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  • 12. April 2026 11:34

In der Schweiz rückte das Thema im Jahr 2021 erstmals breiter in den öffentlichen Fokus. Auslöser war die SRF-Reportage «Der Teufel mitten unter uns», die am 14. Dezember 2021 ausgestrahlt wurde. Darin wurde aufgezeigt, dass in mehreren renommierten psychiatrischen Einrichtungen – darunter das Psychiatriezentrum Münsingen, die Klinik Meiringen und die Privatklinik Littenheid – therapeutische Ansätze verfolgt wurden, die sich auf Narrative ritueller Gewalt und sogenannter „Mind Control“ stützten.

Patientinnen berichteten in diesem Zusammenhang von angeblichen satanistischen Ritualen. Forensische oder polizeiliche Belege dafür lagen jedoch nicht vor.

Der Kanton Bern reagierte und gab eine externe Untersuchung in Auftrag. Der 2022 veröffentlichte Bericht kam zum Schluss, dass in mehreren Fällen problematische, teils schädliche Therapiepraktiken angewendet worden waren. Kritisiert wurde insbesondere eine unzureichende professionelle Distanz gegenüber unbelegten Narrativen mit verschwörungstheoretischen Elementen. Spätere Auswertungen ergaben, dass im Kanton Bern insgesamt 21 Fälle dokumentiert wurden, in denen Begriffe wie „rituelle Gewalt“ oder „Mind Control“ in Patientendossiers auftauchten.

Im Januar 2023 griff SRF das Thema erneut auf und veröffentlichte die Reportage «Rituelle Gewalt/Mind Control – Leonies Fall». Anhand eines Einzelfalls wurde aufgezeigt, wie eine psychisch erkrankte Patientin über Jahre hinweg in der Überzeugung bestärkt wurde, Opfer eines satanistischen Netzwerks zu sein. Beteiligt waren neben therapeutischen Fachpersonen auch Behörden, darunter KESB, Polizei und Staatsanwaltschaft. Während dieser Zeit verschlechterte sich der Gesundheitszustand der Betroffenen deutlich.

Weitere Berichte folgten im Juni 2023. SRF zeigte auf, dass sich entsprechende Narrative auch in evangelikalen und seelsorgerischen Kreisen verbreitet hatten, insbesondere im Berner Oberland. Die dort geschilderten Annahmen über angebliche satanistische Zirkel stützten sich auf Aussagen, ohne dass konkrete Hinweise auf organisierte kriminelle Strukturen vorlagen.

Kontroverse um die SRF-Berichterstattung

Die Veröffentlichungen hatten Konsequenzen: In den betroffenen Kliniken kam es zu personellen Veränderungen, zudem wurden interne Schulungen durchgeführt und Leitlinien angepasst. Gleichzeitig blieb die Berichterstattung nicht unwidersprochen.

Am 3. Februar 2025 berichtete die Neue Zürcher Zeitung über Ergebnisse von Untersuchungen des Berner Gesundheitsamts sowie der Berufsethikkammer des Psychologenverbands FSP. Demnach ließen sich zentrale Vorwürfe gegen eine im Zusammenhang mit dem „Leonie“-Fall genannte Therapeutin nicht bestätigen.

Insbesondere fanden sich keine Belege dafür, dass satanistische oder „Mind-Control“-Narrative in der ursprünglich behaupteten Form aktiv verbreitet worden seien. Die Berufsethikkammer sprach dennoch einen Verweis aus – begründet mit ungenügender professioneller Abgrenzung im therapeutischen Verhältnis.

SRF hält an seiner Darstellung fest. Der Sender betont, die Aussagen der Betroffenen sorgfältig geprüft und fachlich eingeordnet zu haben. Der Fall verdeutlicht damit ein grundlegendes Spannungsfeld: den Schutz möglicher Opfer auf der einen Seite und die Vermeidung suggestiver, potenziell schädlicher therapeutischer Einflüsse auf der anderen.

Warum ist es ruhiger geworden?

Dass die öffentliche Debatte an Intensität verloren hat, lässt sich auf mehrere Faktoren zurückführen.

Erstens hat die wissenschaftliche Auseinandersetzung an Klarheit gewonnen. Psychologie und Psychiatrie haben die Entstehung und Wirkung induzierter Falscherinnerungen eingehend beschrieben und von nachweisbaren Fällen von Missbrauch abgegrenzt.

Zweitens folgten institutionelle Reaktionen. Kliniken und Fachgesellschaften distanzierten sich öffentlich von entsprechenden Narrativen und überarbeiteten ihre fachlichen Leitlinien.

Drittens hat auch die mediale Dynamik nachgelassen. Ohne neue belastbare Erkenntnisse verlor das Thema an Aufmerksamkeit und öffentlicher Resonanz.

Gleichzeitig verweisen Fachleute darauf, dass ähnliche Narrative unter veränderten Bedingungen wieder auftreten können. Insbesondere soziale Medien und neue Formen digitaler Selbstdiagnose – teilweise unterstützt durch KI – schaffen neue Verbreitungsräume. Hinweise aus dem Vereinigten Königreich deuten darauf hin, dass Meldungen über „organisierte rituelle Gewalt“ punktuell wieder zunehmen.

Unverändert gilt dabei: Reale Fälle von Gewalt oder Missbrauch müssen konsequent aufgeklärt werden. Sie dürfen jedoch nicht mit spekulativen Annahmen über weitreichende, nicht belegte Netzwerke vermischt werden.

Die sogenannte Satanic Panic gilt als Beispiel dafür, wie sich kollektive Ängste, therapeutische Fehlentwicklungen und mediale Dynamiken gegenseitig verstärken können. Für die Existenz organisierter Netzwerke satanistischer Ritualgewalt liegen bis heute keine empirischen Belege vor.

In der Schweiz zeigte sich das Phänomen vor allem im Kontext problematischer therapeutischer Ansätze sowie in einzelnen seelsorgerischen Milieus – mit teils erheblichen Folgen für Betroffene.

Die Recherchen von SRF haben diese Entwicklungen sichtbar gemacht und eine notwendige fachliche Diskussion angestoßen. Zugleich macht die spätere Kritik an einzelnen Aspekten der Berichterstattung deutlich, wie sensibel der Umgang mit solchen Themen ist.

Für Medien, Fachpersonen und Behörden bleibt die Herausforderung bestehen, zwischen berechtigter Aufklärung und unbeabsichtigter Verstärkung unbelegter Narrative zu unterscheiden. Angesichts der Dynamik digitaler Informationsräume dürfte diese Aufgabe künftig eher komplexer werden.

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By Anton Aeberhard

Anton Aeberhard ist Journalist und schreibt zu gesundheitlichen, wissenschaftlichen sowie politischen und gesellschaftlichen Themen. Seine Beiträge befassen sich mit aktuellen Entwicklungen und deren Hintergründen. Seine Texte zeichnen sich durch analytische Tiefe und eine klare Gewichtung der zentralen Argumente aus.

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