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  • 16. Mai 2026 9:55

Radikaler Umbau mit ungewissem Ausgang: Argentiniens Wirtschaft unter Javier Milei

BySarah Koller

Apr. 19, 2026

Als Javier Milei Ende 2023 das Präsidentenamt übernahm, setzte er auf einen der radikalsten wirtschaftspolitischen Brüche der jüngeren Zeit. Symbolisch verkörpert durch die „Kettensäge“ kündigte er einen tiefgreifenden Rückbau des Staates, umfassende Deregulierung und eine konsequente Marktöffnung an. Zwei Jahre später zeigt sich ein ambivalentes Bild: makroökonomische Stabilisierung auf der einen Seite, anhaltende strukturelle und soziale Verwerfungen auf der anderen.

Schocktherapie als staatliches Leitprinzip

Mileis Politik folgt einer klaren Diagnose: Der Staat selbst sei die zentrale Ursache der wirtschaftlichen Krise. Daraus leitete die Regierung ein umfassendes Spar- und Liberalisierungsprogramm ab. Subventionen für Energie und Verkehr wurden deutlich reduziert, tausende öffentliche Stellen abgebaut und zahlreiche Behörden geschlossen.

Parallel dazu erfolgte eine weitreichende Deregulierung. Hunderte Vorschriften wurden gestrichen oder überarbeitet, Investitionsbedingungen gelockert und der Arbeitsmarkt flexibilisiert. Ziel war eine Reallokation hin zu privaten Investitionen und langfristigem Wachstum.

Auch die Geld- und Fiskalpolitik wurde drastisch restrukturiert. Strikte Haushaltsdisziplin und geldpolitische Straffung zielten auf die Bekämpfung einer Inflation, die bei Amtsantritt bei über 200 Prozent lag. Innerhalb von zwei Jahren fiel sie auf rund 31 bis 33 Prozent – ein signifikanter, wenn auch noch unvollständiger Rückgang.

Makroökonomische Stabilisierung – mit begrenzter Tiefe

Auf makroökonomischer Ebene lassen sich erste Erfolge erkennen. Der Staatshaushalt wurde konsolidiert und weist erstmals seit Jahren wieder Überschüsse aus. Die Inflationsdynamik wurde deutlich gebremst.

Reformen wie steuerliche Vereinfachungen und Investitionsanreize – darunter das RIGI-Regime – sollen zusätzliche Wachstumsimpulse setzen. Internationale Beobachter verweisen zudem auf eine gestiegene wirtschaftspolitische Glaubwürdigkeit, nach Jahren chronischer Instabilität.

Das reale BIP wuchs 2025 um rund 4,4 Prozent, nachdem die Wirtschaft im Jahr 2024 noch um etwa 1,3 bis 1,7 Prozent geschrumpft war. Die Erholung bleibt damit jedoch teilweise eine statistische Gegenbewegung nach einem vorangegangenen Einbruch.

Realwirtschaft: Divergenz statt breiter Erholung

Unter der Oberfläche zeigt sich ein deutlich heterogeneres Bild. Die industrielle Produktion ist in den zwei Jahren seit Amtsantritt im Durchschnitt um 7,9 Prozent zurückgegangen – einer der stärksten Rückgänge im internationalen Vergleich. Über 2.000 Industrieunternehmen haben geschlossen, rund 73.000 Arbeitsplätze gingen verloren. Die Kapazitätsauslastung lag Ende 2025 bei nur noch 53,8 Prozent.

Die Binnenwirtschaft reagierte entsprechend sensibel auf die Kombination aus Austerität und Deregulierung. Reallöhne sanken in der Übergangsphase, während Lebenshaltungskosten stiegen und staatliche Transfers zurückgingen. Die Folge ist eine gedämpfte Konsumnachfrage, insbesondere im unteren Einkommenssegment.

Auch der Arbeitsmarkt zeigt bislang keine klare Trendwende. Die Arbeitslosenquote erreichte in einzelnen Quartalen etwa 7,5 Prozent. Gleichzeitig bleibt die Investitionsdynamik in traditionellen Sektoren schwach und konzentriert sich vor allem auf wenige kapitalintensive Bereiche.

Soziale Kosten der Anpassung

Die sozialen Auswirkungen des Reformprogramms sind erheblich. Kürzungen im Bildungs-, Gesundheits- und Rentensystem treffen vor allem einkommensschwache Haushalte. Gleichzeitig verstärken steigende Preise für Energie und Grundversorgung die Belastung breiter Bevölkerungsschichten.

Dies hat zu einer Zunahme von Protesten, Streiks und politischer Polarisierung geführt. Die politische Unterstützung für Milei ist rückläufig; Umfragen aus dem März 2026 sehen sie bei rund 35 bis 37 Prozent.

Ein ökonomischer Testfall mit asymmetrischen Effekten

Argentinien entwickelt sich damit zu einem internationalen Referenzfall für radikale marktwirtschaftliche Reformen unter extremen Ausgangsbedingungen. Befürworter interpretieren die Politik als notwendigen Bruch mit jahrzehntelanger Überregulierung und fiskalischer Dysfunktion. Kritiker verweisen hingegen auf die hohen kurzfristigen Anpassungskosten eines schnellen staatlichen Rückzugs.

Die bisherigen Daten deuten auf eine klare Asymmetrie hin: Während Makroindikatoren wie Inflation, Haushaltssaldo und Wachstum teilweise stabilisiert wurden, bleibt die Realwirtschaft deutlich zurück. Wachstum 2025 wurde vor allem von Rohstoffsektoren wie Landwirtschaft, Energie (insbesondere Vaca Muerta) und Bergbau getragen. Beschäftigungsintensive Bereiche wie Industrie und Handel hingegen stehen weiterhin unter Druck.

Zwischen Stabilisierung und struktureller Erosion

Die wirtschaftliche Entwicklung Argentiniens unter Milei ist damit nicht eindeutig zu bewerten, sondern verläuft entlang zweier gegensätzlicher Dynamiken: makroökonomische Konsolidierung auf der einen Seite, strukturelle Schwächung zentraler Realwirtschaftsbereiche auf der anderen.

Ob der eingeschlagene Kurs mittelfristig in ein nachhaltiges Wachstumsmodell mündet oder ob die Anpassungskosten die Reformen überlagern, bleibt offen. Sicher ist lediglich, dass der wirtschaftspolitische Umbau bereits tief in die Struktur des Landes eingegriffen hat – und seine endgültigen Konsequenzen erst in den kommenden Jahren sichtbar werden dürften.

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By Sarah Koller

Sarah Koller schreibt vor allem zu Gesundheits- und Wissenschaftsthemen, behandelt aber auch soziale und historische Fragestellungen. Ihre Texte zeichnen sich durch Vielseitigkeit und die Fähigkeit aus, komplexe Inhalte verständlich aufzubereiten.

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