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  • 12. April 2026 11:42

Krieg gegen die Lebensadern: Wenn Strom und Wasser zu Waffen werden

ByMatthias Walter

Apr. 7, 2026

Analyse der Eskalation im Iran-Konflikt

Angriffe auf kritische Infrastruktur wie Kraftwerke und Entsalzungsanlagen treffen immer zuerst und am härtesten die Zivilbevölkerung. Krankenhäuser ohne Strom, ausgefallene Wasseraufbereitung, zusammenbrechende Lebensmittelversorgung – das ist kein „chirurgischer Schlag“ gegen ein Regime, sondern eine Maßnahme, deren Folgen zehntausende oder hunderttausende Zivilisten langfristig leiden lässt, unabhängig von ihrer politischen Haltung.

Im laufenden Krieg zwischen den USA (und ihren Verbündeten) und dem Iran hat sich diese Gefahr dramatisch zugespitzt. Präsident Donald Trump hat am Ostersonntag in einem expletiven Post auf Truth Social erneut massiv gedroht: Sollte die Straße von Hormus bis Dienstag nicht freigegeben werden, werde es „Power Plant Day“ und „Bridge Day“ in Iran geben – „There will be nothing like it!!!“ Er sprach davon, das Land „back to the stone ages“ zu bringen, und kündigte an, Brücken und Kraftwerke massiv anzugreifen. Bisher wurden Ultimaten mehrmals verlängert oder teilweise ausgesetzt, um Verhandlungsspielraum zu schaffen. Doch die Drohkulisse ist real und Teil eines Konflikts, der seit Ende Februar 2026 eskaliert.

Der hohe humanitäre und völkerrechtliche Preis

Ein großangelegter Angriff auf die iranische Energieinfrastruktur würde weit über militärische Ziele hinausgehen. Krankenhäuser mit Notstromaggregaten laufen irgendwann leer, Dialysepatienten, Beatmungsgeräte und Operationssäle versagen. Historische Beispiele – die Infrastrukturkampagne im Irak 1991 oder die russischen Angriffe auf das ukrainische Stromnetz – zeigen: Solche Maßnahmen führen zu massiven humanitären Krisen, ohne dass das Regime zwangsläufig sofort einknickt.

Völkerrechtlich bewegen sich solche Angriffe in einer gefährlichen Grauzone. Zivile Infrastruktur, die primär der Bevölkerung dient, darf nur angegriffen werden, wenn der militärische Vorteil klar überwiegt und der Kollateralschaden verhältnismäßig bleibt. Experten warnen, dass gezielte Zerstörung von Kraftwerken und Wasseranlagen schnell als unverhältnismäßig oder sogar als Verstoß gegen die Genfer Konventionen gelten könnte.

Hinzu kommt der Rückschlag-Effekt: Der Iran hat wiederholt gedroht, im Gegenzug US- und verbündete Ziele in der Region anzugreifen. Ölpreise würden explodieren, der Konflikt könnte sich über Huthis, Hisbollah und weitere Akteure regional ausweiten. Ein geschwächtes, aber überlebendes Regime könnte radikaler werden und asymmetrisch zurückschlagen – durch Terror, Cyberangriffe oder Minen in der Straße von Hormuz.

Die neue Dimension: Der „Wasser-Krieg“ gegen die Golfstaaten

Besonders bedrohlich ist die iranische Ankündigung, bei einer Eskalation die Entsalzungsanlagen der Golfstaaten ins Visier zu nehmen. Die Länder am Persischen Golf sind „Saltwater Kingdoms“: Sie besitzen kaum natürliches Süßwasser und sind existentiell von Hunderten von Entsalzungsanlagen abhängig, die oft mit Kraftwerken gekoppelt sind (Co-Generation).

  • In Bahrain und Qatar stammen 90–99 % des Trinkwassers aus Desalination.
  • Kuwait liegt bei etwa 90 %, Saudi-Arabien bei rund 70 %, die Vereinigten Arabischen Emirate je nach Emirat bei 40–80 %.

