St. Gallen – Aggressive Hirntumore wie Astrozytome gehören zu den schwierigsten Krebsarten. Sie wachsen diffus ins gesunde Gewebe ein, lassen sich oft nicht vollständig entfernen und kehren bei rund 70 Prozent der Patientinnen und Patienten zurück. Die Fünf-Jahres-Überlebensrate liegt bei etwa fünf Prozent. Ein Forschungsteam aus St. Gallen arbeitet nun an einem neuen Ansatz, um verbliebene Tumorzellen gezielter zu bekämpfen – mithilfe winziger, lichtaktivierbarer Nanopartikel, sogenannter Nanozyme.
Das Grundproblem ist bekannt: Die Blut-Hirn-Schranke schützt das Gehirn zwar vor schädlichen Substanzen, verhindert aber gleichzeitig, dass viele Medikamente den Tumor erreichen. Selbst nach Operation, Bestrahlung und Chemotherapie bleiben häufig mikroskopisch kleine Tumorreste zurück, die später zu Rückfällen führen.
Ein interdisziplinäres Team der Empa und des Spitalverbunds HOCH Health Ostschweiz will genau diese Hürde überwinden. Die Idee: Die Nanozyme werden direkt während der neurochirurgischen Operation in das betroffene Gewebe eingebracht. Aufgrund ihrer extrem geringen Größe können sie mehrere Millimeter tief ins Hirngewebe eindringen – auch in Bereiche, die chirurgisch nicht mehr sicher erreichbar sind.
„Die Nanozyme sollen sich bevorzugt im Tumorgewebe anreichern, weil Krebszellen einen deutlich höheren Stoffwechsel haben als gesunde Zellen“, erklärt Empa-Forscher Giacomo Reina. Anschließend sollen sie von außen mit Nah-Infrarotlicht aktiviert werden. Je nach Einstellung können sie dabei reaktive Sauerstoffverbindungen erzeugen, die Tumorzellen schädigen, oder inaktive Wirkstoffe direkt im Gewebe aktivieren.

Im «Nanomaterials in Health» Labor der Empa in St. Gallen untersuchen die Forschenden die Anti-Tumor-Wirkung von Nanozymen anhand von komplexen menschlichen Zellmodellen wie Organoiden und «Organ-on-Chip»-Systemen. Das Bild zeigt die 3D-Zellkultur eines Astrozytoms. Die Zellen (Grün: Lebende Zellen, Rot: Zelluntergang, Blau: Zellkerne) werden für die Erforschung von Therapien für die personalisierte Medizin eingesetzt. — © Selina Camenisch/Empa
Auch die Neurochirurgin Isabel Hostettler, die das Projekt gemeinsam mit Reina leitet, sieht vor allem Potenzial in der Behandlung verbliebener Tumorzellen nach der Operation. Ob sich damit Rückfälle langfristig verhindern lassen – auch bei therapieresistenten Tumoren – ist jedoch noch offen.
Das Projekt ist auf vier Jahre angelegt und wird durch mehrere Stiftungen finanziert, darunter die Hedy Glor-Meyer Stiftung und die Swiss Cancer Foundation. Ziel ist ein minimalinvasives Verfahren, das bestehende Therapien ergänzen und später in klinische Studien überführt werden könnte.
Fachleute weisen darauf hin, dass sich die Technologie noch in einem frühen Entwicklungsstadium befindet. Vor einer möglichen Anwendung am Patienten müssen unter anderem die langfristige Verträglichkeit der Partikel, ihre Steuerbarkeit im lebenden Gehirn sowie Sicherheitsfragen umfassend geklärt werden.
Sollte sich der Ansatz bewähren, könnte er nicht nur bei Astrozytomen, sondern auch bei anderen Tumoren des zentralen Nervensystems eine Rolle spielen. Für Betroffene wäre es ein weiterer Schritt hin zu präziseren und schonenderen Behandlungsmöglichkeiten in einem Feld, in dem Fortschritte bislang nur langsam erzielt wurden.
Fehler- und Korrekturhinweise
Wenn Sie einen Fehler entdecken, der Ihrer Meinung nach korrigiert werden sollte, teilen Sie ihn uns bitte mit, indem Sie an feedback@dmz-news.online schreiben. Wir sind bestrebt, eventuelle Fehler zeitnah zu korrigieren, und Ihre Mitarbeit erleichtert uns diesen Prozess erheblich.
Bitte geben Sie in Ihrer E-Mail die folgenden Informationen sachlich an: Ort des Fehlers: Geben Sie uns die genaue URL/Webadresse an, unter der Sie den Fehler gefunden haben.
Beschreibung des Fehlers:
Teilen Sie uns bitte präzise mit, welche Angaben oder Textpassagen Ihrer Meinung nach korrigiert werden sollten und auf welche Weise. Wir sind offen für Ihre sinnvollen Vorschläge.
Belege: Idealerweise fügen Sie Ihrer Nachricht Belege für Ihre Aussagen hinzu, wie beispielsweise Webadressen. Das erleichtert es uns, Ihre Fehler- oder Korrekturhinweise zu überprüfen und die Korrektur möglichst schnell durchzuführen. Wir prüfen eingegangene Fehler- und Korrekturhinweise so schnell wie möglich.
Vielen Dank für Ihr konstruktives Feedback!
Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus
Seit unserer Gründung setzt sich die DMZ dafür ein, dass verlässliche Informationen für alle zugänglich sind. In einer Zeit, in der Desinformation und soziale Medien die Nachrichtenlandschaft prägen, ist unabhängiger Journalismus wichtiger denn je.
Wir glauben daran, dass jede:r das Recht hat, faktenbasierte, hochwertige Nachrichten zu erhalten – ohne Paywall und ohne Unterbrechungen. Unser Ziel ist es, Journalismus zu machen, der informiert, erklärt und Vertrauen schafft.
Unsere Leserinnen und Leser sind das Herzstück dieser Arbeit. Nur durch Ihre Unterstützung können wir weiterhin unabhängig, kritisch und engagiert berichten. Jeder Beitrag – egal wie klein – hilft uns, dieses Ziel zu erreichen.
Helfen Sie mit, Journalismus frei zugänglich zu halten. Unterstützen Sie die DMZ noch heute.
