KOMMENTAR
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat am 25. März 2026 im Bundestag erneut bewiesen, wie leicht ihm pauschale Schuldzuweisungen über die Lippen gehen. In der Regierungsbefragung zur digitalen und analogen Gewalt gegen Frauen – ausgelöst durch den Fall Collien Fernandes – antwortete er nicht mit konkreten Maßnahmen gegen Online-Hass oder häusliche Gewalt. Stattdessen diagnostizierte er eine „explodierende Gewalt in unserer Gesellschaft“ und schob einen „beachtlichen Teil“ davon „den Gruppen der Zuwanderer“ in die Schuhe. Empörte Zwischenrufe waren die logische Folge.
Merz’ Äußerung ist nicht nur faktisch irreführend, sie ist ein klassisches Beispiel für rechte Rhetorik: Komplexe soziale Probleme auf eine Herkunftsgruppe reduzieren und damit Vorurteile bedienen.
Die offiziellen Zahlen des Bundeskriminalamts sprechen eine andere Sprache. Laut Polizeilicher Kriminalstatistik (PKS) 2024 stieg die Gewaltkriminalität lediglich um moderate 1,5 Prozent auf 217.277 Fälle – ein neuer Höchststand seit 2007, aber keineswegs eine „Explosion“. Gleichzeitig sank die Gesamtzahl der Straftaten um 1,7 Prozent auf rund 5,84 Millionen. Von einer dramatischen Eskalation durch Zuwanderung kann keine Rede sein.
Noch deutlicher wird die Verzerrung beim Blick auf die Tatverdächtigen. Im Bundeslagebild „Kriminalität im Kontext von Zuwanderung“ 2024 machen die eng definierten Zuwanderer (Asylsuchende, Schutzberechtigte, Geduldete etc.) nur 8,8 Prozent aller Tatverdächtigen in der Allgemeinkriminalität aus – exakt auf Vorjahresniveau. Bei schweren Delikten wie Mord/Totschlag oder Sexualstraftaten liegt ihr Anteil zwischen etwa 9 und 12 Prozent. Die große Mehrheit der Gewalttaten wird von Deutschen oder langjährig hier lebenden Ausländern begangen. Selbst bei allen nichtdeutschen Tatverdächtigen (35,4 Prozent ohne ausländerrechtliche Verstöße) spielen Touristen, Pendler und Kurzzeitstraftäter eine erhebliche Rolle – vor allem bei Diebstählen, nicht bei der Kerngewaltkriminalität.
Merz ignoriert bewusst, was das BKA selbst immer wieder betont: Überrepräsentation bestimmter Gruppen erklärt sich primär durch sozioökonomische Faktoren, Alter und Geschlecht (vor allem junge Männer), Bildungsdefizite, Traumatisierungen und Integrationsmängel – nicht durch „Zuwanderung“ als solche. Wer trotzdem pauschal „die Zuwanderer“ als Ursache benennt, betreibt keine faktenbasierte Politik, sondern stigmatisiert Millionen integrierter Menschen mit Migrationshintergrund.
Besonders perfide ist der Kontext: Merz nutzte eine Debatte über Gewalt gegen Frauen für einen Seitenhieb auf Migranten. Dabei sind die meisten Fälle häuslicher und sexualisierter Gewalt herkunftsunabhängig und finden innerhalb bestehender Beziehungen statt. Statt hier konsequent zu handeln – bessere Strafverfolgung, Prävention, Unterstützung von Opfern –, lenkt der Kanzler ab und bedient genau das Narrativ, das rechte Kräfte seit Jahren pflegen. Das ist nicht „Vollständigkeit des Bildes“, wie Merz behauptet, sondern billiger Populismus.
Merz hat ein Muster: Ob „Stadtbild“-Debatte 2025 oder jetzige Aussage – immer wieder schiebt er soziale Probleme auf „die Zuwanderer“, statt Ursachen wie Armut, Bildungsversagen, Polizeiunterbesetzung oder fehlende Integrationsangebote anzugehen. Unter seiner Regierung wurden Präventions- und Integrationsprogramme eher gekürzt als ausgebaut. Stattdessen wird mit rassistisch aufgeladenen Halbwahrheiten Stimmung gemacht.
Eine ehrliche Debatte über Kriminalität ist dringend nötig: konsequente Abschiebung straffälliger Ausländer ohne Bleiberecht, bessere Integration, mehr Polizeipräsenz und eine ehrliche Analyse herkunftsbezogener Unterschiede (etwa bei bestimmten Krisenregionen). Aber genau diese Differenzierung verweigert Merz. Stattdessen pauschalisiert er und spaltet die Gesellschaft.
Friedrich Merz’ Auftritt vom 25. März 2026 war kein Ausrutscher. Er ist symptomatisch für eine Kanzlerschaft, die lieber einfache Feindbilder bedient als komplexe Probleme löst. Wer „explodierende Gewalt“ durch Zuwanderer herbeiredet, obwohl die Statistiken etwas anderes zeigen, handelt nicht verantwortungsvoll – er schürt Ressentiments. Deutschland verdient eine sachliche, faktenbasierte Sicherheitspolitik statt Kanzler-Populismus.
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