Über 90 % des desalinierten Wassers im Golf kommen aus nur einer Handvoll großer Küstenanlagen – viele davon liegen in Reichweite iranischer Raketen, Drohnen und Schiffe. Ein gezielter oder teilweiser Ausfall würde innerhalb weniger Tage zu katastrophalen Engpässen führen: Kein Trinkwasser für Millionen, Hygiene-Kollaps, Ausfälle in Krankenhäusern und Lebensmittelproduktion. In der extremen Hitze der Region (>40 °C) drohen Dehydration, Krankheiten und Chaos – Experten sprechen von einem „nationalen Krisenszenario“.

Bereits jetzt gab es Vorfälle: Indirekte Schäden oder Angriffe auf Anlagen in Kuwait (Doha West), den UAE (Fujairah F1, Jebel Ali-Nähe) und Bahrain. Der Iran warf den USA vor, eine eigene Anlage auf Qeshm Island getroffen zu haben. Teheran hat explizit gedroht, bei Angriffen auf iranische Energieinfrastruktur „alle Energie-, IT- und Entsalzungsanlagen“ der Golfstaaten und ihrer Verbündeten „irreversibel“ zu zerstören – mit Zielen wie Jubail in Saudi-Arabien oder Umm Al Houl in Qatar.

Doppeltes Leid und Pyrrhussieg-Gefahr

Sollte Trump am Dienstag tatsächlich „all out“ gehen, droht eine doppelte humanitäre Katastrophe: Blackouts und Wassermangel im Iran einerseits, ein Wasser-Notstand für Dutzende Millionen Menschen in den Golfstaaten andererseits. Beide Seiten würden die Zivilbevölkerung der anderen als Druckmittel oder unvermeidbaren Kollateralschaden in Kauf nehmen. Das überschreitet rote Linien des Völkerrechts und könnte den Konflikt massiv vertiefen.

Manche Stimmen argumentieren, gezielte Schläge auf Energieinfrastruktur könnten den Krieg verkürzen: Das Regime verliere Einnahmen und Kontrolle, die Bevölkerung spüre den Preis der Mullah-Politik und dränge auf Veränderung. Trump scheint dies als wirksames Druckmittel zu sehen, um die Straße von Hormuz zu öffnen und das Atomprogramm zu stoppen.

Die historische Erfahrung spricht jedoch oft dagegen: Diktaturen halten durch Repression durch, während die Zivilbevölkerung leidet und den Westen (oder die Golfmonarchien) verantwortlich macht. Langfristig nährt das Anti-US-Stimmung und neue Radikalisierung. Der Wiederaufbau zerstörter Anlagen dauert Monate bis Jahre – mit anhaltenden wirtschaftlichen Folgen weltweit durch höhere Ölpreise und regionale Instabilität.

Realistische Einschätzung

Ob am Dienstag wirklich der große Schlag kommt, bleibt offen. Trump hat Ultimaten bereits mehrfach verlängert und verhandelt parallel. Es könnte erneut ein Druckmittel sein. Dennoch: Die Rhetorik wird immer gefährlicher, und beide Seiten haben bereits Tabus angekratzt.

Ein solches Szenario wäre für alle Beteiligten ein Pyrrhussieg oder schlimmer. Es verkürzt den Krieg wahrscheinlich nicht, sondern verlängert und vertieft ihn. Das iranische Regime könnte den Konflikt als „Überlebenskampf gegen den Westen und die Golf-Monarchien“ rahmen und länger durchhalten. Die Golfstaaten, die den Krieg eigentlich vermeiden wollten, würden direkt und massiv in Mitleidenschaft gezogen.

Kurz gesagt: Ein „Krieg gegen Strom und Wasser“ ist selten sauber und endet selten so glorreich, wie die Verantwortlichen hoffen. Die Geschichte ist voll von Beispielen, in denen genau diese Strategie die Zivilbevölkerung auf allen Seiten am teuersten zu stehen kam. Die Region spielt mit dem Feuer – und die Menschen beiderseits des Golfs wären die Hauptleidtragenden.

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By Matthias Walter

Matthias Walter ist Fachinformatiker, Autor und Kolumnist bei DMZ-News. Er schreibt zu Fußball und Sportkultur, Politik, politischer Philosophie, Gesellschaft, Lyrik und Essays. Seine Texte verbinden journalistische Recherche mit philosophischen und literarischen Perspektiven und zeichnen sich durch analytische Tiefe, kritische Reflexion und klare Argumentation aus.

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