Durch eine kunstvoll arrangierte Zeitreise ist es mir gelungen, vier stilprägenden Malern als Modell für Stillleben mit sorgfältig ausgesuchten Wurstwaren zu dienen. Die Wahl der Requisiten folgt einer klaren Symbolik: Sie stehen für Reichhaltigkeit, Wohlergehen – und eine demonstrative Ignoranz gegenüber sämtlichen Gesundheitsempfehlungen. Hier das Ergebnis dieser leicht zeitverschobenen Sitzungen, ergänzt durch eine knappe kunsthistorische Einordnung.
Doch zuvor einige technische Erläuterungen, um die Glaubwürdigkeit des Folgenden zu gewährleisten. Beim Reinigen des Toasters muss ich den Putzlappen der vielgerühmten Marke „Pitipumba Velour Plus“ zu energisch geführt haben, denn ein halbdurchsichtiger Geist entwich dem Toastschlitz. Er lud mich zu einer Zeitreise durch vier verschiedene Kunstperioden ein, wo ich jeweils als Modell zu sitzen und so der Kunstgeschichte den nötigen Vorschub zu leisten hätte.
Ich zierte mich eine Weile, doch der Geist erwies sich als ausgesprochen hartnäckig. Schließlich versprach er mir eine reichliche Entlohnung in Form ausgesuchter Selchware – zu konkurrenzlosen Einkaufspreisen. Also sagte ich zu.
Meine erste Station führte mich in eine Malerwerkstatt in Antwerpen. Dort stellte sich mir ein gewisser Frans Snyders als Geschäftsführer vor. Er forderte mich auf, mich den gängigen Gepflogenheiten entsprechend zu kleiden und mich mit Requisiten von seinem Esstisch auszustatten. Die Sitzung dauerte elf Stunden. Ich sehnte mich bereits nach der Rückkehr in die Gegenwart.
Hier ist das Ergebnis:
Vorrat der Fülle: Fleischstücke und Wurstwerk mit Hausbesorger
Frans Snyders (1579–1657)

Das Bild aktualisiert die barocke Tradition des Prunkstilllebens, wie sie im Umkreis von Antwerpen zur Blüte gelangte. Die opulente Anhäufung von Fleischwaren fungiert dabei weniger als bloße Naturalstudie denn als Chiffre von Wohlstand und Vergänglichkeit zugleich. Die Übersteigerung reflektiert die inhärente Ambivalenz des barocken Überflusses. Die physische Präsenz der Nahrung wird zur ästhetischen Kategorie erhoben, während der Mensch als Genießer Teil der Inszenierung wird. So entsteht ein subtil ironisches Vanitas-Motiv. Snyders unternahm alles, um mich von der Wahl von P.P. Rubens als Maler abzubringen.
Der bläulich transparente Geist aus dem Toaster wich mir fortan nicht mehr von der Seite und insistierte darauf, dass noch drei weitere Kunstperioden beziehungsweise Ateliers zu absolvieren seien, bevor er mich aus meiner Verpflichtung entlassen könne. Also flogen wir schnurstracks ins Paris der Gründerjahre, direkt ins Atelier von Mucha.
Alphonse zeigte sich von dem neuen Auftrag wenig begeistert, da er dringlich mit Entwürfen für Lalique Vitraillen für eine Vaudeville Bühne beschäftigt war. Schließlich erklärte er sich bereit, mich notdürftig in einen seiner vorgefertigten Jugendstil Rahmen einzupassen und stilgerecht herzurichten.
Das Ergebnis war dieses etwas überladene Poster:
L’Homme Heureux aux Saucisses
Alphonse Mucha (1860–1939)

