Neuchâtel – Trotz wirtschaftlicher Stabilität und hoher Lebensqualität zeigen neue Daten des Bundesamtes für Statistik (BFS) tiefe soziale Ungleichheiten in der Schweiz: Im Jahr 2024 waren 4,9 Prozent der Kinder unter 16 Jahren von mindestens drei Formen materieller Benachteiligung betroffen. Besonders stark betroffen sind Kinder aus Haushalten mit niedrigem Einkommen: Rund 14 Prozent dieser Kinder – also etwa jedes siebte – erlebten multiple Einschränkungen.
Die Zahlen stammen aus der Erhebung über Einkommen und Lebensbedingungen (SILC), die erstmals ein detailliertes Modul zur Kindesdeprivation enthielt. Dabei werden 17 Lebensbereiche erfasst, die für das Wohlbefinden von Kindern zentral sind – von Ferienreisen über Freizeitaktivitäten bis hin zu Kleidung und Fahrrädern.
- Urlaub: 6,5 Prozent der Kinder konnten keine Woche Ferien verbringen.
- Freizeitangebote: 3,2 Prozent mussten auf kostenpflichtige Hobbys wie Sportkurse verzichten.
- Feiern: 2,8 Prozent konnten kein Geburtstagsfest erleben.
Weitere Defizite, wie das Fehlen altersgerechter Bücher oder die Unmöglichkeit, Freunde einzuladen, lagen unter zwei Prozent. Entscheidend ist jedoch die Kumulation von drei oder mehr Defiziten, die auf systematische Ausgrenzung hinweist.
Schweiz im europäischen Vergleich
Mit einer Betroffenheitsquote von 4,9 Prozent liegt die Schweiz deutlich unter dem europäischen Durchschnitt von 13,6 Prozent und hinter Nachbarländern wie Österreich (9 %) oder Deutschland (11,3 %). Länder wie Griechenland (33,6 %) oder Rumänien (über 25 %) haben weitaus höhere Anteile. Dennoch warnen Expertinnen davor, dass diese „gute“ Position die realen Härten für vulnerable Gruppen verschleiere.
«Die Schweiz ist reich, aber nicht gerecht», sagt Dr. Maria Lehmann, Kinderarmutsbeauftragte bei Pro Juventute. «Hinter den Zahlen stehen Kinder, die nicht mithalten können – sei es im Sport oder im Klassenzimmer.»
Armutsrisiken nach Haushaltstyp und Einkommen
Der stärkste Faktor für Kindesdeprivation ist das Haushaltseinkommen:
- In den ärmsten 20 Prozent der Haushalte – jene unter dem unteren Fünftel der Einkommensverteilung – hatten 19,1 Prozent der Kinder keinen Urlaub, 8 Prozent verzichteten auf Freizeitangebote, 6,6 Prozent feierten kein Fest.
- Fehlende Schuhe oder Fahrräder betrafen bis zu 5,9 Prozent der Kinder.
In wohlhabenderen Haushalten liegen diese Raten unter 1,5 Prozent. Einelternfamilien sind besonders belastet: 14,1 Prozent der Kinder erlebten multiple Benachteiligungen, gegenüber nur 3,4 Prozent in Paarhaushalten. «Die Kombination aus Alleinerziehend-Sein und niedrigem Einkommen führt viele Familien in die Armutsfalle», erklärt Lehmann.
Gesamtarmutslage in der Schweiz
Die Armutsquote der gesamten Bevölkerung blieb 2024 bei 8,4 Prozent, das entspricht rund 743 000 Personen. Besonders gefährdet sind:
- Alleinstehende
- Geringqualifizierte
- Ausländer aus osteuropäischen oder außereuropäischen Ländern
- Haushalte ohne Erwerbstätige
Auch unter Arbeitnehmern lagen 4,3 Prozent (etwa 175 000 Personen) unter der Armutsgrenze, was das Phänomen der „working poor“ unterstreicht.
Die Armutsgrenze, berechnet nach den Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS), beträgt für eine Einzelperson 2388 Franken pro Monat (oder 4159 Franken für ein Paar mit zwei Kindern). Sie berücksichtigt Grundbedarf, Wohnkosten, Prämien, Steuern und obligatorische Abzüge. Seit 2022 stieg die Grenze um rund 100 Franken monatlich, Kritiker wie Caritas fordern eine schnellere Anpassung: «Viele Familien müssen Miete vor Mahlzeiten priorisieren – das ist Überleben, kein Leben», so die Sozialpolitikerin Anna Berger.
Potenzial für Veränderungen
Die Daten des BFS basieren auf einer Stichprobe von über 15 000 Haushalten und zeigen eine stabile Armutsquote über Jahre hinweg. Initiativen wie der Bundestag der Kinder oder kantonale Armutspräventionsprogramme könnten Verbesserungen bringen. Ohne strukturelle Reformen – etwa höhere Mindestlöhne oder erweiterte Kinderzulagen – droht jedoch, dass die Kinderarmut sich verfestigt.
Lehmann betont: «Armut ist kein Schicksal, sondern das Ergebnis politischer Entscheidungen.» In einem Land, das sich als Vorbild versteht, stellt sich die Frage: Wie lange dulden wir, dass jedes siebte Kind in Armut aufwächst?
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