Im Frühjahr 2020 befand sich die Welt zu Beginn der COVID‑19-Pandemie in einem beispiellosen Ausnahmezustand. Informationen, wissenschaftliche Erkenntnisse und politische Maßnahmen entwickelten sich in rasantem Tempo, und die öffentliche Diskussion war von Unsicherheiten, Ängsten und kontroversen Meinungen geprägt.
Der nachfolgende Gastkommentar von Prof. Dr. med. Dr. h.c. Paul Robert Vogt wurde am 7. April 2020 exklusiv bei uns veröffentlicht. Bereits bei seiner Erstveröffentlichung erreichte der Artikel weltweite Aufmerksamkeit, gehörte zu den meistgelesenen Beiträgen zur Pandemie weltweit und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Er bietet eine zeitnahe Analyse der medizinischen Fakten, ethischen Fragen und politischen Entscheidungen während der Frühphase der Pandemie. Der Text verbindet fundierte Beobachtungen des Gesundheitswesens mit gesellschaftspolitischer Reflexion und vermittelt so einen authentischen Eindruck der damaligen Situation.
Diese erneute Veröffentlichung ermöglicht es den Leserinnen und Lesern, die frühen Einschätzungen, Debatten und Entscheidungen nachzuvollziehen. Zugleich werden zentrale Punkte der Analyse im Lichte aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse betrachtet, sodass der Artikel sowohl historisch wertvoll als auch informativ für die heutige Perspektive bleibt.
Eine Analyse der Moral, der medizinischen Fakten sowie der aktuellen und zukünftigen politischen Entscheidungen
Überlegungen eines besorgten Schweizer Bürgers
von
Prof. Dr. med. Dr. h.c. Paul Robert Vogt
07. April 2020
Inhalt
- Vorwort: Wieso nehme ich überhaupt Stellung?
- Die Zahlen in den Medien
- Eine gewöhnliche Grippe
- Es sterben nur alte und kranke Patienten – Prozentzahlen, Nebendiagnosen, Moral und Eugenik
- Diese Pandemie war angekündigt
- Politische Aspekte – Propaganda
- Woher stammt dieses Virus
- Was wissen wir? Was wissen wir nicht?
- Was können wir aktuell tun?
- Zukunft
Vorwort: Wieso nehme ich überhaupt Stellung?
Aus fünf Gründen:
- Ich bin mit meiner Stiftung «EurAsia Heart – A Swiss Medical Foundation» seit mehr als 20 Jahren in EurAsien tätig, habe fast ein Jahr in China gearbeitet und seit 20 Jahren eine kontinuierliche Verbindung zum Union Hospital of Tongji Medical College/Huazhong University of Science and Technology in Wuhan, wo ich eine meiner vier Gastprofessuren habe. Die 20-jährige Verbindung zu Wuhan habe ich auch in der jetzigen Zeit konstant aufrechterhalten.
- COVID-19 ist nicht nur ein Problem der mechanischen Beatmung, sondern betrifft das Herz in ähnlicher Weise. 30 % aller Patienten, die die Intensivstation nicht überleben, versterben aus kardialen Gründen.
- Die letztmögliche Therapie des Lungenversagens ist eine invasiv-kardiologische beziehungsweise kardiochirurgische Maßnahme: die Verwendung einer ECMO (extrakorporale Membran-Oxygenation), d. h. die Verbindung des Patienten mit einer externen, künstlichen Lunge, die die Funktion der Lunge des Patienten so lange übernehmen kann, bis diese wieder funktioniert.
- Ich bin – schlicht – um meine Meinung gefragt worden.
- Sowohl das Niveau der medialen Berichterstattung als auch viele Leserkommentare sind in Bezug auf Fakten, Moral, Rassismus und Eugenik nicht ohne Widerspruch hinzunehmen. Sie benötigen dringend eine Korrektur durch zuverlässige Daten und Angaben.
Die dargelegten Fakten stammen aus wissenschaftlichen Arbeiten, die einem Peer-Review unterzogen und in den besten medizinischen Zeitschriften veröffentlicht wurden. Viele dieser Fakten waren bereits bis Ende Februar 2020 bekannt. Hätte man diese medizinischen Erkenntnisse berücksichtigt und Politik, Ideologie und Medizin getrennt, wäre die Schweiz heute wahrscheinlich in einer besseren Lage: Wir hätten pro Kopf nicht die zweithöchste Zahl an COVID-19-positiven Menschen weltweit und eine deutlich geringere Zahl an Todesfällen. Zudem wäre ein partieller und unvollständiger Lockdown der Wirtschaft vermutlich vermeidbar gewesen.
Alle erwähnten wissenschaftlichen Arbeiten liegen mir im Original vor.
1. Die Zahlen in den Medien
Es ist verständlich, dass alle das Ausmaß dieser Pandemie erfassen möchten. Doch die tägliche Rechnerei hilft nicht weiter, da wir nicht wissen, wie viele Personen lediglich Kontakt mit dem Virus hatten, ohne erkrankt zu sein.
