Möchten Sie Push-Benachrichtigungen von unserer Zeitung erhalten? Ja Nein, danke
  • 11. März 2026 11:18

Vom Banalen zum Literarischen: Ein Rezept als Spiegel unserer Gegenwart

ByDavid Aebischer

Feb. 27, 2026

Mit seinem neuen Buch „Tarator“ lädt der Autor Peter Biro zu einem ungewöhnlichen literarischen Experiment ein. In 159 Variationen dreht sich alles – ausgerechnet – um eine kalte Gurkensuppe. Damit erinnert er unübersehbar an Raymond Queneau und seine berühmten Stilübungen. Doch während Queneau ein alltägliches Ereignis in immer neue sprachliche Formen presste, nimmt dieser Band ein schlichtes Rezept als Ausgangspunkt. Herauskommt ein Kaleidoskop aus Sprache, Ideologien, Identitätsthemen und feinen Zeitdiagnosen.

Das Buch balanciert geschickt zwischen Hommage und eigenständigem Experiment. Hinter dem Banalen verbirgt sich ein erstaunliches Sprengpotenzial: Eine Gurkensuppe wird hier zum Spiegel unserer Gegenwart, zum akustischen Archiv unserer Zeit. Im Gespräch erzählt der Autor, warum gerade die kleinen Dinge oft die größten Geschichten erzählen – und warum eine einfache Suppe mehr erzählen kann, als man denkt.

DMZ-NEWS: Sie knüpfen explizit an Raymond Queneau an. Doch während dessen „Stilübungen“ vom Ereignis ausgehen, wählen Sie ein Rezept. Ist „Tarator“ eine Hommage – oder eine Korrektur der literarischen Moderne?

Peter Biro: Queneau war die Initialzündung, nicht der Bauplan. Ohne seine Stilübungen, die ich seit meiner Jugend bewundere, wäre mir diese Idee vermutlich nie gekommen. Eine bloße Fortschreibung seines Ansatzes interessierte mich jedoch nicht. Das banale Suppenrezept schien mir ein dankbareres Objekt: widerständig genug, um 159mal sprachlich misshandelt zu werden, ohne sich dagegen wehren zu können.

DMZ-NEWS: Ihr Buch folgt einer strengen formalen Auflage – acht Zutaten, 159 Variationen. Würden Sie Ihr Werk als OulipoProjekt verstehen, als ironische Enzyklopädie oder als poetisches Experiment über die Grenzen der Kombinatorik?

Peter Biro: Oulipo – diese Werkstatt für potentielle Literatur – wäre zweifellos eine passende Adresse. Allerdings halte ich es da mit Woody Allen: Ich möchte keinem Club beitreten, der jemanden wie mich aufnehmen würde. Tarator ist eher ein Einzelgängerprojekt mit Hang zur Systematik und gelegentlichen anarchischen Ausbrüchen.

DMZ-NEWS: Ist Wiederholung für Sie ein Mittel der Erkenntnis oder ein Akt der Subversion gegen die Erwartung nach Originalität?

Peter Biro: Wiederholung ist ein äußerst wirksames Instrument – vorausgesetzt, sie erzeugt keine Langeweile. Richtig eingesetzt funktioniert sie wie ein running gag: Man erkennt das Muster, wartet auf die Abweichung und wird idealerweise trotzdem überrascht. Erkenntnis entsteht dabei fast nebenbei.

DMZ-NEWS: Warum ausgerechnet Tarator – eine scheinbar unspektakuläre, kalte Gurkensuppe? Ist das Banale der radikalste Ausgangspunkt für Literatur?

Peter Biro: Gerade das Banale besitzt enormes Sprengpotenzial. Es senkt die Erwartungshaltung und schafft Raum für Überraschung. Tarator hätte leicht durch etwas anderes ersetzt werden können, aber zu dieser Suppe habe ich eine persönliche, familiäre Beziehung – und ihre Zubereitung ist so einfach, dass selbst ich sie beherrsche. Das schuf Vertrauen.

