzeitstudien mit größeren Kohorten und neueren Virusvarianten sind nötig. Dennoch trägt diese Arbeit dazu bei, Post-COVID aus dem Bereich des „nur psychisch“ oder „nicht messbar“ herauszuholen und als ernstzunehmende medizinische Herausforderung zu etablieren.
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