Die Anzahl asymptomatischer COVID-19-Träger ist entscheidend, um Vermutungen über die Ausbreitung der Pandemie anstellen zu können. Um belastbare Daten zu erhalten, hätte man zu Beginn breite Massentests durchführen müssen. Heute kann man nur noch vermuten, wie viele Schweizer Kontakt mit COVID-19 hatten.
Eine amerikanisch-chinesische Studie vom 16. März 2020 zeigt, dass auf 14 dokumentierte Fälle 86 nicht dokumentierte Fälle kommen. In der Schweiz muss man daher mit 15- bis 20-mal mehr COVID-19-positiven Personen rechnen, als in den täglichen Statistiken dargestellt.
Zur Beurteilung des Schweregrads der Pandemie bräuchten wir:
- eine weltweit einheitliche Definition der Diagnose „an COVID-19 erkrankt“:
a) positiver Labortest + Symptome
b) positiver Labortest + Symptome + Lungen-CT
c) positiver Labortest, keine Symptome, aber Lungen-CT-Befunde - die Anzahl hospitalisierter COVID-19-Patienten auf Allgemeinstation
- die Anzahl COVID-19-Patienten auf Intensivstationen
- die Anzahl beatmeter COVID-19-Patienten
- die Anzahl COVID-19-Patienten an ECMO
- die Anzahl an COVID-19-Verstorbenen
- die Anzahl infizierter Ärzte und Pflegepersonen
Nur diese Zahlen geben ein realistisches Bild der Gefährlichkeit des Virus. Die derzeitige Flut ungenauer Zahlen wirkt wie Sensationspresse, die wir in dieser Situation nicht brauchen.
2. Eine gewöhnliche Grippe?
Handelt es sich um eine gewöhnliche Grippe oder um eine gefährliche Pandemie, die rigide Maßnahmen erfordert?
Man muss nicht Statistiker fragen, die noch nie einen Patienten gesehen haben. Die statistische Beurteilung allein ist unmoralisch. Fragen muss man die Menschen an der Front.
Keiner meiner Kollegen, ich eingeschlossen, kann sich erinnern, dass in den letzten 30–40 Jahren folgende Zustände herrschten:
- Ganze Kliniken gefüllt mit Patienten derselben Diagnose
- Ganze Intensivstationen gefüllt mit Patienten derselben Diagnose
- 25–30 % des medizinischen Personals erkranken selbst an derselben Krankheit
- Zu wenige Beatmungsgeräte
- Patientenselektion aus Materialmangel
- Einheitliche schwere Krankheitsverläufe
- Gleichartige Todesursachen auf Intensivstationen
- Mangel an Medikamenten und Material
Diese Tatsachen zeigen, dass COVID-19 ein gefährliches Virus ist.
Vergleich Influenza vs. COVID-19: Die Behauptung, Influenza sei genauso gefährlich, ist falsch. Ebenso die Aussage, man könne nicht unterscheiden, wer „an“ oder „mit“ COVID-19 stirbt.
Beispiel Schweiz: 600 COVID-19-Tote in einem Monat trotz massiver Gegenmaßnahmen, >2200 Hospitalisierungen, bis zu 500 Intensivpatienten gleichzeitig. Bei Influenza: 8 % des Betreuungspersonals erkranken, aber keiner stirbt. Bei COVID-19: 25–30 % des Personals infiziert, teils mit tödlichem Verlauf.
Selbst wenn man die Zahlen des März betrachtet, sagen sie noch nichts über die Pandemieentwicklung.
3. Es sterben nur alte und kranke Patienten – Prozentzahlen, Nebendiagnosen, Moral und Eugenik
In der Schweiz liegen die Todesalter zwischen 32 und 100 Jahren. Auch Kinder sind betroffen.
Die Prozentzahlen (0,9 %, 1,2 %, 2,3 %) sind sekundär; entscheidend ist die absolute Zahl der Todesfälle.
Das durchschnittliche Alter Verstorbener: 83 Jahre. Viele betrachten dies als vernachlässigbar. Die Frage nach Moral und Gesellschaftswert alter Menschen stellt sich hier.
Viele Kommentare in Medien und sozialen Netzwerken überschreiten moralische Grenzen und riechen nach Eugenik. Unsere Medien sollten hierzu Klartext liefern.
4. Diese Pandemie war angekündigt
- War die Schweiz vorbereitet? Nein.
- Hätte man es wissen können? Ja, die Daten lagen vor.
Beispiele:
- SARS 2003
- MERS 2012
- Bundestags-Simulation 2013
- Forschungsarbeiten 2015 (USA, Wuhan, Italien) zu synthetischen Coronaviren
- US-Regierung setzte Forschung 2014 aus
- Bill Gates Rede 2015: Welt unvorbereitet
- Publikation 2016: Corona-Virenforschung
Schon 2019 sagte Peng Zhou (Wuhan): Aufgrund Fledermaus-Biologie und Virusgenetik sei eine neue Corona-Pandemie wahrscheinlich.
Ab 31. Dezember 2019 war die WHO informiert. Die Schweiz hätte zwei Monate Zeit gehabt, Daten zu studieren und Maßnahmen vorzubereiten.