DMZ-NEWS: In Ihrem Buch wird ein bulgarisches Nationalgericht zur Projektionsfläche globaler Diskurse. Ist das eine ironische Kommentierung nationaler Identitätskonstruktionen?

Peter Biro: Durchaus. Alles Nationalistische oder gar Chauvinistische ist mir suspekt – nicht zuletzt aufgrund meiner Kindheit im stalinistischen Rumänien. Entsprechend verstehe ich diese Textfragmente als eine heilsame Auflehnung gegen übersteigertes Nationalbewusstsein. Gegen Folklore hingegen habe ich nichts. Sie würzt, solange man sie dezent einsetzt und nicht zur Ideologie einkocht.

DMZ-NEWS: Könnte man „Tarator“ als literarische Antwort auf eine Zeit lesen, in der Kultur zunehmend konsumiert, aber selten reflektiert wird?

Peter Biro: So weit würde ich nicht gehen wollen. Im besten Fall animiert das Buch dazu, an einem heißen Sommertag selbst eine kalte Suppe zuzubereiten – und dabei vielleicht über Sprache, Formen und Tonlagen nachzudenken. Tarator versteht sich weniger als Diagnose denn als Einladung zur spielerischen Kreativität.

DMZ-NEWS: Ihre Variationen imitieren unter anderem Kriegsberichte, Inquisitionsakten, päpstliche Ansprachen oder existentialistische Traktate. Was reizt Sie daran, Machtsprachen zu parodieren?

Peter Biro: Je weiter sich die Parodie vom Original entfernt und dennoch erkennbar bleibt, desto besser. Gerade bei Machtsprachen wirken thematische Distanz und Überraschung besonders stark. Am Ende bleibt es jedoch eine literarische Übung mit einem klaren Hauptzweck: Unterhaltung.

DMZ-NEWS: Wenn jede Ideologie sich selbst im Tonfall verrät – wollten Sie mit „Tarator“ ein akustisches Archiv dieser Tonfälle schaffen?

Peter Biro: Diesen Anspruch hatte ich nicht. Aber alles, was entlarvend wirkt, war mir willkommen. Ideologien und Dogmen dienen oft dazu, eigenständiges Denken zu unterbinden. Dagegen halte ich – notfalls auch mit einer Gurkensuppe.

DMZ-NEWS: Ist Humor für Sie ein ästhetisches Stilmittel oder ein politisches Instrument?

Peter Biro: Humor ist zunächst kein ästhetischer Wert an sich – außer vielleicht, wenn eine Formulierung einen inneren Wahrheitsgehalt trifft. Als politisches Instrument hingegen ist er unschlagbar. Nichts fürchten Tyrannen und Demagogen mehr, als lächerlich zu wirken. Gleich an zweiter Stelle nach Revolte.

DMZ-NEWS: Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen Parodie und Respekt?

Peter Biro: Dort, wo menschliches Leid beginnt. Das ist keine geeignete Spielwiese für Parodie.

DMZ-NEWS: Ist dieses Buch letztlich eine Feier der Literatur – oder ihr augenzwinkernder Nachruf?

Peter Biro: Eine Reverenz ist Tarator allemal. Ein Nachruf sicher nicht. Die Literatur lebt, tritt um sich und zeigt erstaunliche Kondition.

DMZ-NEWS: Ihre formale Strenge wirkt fast asketisch, während der Inhalt häufig anarchisch ist. Entsteht Kreativität aus Begrenzung?

Peter Biro: Wie bei allen konstruktiven Vorhaben braucht es Regeln. Wie streng sie sind und wie weit man sie dehnt, liegt im Ermessen des Autors. Ohne dieses Korsett wäre das Buch reiner Klamauk – mit ihm gewinnt es Reibung und Form.

DMZ-NEWS: Gab es eine Variation, an der das Konzept beinahe gescheitert wäre?

Peter Biro: Ja. Bei Themen wie Inquisition, religiöser Parodie oder bewusst überzogener Provokation bin ich mehrfach an die Grenze des guten Geschmacks gestoßen – falls man sich darauf einigen kann, was das überhaupt ist.

