In Österreich steht die Begutachtungspraxis der Pensionsversicherungsanstalt (PVA) erneut in der Kritik. Interne Schulungsunterlagen für ärztliche Gutachter enthalten Literaturhinweise zu ME/CFS und dem Post-Covid-Syndrom, die von Fachleuten als veraltet oder nicht mehr dem aktuellen Stand der Forschung entsprechend bewertet werden.
Die dem Rechercheteam von ORF, APA und dem Magazin „Dossier“ vorliegenden Unterlagen stammen aus einem ÖBAK-Lehrgang zur (Re-)Zertifizierung von Gutachtern im Fach Psychiatrie aus dem Jahr 2025. Es handelt sich um eine 13-seitige PowerPoint-Präsentation, in der unter anderem die inzwischen überholte Diagnose „Neurasthenie“ (Nervenschwäche) im Zusammenhang mit ME/CFS erwähnt wird. Kritiker bemängeln, dass die verwendete Literatur die Erkrankungen tendenziell stärker dem psychischen Bereich zuordnet, als es dem aktuellen wissenschaftlichen Konsens entspricht.
Betroffene warnen davor, dass solche Inhalte die Einschätzung der Arbeitsfähigkeit sowie den Zugang zu Leistungen wie Invaliditäts- oder Berufsunfähigkeitspension oder Rehageld beeinflussen könnten. Bereits eine frühere Recherche von ORF, APA und Dossier hatte bei der Auswertung von 124 PVA-Gutachten auf hohe Ablehnungsquoten und häufige Umdeutungen in psychische Diagnosen hingewiesen.
Sozialministerin fordert Aufklärung
Sozialministerin Korinna Schumann (SPÖ) hat nach Bekanntwerden der Unterlagen eine umfassende Prüfung angekündigt. Sie habe sowohl mit PVA-Generaldirektor Winfried Pinggera als auch mit PVA-Obmann Peter Schleinbach telefoniert und „volle Aufklärung“ verlangt. Laut Ministerium wurde zugesichert, dass die betroffenen Unterlagen nicht mehr verwendet und die kritisierten Literaturhinweise entfernt wurden.
Schumann plant zudem Gespräche mit ME/CFS- und Post-Covid-Expertinnen, darunter Vertreterinnen des Nationalen Referenzzentrums für Postvirale Syndrome an der MedUni Wien, um die wissenschaftlichen Grundlagen der Begutachtung zu stärken.
Auch die PVA teilte mit, die beanstandeten Materialien seien bereits aus dem Umlauf genommen worden.
Opposition sieht Systemproblem
FPÖ-Behindertensprecher Christian Ragger sprach von einem „Skandal im Gutachtersystem“ und kritisierte die Selbstverwaltung der PVA als „selbstgefälligen Machtapparat“. Der grüne Gesundheitssprecher Ralph Schallmeiner sieht ein „strukturelles Systemproblem mit massiven Folgen für Tausende Betroffene“ und fordert die vollständige Offenlegung aller aktuellen und früheren Schulungsunterlagen der ÖBAK.
Der Fall wirft erneut die Frage auf, wie gut das Gutachtensystem der Sozialversicherungen wissenschaftlich abgesichert ist. Für viele Betroffene von ME/CFS und Post-Covid sind die Entscheidungen der PVA existenziell – sie betreffen finanzielle Absicherung und Lebensqualität.
Ob die angekündigten Gespräche zu strukturellen Änderungen führen, bleibt offen. Der politische und öffentliche Druck auf PVA und ÖBAK hat zuletzt deutlich zugenommen.
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