5. Politische Aspekte – Propaganda
Warum wurde Asien ignoriert? Arroganz, Ignoranz, besserwisserische Haltung.
Beispiele Taiwan, Singapur, China: erfolgreiche Maßnahmen, die Leben gerettet haben. Europa hingegen ignorierte wissenschaftliche Fakten, führte halbherzige Maßnahmen ein, und China-Bashing lenkte von eigenem Versagen ab.
6. Woher stammt dieses Virus?
- 6400 Säugetierarten, Fledermäuse/Flughunde = 20 % der Population
- 1000 Fledermausarten beherbergen viele Viren
- SARS, MERS führten zu intensiver Forschung
Peng Zhou 2019: hohe Biodiversität, hohe Fledermauszahlen, hohe Bevölkerungsdichte, genetische Variabilität, Recombination → neue Pandemie wahrscheinlich
Vier Theorien:
- Direkte Fledermaus-zu-Mensch-Übertragung
- Pangolin-Transmission + Adaptation
- Elternstamm unentdeckt
- Synthetisches Laborvirus (nicht bewiesen, aber möglich)
Gefährlich: Virenrecombination könnte Supervirus bilden mit COVID-19-Inkubation und Ebola-Letalität.
7. Was wissen wir? Was wissen wir nicht?
Bekannte Fakten:
- Übertragungsweg: Tröpfcheninfektion, Aerosole, Schmierinfektion möglich.
- Inkubationszeit: Durchschnittlich 5–6 Tage, maximal 14 Tage.
- Symptome: Fieber, Husten, Atemnot, Geruchs-/Geschmacksverlust, Myalgien.
- Schwere Verläufe: 10–20 % der hospitalisierten Patienten benötigen intensivmedizinische Betreuung.
- Sterblichkeit: Variiert stark nach Alter, Vorerkrankungen, medizinischer Versorgung, Schätzungen zwischen 0,5 % und 3,5 %.
- Asymptomatische Fälle: Hoch, möglicherweise 40–80 % aller Infizierten.
Unbekannte Aspekte:
- Langzeitfolgen: COVID-19 kann über Monate Persistenz von Symptomen zeigen („Long COVID“).
- Mutationen: Neue Varianten können Übertragbarkeit, Krankheitsverlauf und Immunflucht beeinflussen.
- Schutzwirkung: Dauer und Stärke von Antikörpern sowie T-Zell-Immunität nicht vollständig verstanden.
- Exakte R0-Werte: Schwanken je nach Region, Maßnahmen und Virusvariante.
Fazit: Die Pandemie bleibt dynamisch und schwer vorhersagbar. Wissenschaftliche Prognosen müssen flexibel bleiben.
8. Was können wir aktuell tun?
- Medizinisch:
- Schutz der Risikogruppen (ältere und multimorbide Patienten)
- Verbesserung der Beatmungs- und ECMO-Kapazitäten
- Sicherstellung ausreichender Schutzmaterialien für medizinisches Personal
- Politisch:
- Transparente Kommunikation
- Faktenbasierte Entscheidungen, unabhängig von Ideologie
- Nationale und internationale Koordination
- Gesellschaftlich:
- Verantwortungsvoller Umgang mit sozialen Kontakten
- Unterstützung vulnerabler Gruppen
- Vermeidung von Panikmache und Stigmatisierung
- Forschung:
- Förderung von Impfstoff- und Medikamentenentwicklung
- Langzeitstudien zu Immunität und Virusvarianten
- Analyse erfolgreicher Maßnahmen in anderen Ländern
9. Zukunft
- Ende der Pandemie: Abhängig von Impfungen, therapeutischen Fortschritten und Virusentwicklung.
- Vorbereitung auf nächste Pandemie:
- Aufbau nationaler Krisenpläne
- Lagerhaltung von Schutzmaterial und Beatmungsgeräten
- Frühwarnsysteme und internationale Zusammenarbeit
- Gesellschaftliche Lektionen:
- Wertschätzung des medizinischen Personals
- Wichtigkeit wissenschaftlicher Beratung
- Notwendigkeit rationaler, moralisch fundierter Entscheidungen
10. Schlussfolgerungen
- COVID-19 ist keine gewöhnliche Grippe, sondern eine ernstzunehmende Pandemie.
- Die bisherigen Maßnahmen waren teilweise unzureichend, teilweise übertrieben, doch ein vollständiges Ignorieren der Gefahr hätte zu einer Katastrophe geführt.
- Entscheidungen müssen auf Fakten, Ethik und Moral basieren – nicht auf Medienhysterie oder politischer Propaganda.
- Die Pandemie ist eine Warnung: Wissenschaft, Politik und Gesellschaft müssen in Zukunft besser vorbereitet sein.
- Die Verantwortung für das Wohlergehen aller Bürger liegt bei jedem Einzelnen, insbesondere bei den Entscheidungsträgern.
Paul Robert Vogt
Prof. Dr. med. Dr. h.c.
Stiftung EurAsia Heart
07. April 2020
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