DMZ-NEWS: Ist die bewusste Ungleichmäßigkeit – brillante Texte neben bewusst überzogenen – Teil einer Ästhetik des Risikos?

Peter Biro: Ungleichmäßigkeit ergibt sich zwangsläufig aus Tiefe und Tragweite der jeweiligen Themen. Übertreibung hingegen ist ein bewusst eingesetztes Stilmittel – ohne sie würde das gesamte Projekt nicht funktionieren.

DMZ-NEWS: Viele Texte spiegeln gegenwärtige Diskurse über Identität, Moral, Krieg oder Bürokratie. Ist „Tarator“ ein Zeitporträt im Gewand der Groteske?

Peter Biro: Das kann man kaum treffender formulieren. Ja, genau das ist es.

DMZ-NEWS: Glauben Sie, dass Satire heute schärfer sein muss, um überhaupt noch wahrgenommen zu werden?

Peter Biro: Ich glaube nicht, dass sich darin Grundsätzliches verändert hat. Gute Satire ist zeitlos. Das eigentliche Problem unserer Gegenwart ist die Überfülle an Inputs – zu viel Wald im Verhältnis zu edlen Gehölzen.

DMZ-NEWS: Was sagt es über unsere Epoche aus, dass sich Weltgeschichte an einer Gurkensuppe erzählen lässt?

Peter Biro: Dass eine kalte Gurkensuppe offenbar einen Beitrag zu Humanismus, Toleranz, internationaler Zusammenarbeit, Weltfrieden – und zur Akzeptanz von Knoblauch leisten kann.

DMZ-NEWS: Hat dieses Projekt Ihren eigenen Blick auf Sprache verändert?

Peter Biro: Es hat meinen Blick für sprachliche Feinheiten geschärft – und dem Lektorat wie auch dem Illustrator erhebliches Kopfzerbrechen bereitet.

DMZ-NEWS: Nach 159 Variationen: Gibt es für Sie noch eine „wahre“ Version des Tarator – oder existiert Wahrheit nur als Perspektive?

Peter Biro: Der wahre, auf das absolut Notwendige reduzierte Tarator findet sich gleich zu Beginn, in der Variante „Kurz und bündig“. Mehr muss man eigentlich nicht wissen – allerdings erschließt sich diese Erkenntnis erst nach der Lektüre aller 159 Texte.

KaMeRu Verlag, Herbst 2025
ISBN 978-3-907327-05-0

Buchrezension

Peter Biro: „Tarator. 159 literarische Variationen einer kalten Gurkensuppe“. Erschienen bei KaMeRu im Dezember 2025, ISBN 978-3-907327-05-0

Was lässt sich über eine kalte Suppe schreiben? Offenbar alles. In Tarator treibt Peter Biro eine literarische Grundidee mit bewundernswerter Konsequenz ins Extrem: Ausgehend von einem denkbar schlichten Ausgangspunkt – einer bulgarischen Gurkensuppe aus Joghurt, Wasser, Knoblauch, Dill, Nüssen und Olivenöl – entfaltet er ein Panoptikum von 158 alternativen Textminiaturen, die nichts weniger versuchen als eine komische Enzyklopädie menschlicher Ausdrucksformen darzustellen.

Biro bekennt sich offen zu Raymond Queneaus Stilübungen – die er als Anregung betrachtet – verschiebt jedoch den Akzent vom Sprachartistischen ins Inhaltliche. Nicht ein banaler Vorfall, sondern ein simples Rezept wird variiert, nicht das Geschehen, sondern die Perspektive. Und so begegnet uns der Tarator als Grabrede, als Kriegsbericht, als psychoanalytisches Protokoll, als Inquisitionsakte, als Kafka-Pastich, als Dada-Gedicht, als päpstliche Ansprache, als Shakespeare-Sonett, als Schulaufgabe, als existentialistischer Traktat, als Operninszenierung oder als nordatlantische UBoot-Meldung. Kaum ein kultureller, historischer, politischer oder ästhetischer Diskurs bleibt unberührt – und keiner wird geschont.