In der floralen Manier des Jugendstils verschmilzt die menschliche Figur mit einem ornamental durchwirkten Bildraum. Die Wurst avanciert hierbei zum dekorativen Motiv, das weniger materiell als vielmehr formal gedacht ist. Die idealisierte Darstellung des „glücklichen Menschen“ verweist auf eine ästhetisierte Lebenswelt, in der selbst Alltägliches in Harmonie überführt wird. Die lineare Eleganz und flächige Ornamentik transformieren das Profane in ein ästhetisches Kontinuum. Spannung entsteht durch die bewusste Diskrepanz zwischen Motiv und Stil. Der verärgerte Mucha wies meinen Einwand über „zu viel Schnörkel“ als unbegründet zurück.
Kaum hatte ich mich an die Pariser Atmosphäre eines besseren Haussmann’schen Hinterhofs gewöhnt, eilte ich bereits im Schlepptau des Geistes nach Figueres. Dort fotografierte mich der Meister persönlich. Mir blieb lediglich, abzuwarten, bis die Daguerreotypien entwickelt und fixiert waren, während ich in Anwesenheit von Gala von den Requisiten naschen durfte. Eine derart rasende Reise durch eine ganze Kunstperiode ist nämlich ausgesprochen erschöpfend. Man kann gar nicht ermessen, wie hungrig man nach Zeitreisen über mehreren Jahrhunderten sein kann.
Anschließend präsentierte mir Dalí den Bildentwurf: eine zäh zerfließende Uhr, prominent in meinem Gesicht platziert. Oh je, meine Fresse! Mir gefiel das ganz und gar nicht. Der Geist hingegen lobte das Werk über alle Maßen:
El triunfo blando del cerdo en el espacio metafísico (Der weiche Triumph des Schweines im metaphysischen Raum). Salvador Dali (1904–1989)

Das Motiv wird in eine surrealistische Bildlogik überführt, in der Materialität und Bedeutung instabil werden. Die „Weichheit“ verweist auf Dalís bekannte Formauflösungen, während das Schwein als Symbol zwischen Trieb, Körperlichkeit und Absurdität oszilliert. Der metaphysische Raum entzieht dem Objekt jede funktionale Bestimmung und macht es zum Träger unbewusster Projektionen. Die ironische Überhöhung erzeugt eine paranoisch-kritische Doppelcodierung von Ernst und Groteske. So wird das Stillleben zur Bühne des Irrationalen. Dali erstellte das Bild in wenigen Sekunden: ganz dalli-dalli.
Noch bevor ich etwas sagen konnte, transfigurierte uns beide der Geist nach Manhattan, genauer in einen lichtdurchfluteten Loft über Tribeca, wo Lichtenstein gerade eine heftige Auseinandersetzung mit Warhol über die ästhetischen Qualitäten von Suppendosen geführt hatte. Roy war noch erhitzt von der Debatte, als er sich an die Arbeit machte, mich mit den mitgebrachten Wurstwaren in dieser Art abzubilden:
Still Life with Sausage (Oh boy, oh boy…!)
Roy Lichtenstein (1923–1997)

Hier wird das traditionelle Stillleben radikal in die Bildsprache der Konsumkultur übersetzt. Die Wurst erscheint als serielle, entindividualisierte Ware, deren visuelle Codierung an Comic und Werbung erinnert. Durch die ironische Textbeigabe wird der Akt des Begehrens selbst thematisiert und zugleich gebrochen. Das Werk operiert an der Schnittstelle von Hochkunst und Massenästhetik und entlarvt die Mechanismen der Ikonisierung des Banalen. Das Stillleben wird so zum Kommentar über Konsum und Reproduktion. Roy bat mich inständig, das Werk auf keinen Fall Andy zu zeigen. Er könnte zu neidisch werden.
Kaum hatte ich meine kunsthistorischen Zeitreiseerlebnisse noch einmal in Gedanken rekapituliert, fand ich mich wieder in meiner Küche, die völlig zerfetzte „Pitipumba Velour Plus“ in der Hand. Der Lappen muss Fürchterliches erlitten haben – jedenfalls ließ sein Zustand auf intensive Beanspruchung schließen.
Vom Geist fehlte jede Spur. Der Raum wirkte unverändert, vielleicht sogar ein wenig ernüchtert. Nur der Toaster glänzte, als sei er nie zuvor benutzt worden. Ich stellte ihn zurück an seinen Platz und beschloss, ihn fürs Erste nicht anzurühren. Nach allem, was ich erlebt hatte, erschien mir dies als die einzig vernünftige Vorsichtsmaßnahme.
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