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  • 16. Mai 2026 10:44

Was sind eigentlich Systemkosten? Eine fachliche Kritik an Reiches Zahlen

ByDirk Specht

Apr. 12, 2026

KOMMENTAR

Ich wurde gebeten, die Aussagen von Ministerin Reiche einem Faktencheck zu unterziehen. Das ist oft genug passiert, ihre vielen Datenfehler sind ausdiskutiert. Was mir fehlt, ist eine fachlich tiefere Kritik: Frau Reiche redet nämlich wie 99% aller Beitragenden, die sich über «Systemkosten» (genauer: Gesamtsystemkosten) äußern, vielleicht über bunte Knete, aber ganz sicher nicht über Systemkosten.

Die fachliche Definition findet sich anbei. Das liest sich kompliziert, ist aber einfach ausgedrückt die Summe ALLER Kosten über ALLE Komponenten eines Systems. Die Pamphlete von Frau Reiche erfüllen dabei gleich zwei Kriterien: Erstens nennt Sie längst nicht alle Kosten, zweitens nennt Sie sogar tatsächlich keine einzige Kostenkomponente korrekt! Man kann es also nicht falscher machen, um das umgangssprachlich zu formulieren.

Die typischen Fehler sind jenseits des absurd falschen Reiche-Pamphlets folgende:

– Es werden «Kosten» genannt, die keine sind. So sind beispielsweise Redispatch-Aufwendungen oder Netzentgelte hoch regulierte Beträge, die sehr komplex Vergütungsansprüche von Unternehmen regeln. Wenn man das als Teil der Systemkosten bezeichnet, verwechselt man regulatorische Unternehmensumsätze mit deren Kosten.

– Investitionen werden als Kosten bezeichnet, was die Kleinigkeit des in der Formel genannten Annuitätsfaktors «übersieht» und so typischerweise die Kleinigkeit eines Fehlers jenseits von 1.000% bis zu 10.000% Abweichung zum korrekten Wert bedeutet. Beliebteste Anwendung dieses oft absichtlichen «Fehlers» sind die Investitionen in Netze, zu denen irgendwelche Blubbermilliarden die Headlines dominieren.

– Es werden Preise als Kosten bezeichnet, vorzugsweise (übertriebene) Haushaltsendpreise Strom als «Argument» für Deindustrialisierung einer energieintensiven Teilindustrie, die vor allem unter Gaspreisen leidet.

Diese Aussagen sind so wertvoll, wie die Feststellung, dass das iPhone ein gescheitertes Projekt ist, weil seine Bereitstellung bis zu 2.000€ «kostet». Da würde das jeder verstehen, aber beim Strom will man den Betrug der Vorträge nicht erkennen.

Fachlich möchte ich etwas ergänzen, was in der Formel nicht steht:

– Man kann ein System nur dann als «zu teuer» bezeichnen, wenn man ein alternatives System mit vergleichbarer Leistung als billiger nachweist. Dazu müsste Frau Reiche aber über die Systemkosten eines fossilen, kraftwerkbasierten Konzepts sprechen. Mir ist aber gänzlich unbekannt, dass Frau Reiche jemals über diese Kosten auch nur eine Silbe verloren hat?

– Die ganz tiefen Pfründe in der Formel liegen bei eben jenem Annuitätsfaktor, der nämlich annimmt, dass eine Infrastruktur nach einer wie auch immer bestimmten Nutzungsdauer wertlos ist. Das ist aber nicht so, die gehört dann vielmehr einem Betreiber, bezahlt wurde sie aber von Stromkunden. Das ist ein massiver Vermögenstransfer von Verbrauchern zu den Energieunternehmen.

Wer das versteht, versteht auch, über welche Vermögensverluste und Wohlstandverluste Frau Reiche spricht.

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By Dirk Specht

Dirk Specht ist deutscher Autor und Kommentator mit den Schwerpunkten Wirtschafts-, Energie- und Gesellschaftspolitik. Er veröffentlicht Analysen und Kommentare zu aktuellen Entwicklungen in Politik, Wirtschaft und Technologie. Zuvor war er Digitalchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) und ist als Dozent und Gesprächspartner in Fachveranstaltungen aktiv. Seine Texte in der DMZ-News zeichnen sich durch analytische Tiefe und die klare Einbindung wirtschaftlicher und technischer Zusammenhänge aus.

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