Der Witz dieses Buches liegt nicht allein in der schieren Menge der teils aberwitzigen Einfälle, sondern in der Disziplin, mit der sich Biro selbst Fesseln anlegt: Jede Variation muss die acht Zutaten enthalten, sei es noch so weit hergeholt. Daraus entsteht eine eigentümliche Spannung zwischen formaler Strenge und inhaltlicher Anarchie. Manche Texte sind pointiert und glänzend, andere bewusst überzogen, gelegentlich derb, gelegentlich geschmacklich hart an der Grenze – doch gerade diese Ungleichmäßigkeit gehört zum Konzept. Tarator ist kein Band zum linearen Durchlesen, sondern ein literarisches Büffet, von dem man sich besser portionenweise bedient. Dann bietet es Unterhaltung in Hülle und Fülle.

Unter der Oberfläche des grotesken Humors schimmert dabei mehr als bloße Spielerei. Das Buch ist eine Satire auf Ideologien, Bürokratien, nationale Mythen, kulturelle Eitelkeiten und nicht zuletzt auf die Literatur selbst. Die kalte Gurkensuppe wird zur Projektionsfläche, zum Prisma, durch das sich Weltgeschichte, Alltagswahnsinn und Geistesströmungen brechen. Dass dabei nicht jede Pointe zündet, ist fast nebensächlich – entscheidend ist der Atem, mit dem dieses Projekt durchgehalten wird.

Antoine Horst D‘Oeuvre

Bitte geben Sie in Ihrer E-Mail die folgenden Informationen sachlich an: Ort des Fehlers: Geben Sie uns die genaue URL/Webadresse an, unter der Sie den Fehler gefunden haben.

Wenn Sie einen Fehler entdecken, der Ihrer Meinung nach korrigiert werden sollte, teilen Sie ihn uns bitte mit, indem Sie an feedback@dmz-news.online schreiben. Wir sind bestrebt, eventuelle Fehler zeitnah zu korrigieren, und Ihre Mitarbeit erleichtert uns diesen Prozess erheblich.

Beschreibung des Fehlers:

Teilen Sie uns bitte präzise mit, welche Angaben oder Textpassagen Ihrer Meinung nach korrigiert werden sollten und auf welche Weise. Wir sind offen für Ihre sinnvollen Vorschläge.

Belege: Idealerweise fügen Sie Ihrer Nachricht Belege für Ihre Aussagen hinzu, wie beispielsweise Webadressen. Das erleichtert es uns, Ihre Fehler- oder Korrekturhinweise zu überprüfen und die Korrektur möglichst schnell durchzuführen. Wir prüfen eingegangene Fehler- und Korrekturhinweise so schnell wie möglich.

Vielen Dank für Ihr konstruktives Feedback!

Seit unserer Gründung setzt sich die DMZ dafür ein, dass verlässliche Informationen für alle zugänglich sind. In einer Zeit, in der Desinformation und soziale Medien die Nachrichtenlandschaft prägen, ist unabhängiger Journalismus wichtiger denn je.

Wir glauben daran, dass jede und jeder das Recht hat, faktenbasierte, hochwertige Nachrichten zu erhalten – ohne Paywall und ohne Unterbrechungen. Unser Ziel ist es, Journalismus zu machen, der informiert, erklärt und Vertrauen schafft.

Unsere Leserinnen und Leser sind das Herzstück dieser Arbeit. Nur durch Ihre Unterstützung können wir weiterhin unabhängig, kritisch und engagiert berichten. Jeder Beitrag – egal wie klein – hilft uns, dieses Ziel zu erreichen.

Helfen Sie mit, Journalismus frei zugänglich zu halten. Unterstützen Sie die DMZ noch heute.

By David Aebischer

David Aebischer ist Journalist und Autor mehrerer Bücher, darunter Romane und literarische Texte. Er schreibt zudem zu gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Themen. Seine Texte zeichnen sich durch Vielseitigkeit, klare Struktur und reflektierte Darstellung aus.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert