Zürich – Ein unabhängiger Untersuchungsbericht hat gravierende Probleme in der Herzchirurgie des Universitätsspitals Zürich (USZ) in den Jahren 2016 bis 2020 ans Licht gebracht. Unter der Leitung von Francesco Maisano starben deutlich mehr Patienten als statistisch zu erwarten gewesen wäre. Das Spital selbst geht von 68 bis 74 möglicherweise vermeidbaren Todesfällen bei rund 4500 Operationen aus.
Die von Ex-Bundesrichter Niklaus Oberholzer geleitete Kommission hat die Zahlen mit mehreren unabhängigen Methoden überprüft, darunter risikobereinigte Vergleiche mit anderen Schweizer Universitätsspitälern und dem etablierten EuroSCORE II. Die Ergebnisse wurden Anfang Mai 2026 vorgestellt.
Die zentralen Befunde
Über den gesamten Zeitraum hinweg zeigte sich eine wiederkehrende Übersterblichkeit. Bei der detaillierten Untersuchung von 307 Todesfällen stuften die Experten elf als „nicht erwartbar“ und weitere 64 als „eher nicht erwartbar“ ein. Zudem wurden 75 Operationen als aus heutiger Sicht problematisch bewertet.
Besondere Aufmerksamkeit galt dem Einsatz des Cardioband, eines minimalinvasiven Implantats zur Behandlung der Trikuspidalklappeninsuffizienz, das Maisano selbst mitentwickelt hat. Es wurde bei 43 Patienten eingesetzt. In 13 Fällen kamen die Prüfer zum Schluss, dass der Einsatz nicht angemessen war – eine konventionelle Operation hätte diesen Patienten wahrscheinlich bessere Chancen geboten. Ein direkter kausaler Zusammenhang zwischen dem Implantat und einzelnen Todesfällen ließ sich allerdings nicht herstellen.
Interessenkonflikte und unzureichende Aufklärung
Der Bericht kritisiert auch, dass Patienten nicht immer umfassend über Risiken, mögliche Alternativen und bestehende Interessenkonflikte aufgeklärt wurden. Maisano war als Entwickler und Patentinhaber mehrerer innovativer Verfahren (darunter Cardioband und Cardiovalve) wirtschaftlich an diesen Produkten beteiligt. Gleichzeitig nahm er zahlreiche Nebenaufgaben wahr, die ihn zeitweise an deutlich mehr als einem Drittel der Arbeitstage vom Spital fernhielten.
Führungsversagen und verspätete Reaktion
Schon bei der Berufung Maisanos 2014 wurden offenbar wichtige Fragen zur Managementerfahrung und zu seinen Interessenbindungen nicht ausreichend geprüft. Ab 2017 war der Spitalleitung die erhöhte Sterblichkeit bekannt. Externe Audits brachten vorübergehend Besserung, doch die grundlegenden Probleme blieben bestehen. Auch eine Whistleblower-Meldung Ende 2019 führte nicht zu den notwendigen Konsequenzen. Die Kommission spricht von einer zu zögerlichen Haltung der Spitalleitung und einer unzureichenden Aufsicht durch den Spitalrat.
Heute: Wieder Normalbetrieb
Unter dem neuen Klinikleiter Omer Dzemali hat sich die Lage deutlich beruhigt. Die Mortalitätsraten liegen inzwischen wieder im internationalen Vergleichsbereich. Das Spital hat über hundert Massnahmen ergriffen, darunter strengere Regeln für Interessenkonflikte und bessere Qualitätssicherung.
Eine Lehre für die Hochleistungsmedizin
Der Fall Maisano zeigt, wie schwierig es ist, in der modernen Herzchirurgie Innovation und Patientensicherheit in Einklang zu bringen. Neue Verfahren bergen Chancen, aber auch Risiken – und sie verlangen besonders hohe Sorgfalt bei der Indikationsstellung und der Aufklärung der Betroffenen.
Für die Angehörigen der verstorbenen Patienten kommen alle Erkenntnisse zu spät. Für das Universitätsspital Zürich ist der Bericht ein schmerzhafter, aber notwendiger Schritt der Aufarbeitung. Ob und in welchem Umfang es zu strafrechtlichen Konsequenzen kommt, wird nun die Staatsanwaltschaft klären müssen.
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