Das Risiko für Ausbrüche hängt vor allem von der Häufigkeit des Kontakts zwischen Mensch und Tier ab – nicht von genetischen Veränderungen der Erreger. Eine Analyse im Fachjournal Cell liefert neue Erkenntnisse zu Influenza, Ebola, Mpox und SARS-CoV-2.
Berlin – Lange galt als wissenschaftlicher Konsens, dass nur besonders aggressive oder genetisch veränderte Viren den Sprung vom Tier auf den Menschen schaffen und Pandemien auslösen können. Eine aktuelle Studie, die am Montag im Fachjournal Cell (DOI: 10.1016/j.cell.2026.00171-6) veröffentlicht wurde, deutet darauf hin, dass dies nicht zwingend der Fall ist.
Ein Team um den Mediziner Joel Wertheim von der University of California in San Diego rekonstruierte die evolutionäre Geschichte mehrerer hochgefährlicher Viren: Influenza A, Ebola, Marburg, Mpox (Affenpocken) sowie die beiden Coronaviren SARS-CoV und SARS-CoV-2. Das zentrale Ergebnis: Vor dem sogenannten Spillover – dem Überspringen vom tierischen Reservoir auf den Menschen – fanden die Forschenden keine Hinweise auf auffällige Mutationen oder gezielte Anpassungen der Viren.
Aus evolutionsbiologischer Sicht gibt es keine Hinweise darauf, dass SARS-CoV-2 vor seinem Auftreten im Labor oder in einem Zwischenwirt gezielt angepasst wurde. Die Daten widersprechen damit der Vorstellung, Pandemieviren müssten vor ihrem Sprung auf den Menschen evolutionär besonders sein.
Stattdessen sei nach Ansicht der Forscher entscheidend, wie häufig Menschen mit tierischen Viren in Kontakt kommen. Intensive Tierhaltung, das Vordringen in natürliche Lebensräume und der Handel mit Wildtieren erhöhen demnach die Wahrscheinlichkeit, dass Viren auf Menschen übertragen werden. Pandemien könnten demnach weniger durch seltene genetische Veränderungen, sondern vielmehr durch vom Menschen geschaffene Kontaktzonen entstehen.
Die Ergebnisse haben auch direkte Relevanz für die Diskussion über den Ursprung der Covid-19-Pandemie. Das Fehlen entsprechender evolutionärer Signale entspricht dem, was bei einem natürlichen zoonotischen Ereignis erwartet wird. Die Studie stützt damit die Hypothese eines natürlichen Spillovers.
Die Forschenden schließen Laborexperimente jedoch nicht grundsätzlich aus. Bei der Rückkehr des H1N1-Influenzavirus im Jahr 1977 entdeckten sie genetische Muster, die auf einen Laborstamm hindeuten könnten – möglicherweise im Zusammenhang mit einem fehlgeschlagenen Impfversuch.
Für die Prävention künftiger Pandemien ziehen die Autoren klare Schlüsse: Statt ausschließlich nach gefährlichen Mutationen zu suchen, sollte die Wissenschaft künftig verstärkt auf die Reduzierung von Kontaktmöglichkeiten zwischen Menschen und tierischen Viren setzen. Überwachungssysteme, strengere Regulierungen des Wildtierhandels und der Schutz natürlicher Lebensräume rücken damit in den Vordergrund.
Die Studie markiert nach Ansicht des Teams einen Paradigmenwechsel in der Pandemieforschung: Nicht das Virus allein ist entscheidend, sondern die Art und Weise, wie Menschen mit der Tierwelt interagieren.
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